Indus: „Der Markt befindet sich weiterhin in einer Ausnahmesituation“ - Interview
Ende Juli hat Indus die Prognose für 2026 angehoben. Erwartet wird nun ein Umsatz von 1,9 Milliarden Euro bis 2,1 Milliarden Euro (alt: 1,85 Milliarden Euro bis 2,05 Milliarden Euro). Das bereinigte EBITA wird bei 220 Millionen Euro bis 260 Millionen Euro (alt: 160 Millionen Euro bis 190 Millionen Euro) gesehen. Begründet wird die neue Prognose mit einem Sondereffekt. Im Bereich Materials Solutions zeigt sich eine außergewöhnliche Geschäftsentwicklung. Diese wird durch starke Preisanstiege bei Wolframcarbid hervorgerufen.
In einem Exklusivinterview mit der Redaktion von 4investors.de erläutert Johannes Schmidt, CEO von Indus, die Hintergründe. Er spricht über die aktuelle Versorgungslage bei Wolframcarbid und über die chinesische Vormachtstellung bei diesem Rohstoff. Das Thema Recycling von Wolframcarbid wird ebenso angesprochen wie die weitere Preisentwicklung. Thematisiert werden auch die Auswirkungen auf das Working Capital. Trotz all dieser Herausforderungen zeigt sich Schmidt zuversichtlich für die Zukunft: „Deshalb blicken wir auch über 2026 hinaus positiv auf die Geschäftsentwicklung.“
4investors.de: Wolframcarbid ist ein sehr hartes Material und wird u.a. für Schneidwerkzeuge, Bohrer und Verschleiß-Schutzlösungen genutzt. Kann man Wolframcarbid durch andere Materialien ersetzen?
Schmidt: Theoretisch könnte Wolframcarbid bei einzelnen Anwendungen durch Diamant ersetzt werden, der noch härter ist. Aufgrund der erheblich höheren Kosten ist dies jedoch nur in wenigen Anwendungen eine wirtschaftliche Alternative.
4investors.de: Die Versorgungslage bei Wolframcarbid ist derzeit sehr angespannt. Wie kommt das und wie wird sich dies in den kommenden Monaten entwickeln?
Schmidt: Wolframcarbid ist als strategisches Metall seit Anfang 2025 von restriktiven chinesischen Exportkontrollen betroffen. Wir haben die Situation jedoch frühzeitig adressiert und konnten die Versorgung in unserer Beteiligung durch ein umfangreiches Maßnahmenpaket absehbar absichern.
4investors.de: Kann man sich vor einer weiteren Verschärfung der chinesischen Exportkontrollen überhaupt schützen? Wie viel Prozent ihres Wolframcarbids kommt aus China?
Schmidt: Angesichts der Tatsache, dass geschätzt rund 80 Prozent des derzeit weltweit geförderten Wolframs aus China kommt, kann sich die Branche von chinesischen Entscheidungen nicht entkoppeln. Man kann aber die eigene Widerstandsfähigkeit und seine Resilienz erhöhen. Wir setzen auf eine breiter diversifizierte Beschaffung, langfristige Liefervereinbarungen und eine stetig steigende Recyclingquote. Dadurch haben wir unsere Abhängigkeit von einzelnen Bezugsquellen deutlich reduziert.
4investors.de: Gibt es eine Chance, dass zeitnah andere Quellen für Wolframcarbid zur Verfügung stehen, möglicherweise auch durch verstärktes Recycling?
Schmidt: Recycling ist hier ein wichtiger Hebel. Unsere Beteiligung hat dafür bereits früh eine eigene Technologie entwickelt und die Kapazitäten in den vergangenen Monaten mit hohem Tempo weiter ausgebaut. Hier kommt uns unsere hohe Technikkompetenz zugute. Gleichzeitig sehen wir, dass die höheren Wolframpreise weltweit Anreize schaffen, stillgelegte Minen wieder in Betrieb zu nehmen oder neue Lagerstätten wirtschaftlich zu erschließen. Das wird die starke Marktstellung Chinas nicht kurzfristig verändern, könnte aber langfristig zu einer breiteren Versorgung beitragen.
