oekostrom AG: „Saubere Energie für alle“
Noch ist die oekostrom AG, nach eigenen Angaben Österreichs größte unabhängige Energieversorgerin im Bereich Ökostrom, in Deutschland recht unbekannt. Jetzt hat man aber einen ersten Schritt ins Nachbarland gemacht. Im Exklusivinterview mit unserer Redaktion spricht Ulrich Streibl, CEO der oekostrom AG, über das aktuelle Marktumfeld und über ein starkes aber auch herausforderndes Jahr. Er beleuchtet die Pipeline der oekostrom AG und geht auf internationale Expansionspläne ein. Mögliche IPO-Ambitionen werden ebenso besprochen wie die Finanzierung der anstehenden Investitionen. Streibl spricht zudem über wichtige Meilensteine und über die Digitalisierung. Ein Blick auf das neue Jahr rundet das Gespräch ab.
4investors.de: Wie würden Sie oekostrom in drei Sätzen beschreiben?
Streibl: Die oekostrom AG ist Österreichs größte unabhängige Energieversorgerin, die 100 % sauberem Strom produziert, handelt und vertreibt. Unser integriertes Geschäftsmodell entlang der gesamten Wertschöpfungskette der erneuerbaren Energie ermöglicht es uns, flexibel auf Marktveränderungen zu reagieren, Chancen zu nutzen und Risiken zu reduzieren. Gleichzeitig sind wir eine breit aufgestellte Publikumsgesellschaft mit über 3.000 Aktionärinnen und Aktionären, die konsequent auf eine saubere, unabhängige und wirtschaftlich erfolgreiche Energiezukunft ausgerichtet ist.
4investors.de: Sie haben Standorte in Wien (Österreich) und Bratislava (Slowakei). In Nachbarländern sorgt man sich gerade um die künftige Förderung von Erneuerbaren Energien. Sehen Sie auch entsprechende Unsicherheiten?
Streibl: In der Slowakei – und teilweise auch in Tschechien – setzen wir derzeit verstärkt auf Stromabnahmeverträge in Form von Power Purchase Agreements (PPA). Ein Beispiel dafür ist etwa die PV-Anlage Hrkovce II, die aktuell errichtet wird. Durch PPAs in Kombination mit gesunkenen Errichtungskosten können wir neue Projekte in diesen Märkten auch ohne direkte Förderungen realisieren. Daher sehen wir zwar, dass sich Förderregime verändern, gleichzeitig eröffnen marktbasierten Modelle zunehmend Möglichkeiten, Projekte wirtschaftlich umzusetzen.
4investors.de: Wie schätzen Sie das aktuelle Marktumfeld ein?
Streibl: Kurzfristig lässt sich schwer abschätzen, welche Auswirkungen der Konflikt im Nahen Osten für die Energiepreise haben wird. Solche geopolitischen Entwicklungen zeigen jedoch einmal mehr, wie wichtig eine eigenständige, sichere und erneuerbare Energieinfrastruktur ist – und damit eine Stromversorgung, die möglichst unabhängig von fossilen Importen aus geopolitisch sensiblen Regionen funktioniert.
Grundsätzlich hatte sich die Situation am österreichischen Energiemarkt nach der Energiepreiskrise infolge des Ukrainekriegs wieder deutlich stabilisiert. Dennoch war das Jahr 2025 für die Branche herausfordernd: Unterdurchschnittliche Windverhältnisse, ein weiterhin intensiver Wettbewerb, hohe Einkaufspreise sowie Verwerfungen bei den Ausgleichsenergiekosten haben das Marktumfeld 2025 spürbar geprägt.
4investors.de: Welche Form der erneuerbaren Energien ist für Sie derzeit besonders spannend: Wind, Sonne, Wasser oder Biomasse?
Streibl: Unser Hauptaugenmerk liegt auf Wind und Sonne – unsere Produktionsgesellschaft hat eine volle Pipeline für Wind- und PV-Projekte. Spannend sind auch sogenannte „Repowering“-Projekte; also Projekte, bei denen an bestehenden Standorten Anlagen modernisiert oder effizienter gestaltet werden. Darunter fallen auch Hybridkraftwerke, die mehrere Erzeugungswege verbinden: Im burgenländischen Parndorf haben wir z.B. kürzlich eine PV-Anlage zusätzlich zu einem bestehenden Windpark in Betrieb genommen. Der nächste Schritt ist dann noch der Zubau eines Batteriespeichers, um die erzeugte Energie möglichst effizient zu nutzen.
