Börse am Morgen: DAX, Gaspreis, Kupfer, EZB, Konjunkturdaten - Nord/LB
Trotz eines Rückgangs der Unternehmensinsolvenzen um 10% auf 1.525 Fälle im August bleibt das Insolvenzgeschehen in Deutschland mit 63% über dem Vorkrisenniveau (2016 bis 2019) weiterhin hoch. Besonders kritisch ist der Anstieg der betroffenen Arbeitsplätze. In den größten 10% der insolventen Unternehmen waren über 16.000 Stellen gefährdet (mehr als doppelt so viele wie im Vorkrisendurchschnitt). Das IWH (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle) warnt daher vor einer verfrühten Entwarnung und erwartet trotz leichter Konjunkturerholung auch in den kommenden Monaten ein erhöhtes Insolvenzrisiko.
Der VDMA (Branchenverband Verein Deutscher Maschinenbau-Anstalten) warnt vor einer zunehmenden Verlagerung von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten (FuE) ins Ausland. 69% der befragten Maschinenbauunternehmen planen einen Ausbau ihrer FuE-Aktivitäten außerhalb Deutschlands (begründet durch hohe Standortkosten und rückläufige Umsätze). Der VDMA sieht darin ein Alarmsignal für den Industriestandort Deutschland und kritisiert insbesondere die geplanten Kürzungen der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) im Etat des Bundeswirtschaftsministeriums (Jahr 2027), da diese vor allem innovationsstarke kleine und mittlere Unternehmen (KMU) treffen würden.
Die dt. Elektroindustrie verzeichnet dank einer deutlich gestiegenen Auslandsnachfrage die beste Stimmung seit Mai 2023. Das Ifo-Geschäftsklima stieg im August auf 16,0 Punkte, getragen von optimistischen Erwartungen, steigenden Auftragseingängen und einer verbesserten Kapazitätsauslastung. Die Unternehmen planen Produktionsausweitungen und Personalaufbau, während das verarbeitende Gewerbe insgesamt weiterhin Stellenabbau erwartet. Wesentliche Wachstumstreiber sind Digitalisierung, KI-Investitionen, Rechenzentren und Automatisierung, auch wenn Materialengpässe für rund ein Drittel der Unternehmen ein Belastungsfaktor bleiben.
Tagesausblick
Den zweiten Tag in Folge hält der ökon. Kalender kaum Daten bereit, weshalb wir den Blick schon einmal auf Donnerstag richten. Dann nämlich kommt die EZB zusammen, um über die Leitzinsen in der Eurozone zu beraten. Es dürfte fast schon ausgemachte Sache sein, dass die europ. Zentralbank diese um 25 BP anheben dürfte, auch wenn eine 100-prozentige Sicherheit natürlich nicht gegeben ist. Heute Abend wird Ratsmitglied Nagel außerdem schon in Berlin sprechen, wobei sicherlich keine Ergebnisse vorweggenommen werden dürften.
Aktienmärkte
Steigende Öl- und Gaspreise (siehe unten) schürten an den europ. Aktienmärkten gestern die Sorge vor einer anhaltend hohen Inflation und weiteren Zinserhöhungen, weshalb Anleger zunächst zurückhaltend agierten. Der DAX fiel zeitweise um knapp ein Prozent auf rund 25.800 Punkte, konnte die Verluste im Tagesverlauf jedoch weitgehend aufholen und schloss wieder nahe der 26.000-Punkte-Marke. Auch an der Wall Street reservierte die Stimmung der Börsianer nach dem verlängerten Wochenende. Anleger warten auf US-Inflationsdaten. Dow Jones -0,71%; S&P 500 -0,58%; Nasdaq Comp. -0,32%; DAX +0,00%; MDAX +0,43%; TecDAX -0,47%.
Rohstoffe
Der Kupferpreis erreichte an der LME (London Metal Exchange) am gestrigen Dienstag ein neues Rekordhoch von USD 14.779 je Tonne (starke Kupferimporte in die USA und erwartete Zölle verknappen das Angebot außerhalb der USA derzeit deutlich). Zusätzliche Preistreiber der angespannten Versorgungslage sind Sorgen über Produktionsrisiken in Chile und im Nahen Osten. Gleichzeitig stützen die hohe Nachfrage aus KI-Infrastruktur, Solarenergie und Stromnetzausbau die Preisentwicklung.
Der Anteil erneuerbarer Energien an der deutschen Stromerzeugung erreichte im ersten Halbjahr mit knapp 60% einen neuen Rekord (wobei insbesondere die Windkraft zulegte und Deutschland seit 2023 mehr Strom aus erneuerbaren als aus konventionellen Quellen erzeugt). Gleichzeitig verbesserte sich die Stromhandelsbilanz deutlich. Die Exporte stiegen um 14,9%, die Importe sanken um 8,7%, wodurch der Importüberschuss von 8,3 auf 0,6 Mrd. kWh zurückging.
Der europ. Gaspreis stieg gestern auf den höchsten Stand seit Januar 2023 und erreichte sogar zeitweise EUR 75,80/MWh (getrieben durch den nicht enden wollenden Nahostkonflikt und die mit 66,9% für diese Jahreszeit ungewöhnlich niedrig gefüllten Gasspeicher in Europa (Deutschland: 54,5%)). Marktbeobachter, Händler und Verbände warnen in diesem Umfeld vor erhöhten Versorgungsrisiken im bevorstehenden Winter, insbesondere bei weiter anhaltenden Angebotsstörungen oder einer längeren Kältewelle. Zusätzlichen Preisdruck verursachen derzeit Unsicherheiten bei LNG-Lieferungen.
Disclaimer: Dieser Text ist eine Kolumne der Nord LB. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!
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