4investors.de: Bis wann reichen ihre Vorräte an dem Rohstoff, falls es kein weiteres Material mehr geben sollte?
Schmidt: Anfang 2025 war die Situation tatsächlich unübersichtlich und von hoher Unsicherheit geprägt. Seither ist es uns aber gelungen, die Versorgung für aktuelle Bedarfe zu sichern. Dadurch konnte das Unternehmen auch zusätzliche margenstarke Aufträge übernehmen, Marktanteile gewinnen und seine Position als verlässlicher Partner im Markt weiter stärken.
4investors.de: Seit Anfang 2026 hat sich der Preis von Wolframcarbid verdreifacht. Wird sich diese Entwicklung fortsetzen?
Schmidt: Der Markt befindet sich weiterhin in einer Ausnahmesituation. Derzeit haben sich die Preise auf sehr hohem Niveau stabilisiert. Wann und auf welchem Niveau sich die Preise für Wolframcarbid mittelfristig wieder normalisieren, ist derzeit offen.
4investors.de: Noch können sie die höheren Preise für Wolframcarbid an die Kunden weiterreichen. Wo liegt deren Schmerzgrenze? Oder gibt es überhaupt eine?
Schmidt: Die Preissteigerungen bei Wolframcarbid waren extrem. Gemeinsam mit unseren größten Kunden und Systempartnern haben wir uns dennoch dafür entschieden, die Lieferfähigkeit unserer Beteiligung zu sichern. Dadurch konnten unsere Kunden und wir den Markt weiterhin zuverlässig bedienen und unsere Positionen stärken. Gleichzeitig beobachten wir die weitere Marktentwicklung aufmerksam. Bei dauerhaft hohen Preisen können Nachfrage und Zahlungsbereitschaft in einzelnen Branchen sinken. Zudem könnte der Wettbewerb durch chinesische Anbieter wieder zunehmen. Das sind Faktoren, die sich perspektivisch auf Umsatz und Ergebnis auswirken können.
4investors.de: Die höheren Preise für Wolframcarbid belasten das Working Capital stark. Kann das zu einem größeren Problem werden?
Schmidt: Natürlich bindet das hohe Preisniveau bei Wolframcarbid zusätzliches Kapital im Working Capital. Das hatten wir jedoch erwartet und entsprechend eingeplant. Gleichzeitig hat die starke operative Entwicklung dazu geführt, dass wir im zweiten Quartal einen deutlich positiven Free Cashflow erwirtschaften konnten. Deshalb rechnen wir weiterhin zum Jahresende mit einem mindestens ausgeglichenen Free Cashflow.
4investors.de: Kommt es durch die höheren Wolframcarbid-Preise zu einer Konsolidierung des Marktes, ergeben sich für Indus vielleicht sogar günstige Akquisitionschancen bei schwächelnden Mitbewerbern?
Schmidt: Natürlich können Veränderungen in einzelnen Märkten Chancen schaffen. Derzeit haben wir im Wolframcarbid-Umfeld allerdings keine Akquisitionsprojekte in der Pipeline. Prinzipiell halten wir stets Ausschau nach attraktiven Unternehmen, sowohl für neue Beteiligungen als auch als Ergänzungsakquisitionen zu bestehenden Portfoliounternehmen.
4investors.de: Für 2026 haben sie die Prognose aufgrund der Entwicklung bei den Wolframcarbid-Preisen angehoben. Birgt das zugleich eine Enttäuschungsgefahr für die Prognose 2027?
Schmidt: Uns ist vollkommen bewusst, dass die aktuelle Entwicklung im Wolframcarbid-Markt außergewöhnlich ist und nicht als neues Normalniveau interpretiert werden kann. Entsprechend lässt sich dieser Effekt auch nicht so in das kommende Jahr fortschreiben. Unabhängig davon sehen wir unser Portfolio insgesamt gut aufgestellt. Alle drei Segmente entwickeln sich gut und die Nachfrage nach den Produkten und Lösungen unserer Unternehmen bleibt stabil. Deshalb blicken wir auch über 2026 hinaus positiv auf die Geschäftsentwicklung.