4investors.de: Sie haben eine Aktie aber keine Börsennotierung. Warum sind Sie diesen Weg gegangen?
Streibl: Die oekostrom AG wurde 1999 aus der Umweltschutz- und Anti-Atom-Bewegung gegründet, mit der Mission, saubere Energie für alle zu ermöglichen. Seit der ersten Stunde zieht sich dieser Faden auch durch unsere Unternehmensstruktur. Wir verstehen uns als Publikumsgesellschaft und wollen unsere Eigentümerinnen und Eigentümer aktiv an der Energiewende beteiligen. Das funktioniert für uns am besten auf direktem Weg, persönlich und ohne Börse. Bisher sind wir auch sehr zufrieden mit diesem Weg, auch wenn wir einen Börsengang für die Zukunft nicht ausschließen.
4investors.de: Für 2024 haben Ihre Aktionäre eine Dividende von 1,20 Euro je Aktie erhalten. Gibt es schon eine Indikation, in welche Richtung die Ausschüttung für 2025 geht?
Streibl: Noch nicht. Wir veröffentlichen unsere Ergebnisse am 13. Mai. Anschließend wird auch die Einberufung für die Ordentliche Hauptversammlung am 12. Juni veröffentlicht. Dann wird es alle Informationen dazu geben.
4investors.de: Und wie sieht die Dividendenpolitik der oekostrom AG aus?
Streibl: Wir verstehen uns als Wachstumsunternehmen, dass kraftvoll in eine klimafreundliche Zukunft investiert. Daher soll der überwiegende Teil des Konzernergebnisses im Unternehmen verbleiben, um weitere Investitionen zu ermöglichen. Gleichzeitig wollen wir unseren Aktionärinnen und Aktionären eine attraktive Dividende für den Einsatz ihres Kapitals zukommen lassen. Wir streben eine Ausschüttungsquote von 25 Prozent bis 50 Prozent des Konzernergebnisses des Vorjahres (nach Steuern und Fremdanteilen) an. In besonderen Situationen ist es möglich, bis zu 100 Prozent des Konzernergebnisses für weitere Investitionen oder die Sicherung der Kapitalbasis im Unternehmen zu belassen.
4investors.de: Aktuell betreiben Sie rund 40 Windkraft- und Sonnenenergieanlagen in mehreren Ländern. Wo wollen Sie Ende 2026 stehen? Wie sieht die Pipeline für neue Projekte aus?
Streibl: 2025 war ein sehr starkes Jahr für unsere Produktion. Aktuell zeichnet sich ab, dass wir bereits dieses Jahr das ursprünglich für 2030 gesetzte Ziel von 150 MW installierter Leistung erreichen werden. Das ist ein bedeutender Meilenstein in der Entwicklung der oekostrom AG. Parallel dazu arbeiten wir konsequent am weiteren Ausbau unserer Projektpipeline. Derzeit umfasst sie rund 130 MW an Wind-, Photovoltaik- und Batterieprojekten in drei Ländern bis 2030. Damit schaffen wir eine solide Grundlage für weiteres Wachstum in den kommenden Jahren.
4investors.de: Welche Investitionen stehen bei der oekostrom AG 2026 an?
Streibl: Wie oben beschrieben, laufen die meisten Investitionen in Produktionsprojekte, also PV-, Windkraft- oder Batteriespeicheranlagen. Weitere Investitionen werden wir aber auch wieder in unserem Handelssegment und unserem Vertrieb tätigen. Im Handel haben wir Ende letzten Jahres den Schritt in den Regelenergiemarkt und auch nach Deutschland mit einer neuen Handelsgesellschaft gemacht. Hier wollen wir unsere Kompetenz weiter aufbauen. Darüber hinaus sind zusätzliche Digitalisierungsschritte im Handel geplant. Im Vertrieb setzen wir weiterhin auf Effizienzsteigerungen und Automatisierung, um das Kundenerlebnis noch besser und effizienter zu gestalten.
4investors.de: Wie wollen Sie diese finanzieren?
Streibl: Am sinnvollsten wäre das über eine Kapitalerhöhung. Dieses Instrument haben wir bereits in den Jahren 2021 und 2022 erfolgreich genutzt. Aktuell evaluieren wir die Marktbedingungen für eine mögliche Kapitalaufnahme und stehen dazu auch im Austausch mit bestehenden Aktionärinnen und Aktionären sowie potenziellen neuen Investoren. Dabei prüfen wir den optimalen Zeitpunkt sehr sorgfältig und nehmen uns bewusst die notwendige Zeit, um eine verantwortungsvolle Entscheidung für die weitere Finanzierung unseres Wachstums zu treffen.
