Wirecard: Warum die Aktie doch in den DAX gehört - Kommentar
Daniela Bergdolt, VizeprĂ€sidentin der Deutschen Schutzvereinigung fĂŒr Wertpapierbesitz e.V., teilt gerade krĂ€ftig gegen Wirecard aus. âWirecard ist ein DAX-Unternehmen, das nicht DAX-fĂ€hig ist, weil es nicht die Struktur eines DAX-Unternehmens hat - nicht in der Compliance, nicht bei Corporate Governance, nicht bei internen Kontrollsystemenâ, kritisiert Bergdolt im Interview mit âEuro am Sonntagâ. Und liefert den Rat an die Deutsche Börse AG gleich mit, die Regeln fĂŒr die Zusammensetzung des DAX zu ĂŒberdenken.
Mit der Kritik sind Bergdolt Schlagzeilen sicher und auch der Applaus vor allem derjenigen, die Wirecard als völlig ĂŒberbewertet ansehen. Bei Wirecard wurde in Asien Mist gebaut, das steht fest. VerbesserungswĂŒrdige Strukturen haben das begĂŒnstigt, das steht ebenfalls fest.
Dass all das aber kein Kriterium fĂŒr eine DAX-Aufnahme sein kann, das steht ebenfalls fest.
Probleme bei Compliance und Kontrollsystemen, schlechte Corporate Governance, etc. - all das findet sich unter den DAX-Titeln nicht allein bei Wirecard. Musterbeispiel hierfĂŒr ist vor allem die Deutsche Bank mit ihren zahlreichen kleinen und groĂen Skandalen, die dem Konzern wie den AktionĂ€ren etliche Milliarden gekostet haben. Ăber den DAX-Verbleib der Deutschen Bank diskutiert vor diesem Hintergrund aber niemand. Gleiches gilt fĂŒr VW in Sachen Diesel-Skandal.
Die Diskussionen wĂ€ren ohnehin mĂŒĂig. Mit den quantitativen Kriterien, die die Deutsche Börse AG fĂŒr die Aufnahme und den Rauswurf einer Aktie aus dem DAX entscheidet, hat der Markt bereits jetzt die Entscheidung. Den Anlegern und damit vor allem den EigentĂŒmern des Unternehmens obliegt es, Fehlverhalten im Management bzw. in den Konzernen, schlechte Strukturen, zweifelhaftes GeschĂ€ftsgebaren, etc. zu sanktionieren. Die SelbstreinigungskrĂ€fte sind vorhanden, âchecks and balancesâ hierfĂŒr sind in der Börse verankert. FĂ€llt die Aktie stark, fliegt sie aus dem DAX.
Die Deutsche Börse AG dagegen kann und darf sich nicht zu einem Richter aufspielen. Kommt strafrechtlich relevantes Verhalten ins Spiel, sind ohnehin die Behörden am Zug. Alles andere obliegt dem Markt. Grenzziehungen, ab wann ein Unternehmen DAX-fĂ€hig ist oder nicht, werden willkĂŒrlich und entsprechend umstritten sein. Was wĂ€re mit FĂ€llen wie der Deutschen Bank, oder mit Bayer, die sehenden Auges in das Problem Monsanto rannte, den Diesel-Skandalnudeln aus der Autobranche oder mit Dauerproblemkindern wie ThyssenKrupp? Wer dĂŒrfte darĂŒber entscheiden, welches Unternehmen âDAX-fĂ€higâ bei weichen Kriterien ist, wo werden die Grenzen gezogen?
Derartige Streitfragen um âDAX-fĂ€higâ oder nicht âDAX-fĂ€higâ wĂ€ren in der Praxis kaum zu lösen und dĂŒrften dem Finanzmarkt Deutschland eher schaden als nĂŒtzen.
Und so beschreitet die Deutsche Börse mit der Konzentration auf quantitative Kriterien bei der DAX-Aufnahme den richtigen Weg. Das kann einem im Einzelfall Wirecard gefallen oder nicht. Die Anleger in ihrer Gesamtheit jedenfalls haben entschieden: Wirecard gehört in den DAX. Zumindest derzeit.
