Börse am Morgen: Salzgitter, ThyssenKrupp, Brent, Gas, Anleihen - Nord/LB
Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland stieg im ersten Halbjahr 2026 um 6,7% auf 12.812 Fälle und erreichte damit den höchsten Stand seit 2013. Haupttreiber sind die schwache Binnenkonjunktur sowie hohe Energie-, Personal- und Finanzierungskosten, wobei besonders Transport, Gastgewerbe und Bau betroffen sind. Obwohl Branchenvertreter auch für das Gesamtjahr mit weiter steigenden Insolvenzen rechnen, wird derzeit keine flächendeckende Insolvenzwelle erwartet. Die Gläubigerforderungen sanken jedoch auf EUR 18,5 Mrd., da weniger große Unternehmen insolvent wurden als im Vorjahr. Parallel nahmen auch die Verbraucherinsolvenzen leicht zu, während ein Rekord bei Startup-Gründungen und erste Rückgänge der Insolvenzzahlen im August auf eine mögliche Stabilisierung hindeuten, das Insolvenzniveau aber weiterhin hoch bleibt.
Nach den falkenhaften Tönen von Frau Lagarde aus letzter Woche hält EZB-Ratsmitglied Martin Kocher Aussagen über mögliche Zinsschritte auf der nächsten Sitzung Ende Oktober angesichts der hohen Unsicherheit bei Inflation und geopolitischen Entwicklungen derzeit für verfrüht. Die Inflationsrisiken seien weiterhin erhöht, könnten sich jedoch bis zur nächsten Sitzung deutlich verändern. Die EZB bleibe ihrem Ziel verpflichtet, die Inflation mittelfristig auf 2% zu senken, und lasse sich bei ihren Entscheidungen nicht von Marktspekulationen über weitere Zinserhöhungen leiten. Kocher wörtlich: „Die Märkte machen ihren Job, wir machen unseren.“
Wochenausblick
Selten sind die Märkte so nervös wie in dieser Woche, was vor allem auch an der Zinsentscheidung in den USA liegt. Zur Mitte der Woche dürfen wir also erfahren, wie der weitere geldpolitische Pfad in den USA aussehen könnte. Auch die Bank of England und die Bank of Japan werden über die Leitzinsen diskutieren – es wird also alles andere als langweilig! Außerdem werden noch spannende Wirtschaftsdaten u. a. vom US-Immobilienmarkt, den UK-Preisdaten und dem ZEW-Konjunkturbarometer gemeldet.
Renten- und Aktienmärkte
Die steigenden Energiepreise infolge des Nahost-Konflikts schürten in der letzten Woche die Inflationssorgen und nährten die Erwartung weiterer Zinserhöhungen durch die großen Notenbanken. Dies resultierte in einem deutlichen Ausverkauf an den europäischen sowie US-Anleihemärkten. Renditen legten entsprechend kräftig zu. Zweijährige Bundesanleihen erreichten mit 3,21% den höchsten Stand seit Oktober 2023, während zehnjährige Bundesanleihen mit bis zu 3,51% auf den höchsten Stand seit dem Jahr 2009 (Finanzkrise) stiegen. Auch US-Staatsanleihen gerieten unter Druck, wobei die Rendite zehnjähriger Treasuries zeitweise nur noch knapp unter der Marke von 5% lag. Auch die am Freitagnachmittag kommunizierten US-CPI Zahlen (Inflationsrate verharrt bei 3,4%) brachten keine wirkliche Erleichterung. Sticky, sticky inflation! Eine erste Zinserhöhung seit drei Jahren in den USA wird wieder immer wahrscheinlicher.
Nichtsdestotrotz: Etwas Rückenwind aufgrund der leicht sinkenden Ölpreise entließ die weltweiten Aktienmärkte am Freitag mit grünen Vorzeichen in das Wochenende. DAX +0,82%; MDAX +0,21%; TecDAX +1,01%;; Dow Jones +0,98%; S&P 500 +0,86%; Nasdaq Comp. +0,96%.
Unternehmen
Der Stahlkonzern Salzgitter stellt sein Finanzressort neu auf. Finanzvorständin Birgit Potrafki wird ihren Ende Januar 2027 auslaufenden Vertrag nicht verlängern und das Unternehmen auf eigenen Wunsch verlassen. Ihr Nachfolger wird zum 1. Oktober 2026 Christoph Martin, der als Finanz- und Stahlexperte gilt. Salzgitter-Vorstandschef Gunnar Groebler würdigte Potrafkis Beitrag zu nachhaltigen Verbesserungen und die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Zur Information: Im Juli dieses Jahres verzeichnete die dt. Stahlproduktion aufgrund einer anhaltend schwachen Nachfrage erstmalig in diesem Jahr einen Produktionsrückgang (um rund 2% auf knapp 2,7 Mio. Tonnen). Die Branche ächzt dabei schon seit längerem unter hohen Energiepreisen, Überkapazitäten und starkem Wettbewerbsdruck aus Asien. Vor diesem Hintergrund plant bspw. der Branchenführer ThyssenKrupp Steel Europe, bis zu 11.000 der rund 26.000 Arbeitsplätze abzubauen oder auszulagern.
Rohstoffe
Trotz eines Rückgangs von rund vier Prozent zum Wochenschluss hat sich der Preis für Brent-Rohöl mit rd. USD 104 US-Dollar je Fass innerhalb von nur einer Woche um beachtliche acht Prozent verteuert.
Analoges Bild beim Gas. Auch hier kam es am letzten Freitag zu einer leichten Preiserholung (TTF Gas fiel wieder unter EUR 80/MWh). Ich geb Gas, ich hab Spaß. Nicht wirklich. Diese Preise schmerzen immer mehr.
Disclaimer: Dieser Text ist eine Kolumne der Nord LB. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!
4investors.de als bevorzugte Quelle bei Google festlegen
Damit sehen Sie unsere Börsen- und Aktiennews häufiger in Ihren Google-Suchergebnissen.


