123fahrschule SE: „2026 ist für uns ein Wendepunkt“
Günstiger, schneller, digitaler: Das Bundesverkehrsministerium will die Fahrschulausbildung vereinfachen – ein Schritt, den die 123fahrschule SE begrüßt. Mit bundesweit über 60 Standorten ist die Gesellschaft die größte Fahrschulkette im B-Segment. Mit ihrer Positionierung als KI-getriebene Ausbildungsplattform und dem geplanten Aufbau eines Franchisegeschäftes sollen die nächsten Wachstumsschritte folgen. Das durchschnittliche Analystenkursziel für die 123fahrschule-Aktie liegt bei 5,80 Euro.
Im Gespräch mit der Redaktion von 4investors.de spricht Vorstand Boris Polenske über die aktuellen Reformpläne, die Wettbewerbsvorteile der Kölner, die abgeschlossene Bereinigung im Geschäftsjahr 2025 und den Startschuss für die geplante Skalierung: „Unser Anspruch ist es, den Markt aktiv mitzugestalten – mit einem robusten, profitablen und technologisch führenden Geschäftsmodell.“
4investors.de: Der Führerscheinausbildungsmarkt steht derzeit stark im Fokus der politischen und öffentlichen Diskussion – von hohen Kosten bis hin zu regulatorischen Reformplänen. Wie positioniert sich 123fahrschule vor diesem Hintergrund heute im Markt?
Polenske: Die 123fahrschule SE versteht sich heute nicht mehr als klassische Fahrschulkette, sondern als technologiegetriebenes Ausbildungs- und Plattformunternehmen im deutschen Führerscheinausbildungsmarkt. Unser Kern ist eine integrierte, KI-gestützte Ausbildungsarchitektur, die Theorie, Simulatortraining und Praxis intelligent miteinander verzahnt. Die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen rund um Kosten, Effizienz und Zugänglichkeit der Fahrausbildung bestätigen dabei vor allem eines: Das bestehende System stößt strukturell an seine Grenzen.
Die Führerscheinausbildung zählt mit einem Markt von rund drei Milliarden Euro zu den volumenstärksten, zugleich aber ineffizientesten Ausbildungssegmenten in Deutschland. Mit über 60 Standorten sind wir im Segment der Führerscheinklasse B bereits heute Marktführer in Deutschland. Diese operative Präsenz verstehen wir jedoch nicht als Selbstzweck, sondern als Grundlage für Skalierung, Standardisierung und den Aufbau eines übergeordneten Systems. Unser Ziel ist es, Ausbildung effizienter und planbarer, aber auch technologisch fundierter zu gestalten – unabhängig von kurzfristigen politischen Debatten.
4investors.de: Wofür steht das Unternehmen aus Investorensicht?
Polenske: Der Führerschein der Zukunft muss günstiger, schneller und auch zeitgemäßer werden – daran arbeiten wir bereits seit vielen Jahren. Aus Investorensicht positioniert sich die 123fahrschule als langfristiger Profiteur einer strukturellen Transformation des Marktes. Wir haben in den vergangenen Jahren konsequent in Technologie, Daten und operative Prozesse investiert und damit eine Plattform aufgebaut, die auf Skalierung und nachhaltigen Wertaufbau ausgelegt ist. Politische Impulse wirken dabei als Beschleuniger, nicht als Voraussetzung unseres Geschäftsmodells. Unser Ziel ist es, diese Transformation im Interesse alle Aktionärinnen und Aktionäre wertstiftend voranzutreiben.
4investors.de: Rückblickend war das Geschäftsjahr 2025 von Sondereffekten und Ergebnisbelastungen geprägt. Wie ist es zu dieser Situation gekommen und warum haben Sie sich für eine umfassende Bereinigung entschieden?
Polenske: Nach den Veränderungen auf Vorstandsebene habe ich mir zunächst bewusst die Zeit genommen, die finanzielle und operative Situation des Unternehmens sehr detailliert zu analysieren. Dabei wurde deutlich, dass sich über mehrere Jahre hinweg einzelne Sonderthemen aufgebaut hatten, die für die zukünftige Entwicklung nicht mehr zielführend waren und daher konsequent bereinigt werden mussten. Dazu zählten insbesondere historische Forderungspositionen aus der Fahrlehrerausbildung, deren Werthaltigkeit vor dem Hintergrund veränderter rechtlicher Rahmenbedingungen neu zu bewerten waren.
