Börse am Morgen: Alphabet, Schwarz-Gruppe, Energiepreise, EZB, Anleihen - Nord/LB
Die Stimmung unter Selbstständigen und Kleinstunternehmen in Deutschland hat sich im August zum vierten Mal in Folge verbessert; das Ifo-Geschäftsklima stieg von -22,6 auf -19,7 Punkte, getragen von weniger pessimistischen Erwartungen und einer etwas besseren Bewertung der aktuellen Lage. Gleichzeitig hat die Unsicherheit über die künftige Geschäftsentwicklung abgenommen, auch wenn die Situation insbesondere im Gastgewerbe weiterhin schwierig bleibt. Insgesamt deuten die Daten auf eine schrittweise Stabilisierung hin, passend zur zuletzt verbesserten Konjunkturentwicklung und den angehobenen Wachstumsprognosen für die deutsche Wirtschaft.
Tagesausblick:
Wie gestern bereits angeteasert, wird heute das zentrale Event der europ. Märkte stattfinden. Christine Lagarde wird zur späten Mittagszeit vor das Mikrofon treten und voraussichtlich eine Leitzinserhöhung ankündigen. Sollte das nicht erfolgen, wäre dies jedenfalls eine faustdicke Überraschung. Außerdem werden aus den USA die Produzentenpreise für den August gemeldet, welche natürlich auch inflationsrelevant sind. Die wohl wichtigste Zeitreihe für die Preisentwicklung wird aber erst morgen präsentiert.
Renten- und Aktienmärkte
Europäische Staatsanleihen gerieten am Mittwoch klar unter Abgabedruck (nachdem der Ölpreis deutlich über die USD 100-Marke gestiegen war). Investoren rechnen zunehmend mit einer länger anhaltenden, höheren Inflation und damit weiteren Zinserhöhungen in Europa. Die Rendite zweijähriger Bundesanleihen stieg gestern bspw. auf 3,08% (+8bp) und damit auf den höchsten Stand seit Juni 2024. Die Finanzmärkte erwarten inzwischen sogar, dass sowohl die Europäische Zentralbank (EZB) als auch die Bank of England bis Ende 2027 möglicherweise noch bis zu vier weitere Zinsschritte vornehmen könnten! Besonders kurzlaufende Anleihen wurden daher verkauft, wodurch die Renditen deutlich anzogen. Entsprechend standen auch britische Staatsanleihen unter Selling Pressure; die Rendite zweijähriger Gilts stieg auf 4,69%. FixedIncome-Anleger richten ihren Blick heute nunmehr gespannt auf die geldpolitische Entscheidung der EZB und die Aussagen von Präsidentin Christine Lagarde, um Hinweise auf den weiteren Zinskurs zu erhalten. Zusätzlich offenbart der breite Ausverkauf die Sorgen hinsichtlich der Stabilität der Staatsfinanzen einzelner Länder. Besonders Frankreich steht derzeit im Fadenkreuz der Bond Vigilantes. Der Renditeaufschlag zehnjähriger französischer Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen weitete sich gestern auf 89 Basispunkte aus und erreichte damit den höchsten Stand seit 2012 (dem Jahr von „Whatever it takes“).
Die hohen Energiepreise belasten in diesem Umfeld weltweit die Börsen (subsummierbar unter einer sogenannten westl. „Zinsangst“). In Europa (länderübergreifend) und Amerika waren die Kurstafeln mit roten Vorzeichen versehen. DAX -1,66%; MDAX -1,43%; TecDAX -1,03%; Dow Jones -0,77%; S&P 500 -0,48%; Nasdaq Comp. -0,64%.
Unternehmen
Der US-Konzern Alphabet plant in den Jahren 2027/28 ein finanzielles Engagement von mindestens EUR 13 Mrd. in Finnland und würde damit seine bislang größte Einzelinvestition in Europa für KI-Infrastruktur tätigen. Investiert werden soll in Rechenzentren, den Stromnetz-Ausbau sowie in Projekte für erneuerbare Energien und Batteriespeicher zur Unterstützung von Diensten wie Gemini, Google-Suche, Maps und YouTube. Finnland profitiert dabei von seinem kühlen Klima und der Verfügbarkeit kohlenstoffarmen Stroms, wodurch laut Google tausende Arbeitsplätze geschaffen und die Wirtschaftsleistung deutlich gestärkt werden sollen.
Auch die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland, etc.) plant ein ähnliches Investment wie Alphabet. In Dummerstorf bei Rostock soll ein KI-Rechenzentrum entstehen, das als Beitrag zur digitalen Souveränität Deutschlands sowie zur regionalen Wertschöpfung und Beschäftigung gesehen wird. Bemerkenswert: Aufgrund des hohen Energiebedarfs von KI-Anwendungen könnte bereits die erste Ausbaustufe mit 240MW Leistung mehr als doppelt so viel Strom verbrauchen wie die gesamte Stadt Rostock (weshalb der Ausbau von erneuerbaren Energien, Netzen und Speichern eng mit dem Projekt verzahnt werden muss)! MecklenburgVorpommern gilt durch sein großes Angebot an Wind- und Solarstrom als attraktiver Standort, (während ein geschlossener Kühlkreislauf den Wasserverbrauch des Rechenzentrums begrenzen soll).
Rohstoffe
Die Eskalation im Nahen Osten (schwerste Welle gegenseitiger Angriffe auf die Schifffahrt seit Beginn des Krieges Ende Februar dieses Jahres) katapultiert den Preis für das schwarze Gold auf über USD 100 je Barrel. Das tut weh und eine Beruhigung oder ein Ende ist leider nicht in Sicht.
Disclaimer: Dieser Text ist eine Kolumne der Nord LB. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!
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