4investors.de: Planen Sie eine weitere internationale Expansion?
Streibl: Derzeit sind wir nur in europäischen Ländern aktiv, würden aber nicht ausschließen, auch weiter zu expandieren. Ein Knackpunkt dabei sind die unterschiedlichen Regeln und Gesetze je Land für Netzzugänge, Grundstückserwerb oder Förderungen. Da ist der Aufbau von Know-how ein wesentlicher Faktor. Momentan sind wir daher in uns „bekannten“ Märkten unterwegs. Sollten sich gute Opportunitäten ergeben, werden wir diese aber sicher nicht außer Acht lassen. Im Rahmen des aktuell laufenden Strategieprozesses zur Strategie 2035 evaluieren wir kontinuierlich mögliche Marktexpansionen und prüfen potenzielle neue Zielmärkte.
4investors.de: Wie viele Stromkunden werden von Ihnen derzeit beliefert?
Streibl: Aktuell sind es ca. 116.000 montierte Zählpunkte.
4investors.de: Sind damit Ihre Kapazitäten ausgelastet?
Streibl: Nein. Der Strommarkt ist unter hohem Wettbewerbsdruck. Gleichzeitig gibt es in Österreich einen begrenzten „Wechselmarkt“. Nur rund 200.000 Kunden jährlich sind bereit, ihren Stromtarif zu wechseln. Es gibt daher eine natürliche Grenze einer möglichen Kundenzahl, die wir aber vermutlich noch nicht erreicht haben. Bis 2030 wollen wir 150.000 Zählpunkte beliefern.
4investors.de: Sie wollten 2030 eine Stromerzeugung von 200 GWh erreichen. Dieses Ziel ist letztlich schon 2024 gelungen. Wie sehen nun die Ziele bis 2030 aus?
Streibl: Neben der bereits erwähnten Pipeline in der Produktion treiben wir vor allem unsere Handelsgesellschaft voran. Vor kurzem haben wir hier auch den Schritt nach Deutschland gesetzt und gemeinsam mit drei Partnern die „HandelGrün GmbH & Co. KG“ gegründet. Ziel dieser Gesellschaft ist es, 100 Prozent sauberen Strom zu vermarkten. Auch im Vertrieb verfolgen wir weiterhin ambitionierte Ziele und wollen bis 2030 rund 150.000 Zählpunkte beliefern. Parallel dazu arbeiten wir derzeit intensiv am Strategieprozess zur Strategie 2035, in dessen Rahmen die nächsten Entwicklungsschritte und Etappenziele der oekostrom AG definiert werden. Spätestens auf der Hauptversammlung 2026 werden wir die daraus abgeleiteten strategischen Zielsetzungen präsentieren. Eines steht jedoch bereits fest: Wir bleiben auf einem ambitionierten und klaren Wachstumskurs.
4investors.de: Die Zahlen für 2025 sind noch nicht publik. Können Sie dennoch schon sagen, ob Sie mit dem Jahresverlauf zufrieden waren?
Streibl: Unser Jahresergebnis 2025 wird deutlich unter jenen der (außergewöhnlichen) Vorjahre liegen. Wie eingangs beschrieben, gab es letztes Jahr teilweise sehr schwierige Bedingungen für die Erneuerbare-Energien-Branche. Zugleich haben wir Zukunftsinvestitionen weitergeführt, da wir von einer sauberen Energiezukunft überzeugt sind. Das wird unser Ergebnis deutlich beeinflussen.
4investors.de: Und welche Erwartungen haben Sie an 2026?
Streibl: Das Jahr 2025 hat uns wichtige Erkenntnisse geliefert. Auf dieser Basis haben wir zahlreiche System- und Prozessverbesserungen umgesetzt, um noch besser auf die veränderten Marktbedingungen reagieren zu können. Gleichzeitig bleibt unsere Branche von Faktoren beeinflusst, die sich nur begrenzt steuern lassen – etwa von Wetterentwicklungen oder geopolitischen Rahmenbedingungen.
Dank unseres integrierten Geschäftsmodells mit den drei Säulen Produktion, Handel und Vertrieb sind wir jedoch breit aufgestellt und können auch in einem volatilen Umfeld stabil agieren. Wir sind weiterhin überzeugt, dass die Energiewende konsequent vorangetrieben werden muss, und sehen uns gut positioniert, diesen Transformationsprozess aktiv mitzugestalten. Entsprechend blicken wir zuversichtlich auf das Jahr 2026 und die Zukunft.