Gemeinsam mit dem Aufsichtsrat haben wir uns deshalb bewusst für eine umfassende Bereinigung sowie eine Anpassung der Kosten- sowie Forderungsstruktur an die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens entschieden. Auch wenn dieser Schritt kurzfristig zu einmaligen, nicht liquiditätswirksamen Ergebnisbelastungen für das Geschäftsjahr 2025 geführt hat, war er notwendig, um Transparenz und Vergleichbarkeit zu schaffen – sowohl für die interne Steuerung des Unternehmens als auch, und das ist ebenso wichtig, für den Kapitalmarkt und unsere Investoren.
4investors.de: Lassen Sie uns kurz auf die Zahlen blicken: Wie ist das Geschäftsjahr 2025 vor dem Hintergrund der Bereinigung einzuordnen?
Polenske: Das Geschäftsjahr 2025 war in hohem Maße von den genannten einmaligen Sondereffekten geprägt, die im Zusammenhang mit der nachträglichen Bereinigung von Altstrukturen standen. Das EBITDA war durch nicht fortgeführte Personal- und operative Aufwendungen sowie Wertberichtigungen auf historische Forderungspositionen in Gesamthöhe von 2,15 Millionen Euro belastet. Ohne diese Effekte errechnet sich nach vorläufigen Zahlen ein bereinigtes operatives Ergebnis von rund 850.000 Euro für 2025. Entscheidend ist dabei: Diese Effekte sind nicht struktureller Natur und fallen künftig nicht mehr an. Mit Abschluss der Bereinigung ist die 123fahrschule heute operativ und bilanziell deutlich fokussierter aufgestellt.
4investors.de: Sie sprechen von 2026 als einem Wendepunkt für die 123fahrschule. Was macht dieses Jahr so entscheidend – auch vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Diskussionen und der erwarteten Weichenstellungen im Führerscheinausbildungsmarkt?
Polenske: 2026 ist für uns aus mehreren Gründen ein Wendepunkt. Wir starten mit einer deutlich transparenteren Kostenstruktur, klaren Verantwortlichkeiten und einer Organisation, die wieder konsequent auf Umsetzung und Skalierung ausgerichtet ist. Operativ sehen wir, dass diese Basis trägt und das Geschäftsmodell auch in einem anspruchsvollen Marktumfeld funktioniert. Ab der zweiten Jahreshälfte 2026 planen wir den Aufbau eines Franchisegeschäfts, um unsere proprietäre KI-Technologie und das datenbasierte Ausbildungssystem skalierbar und asset-light in den Markt zu bringen.
4investors.de: Inzwischen hat eine Arbeitsgruppe des Bundesverkehrsministeriums weitreichende Reformvorschläge für die Fahrschulausbildung vorgelegt. Im Zentrum steht der Abbau von Bürokratie und Vorgaben. Wie ordnen Sie diesen Entwurf ein – und was bedeutet er aus Ihrer Sicht für den Markt?
Polenske: Diese Reformvorschläge zeigen aus unserer Sicht sehr deutlich, dass die politischen Entscheidungsträger die strukturellen Herausforderungen der Fahrschulausbildung erkannt haben und nicht mehr nur abstrakt diskutieren. Viele der vorgeschlagenen Maßnahmen – etwa die stärkere Digitalisierung des Theorieunterrichts, der gezielte Einsatz von Fahrsimulatoren oder der Abbau bürokratischer Vorgaben – lassen einen klar strukturierten Reformfahrplan erkennen.
Es handelt sich um einen Entwurf und noch nicht um geltendes Recht, dennoch signalisiert das Papier eine hohe politische Ernsthaftigkeit und eine klare technologische Stoßrichtung. Aus Marktsicht ist das ein relevanter Schritt, weil erstmals konkrete Lösungsansätze adressiert werden, die nicht nur die Effizienz der Ausbildung verbessern, sondern auch die digitale Komponente entscheidend stärken.
4investors.de: Verändert dieser neue politische Rahmen Ihre strategischen Prioritäten?
Polenske: Unsere strategischen Prioritäten verändern sich dadurch nicht, sie werden vielmehr bestätigt. Die 123fahrschule ist kein opportunistischer Profiteur möglicher Reformen, sondern ein vorbereiteter Akteur. Digitale Theorieformate, der Einsatz eigener Fahrsimulatoren, KI-gestützte Lernsteuerung und standardisierte Prozesse sind seit Jahren integrale Bestandteile unseres Modells.
Eine regulatorische Öffnung würde vor allem die Skalierbarkeit und Wirtschaftlichkeit weiter erhöhen – und uns operativ zusätzlichen Rückenwind bescheren. Sie schafft einen Rahmen, in dem sich technologiegestützte Ausbildungsmodelle schneller und kapitaleffizienter ausrollen lassen. Entscheidend ist aber: Unser Geschäftsmodell ist auch ohne kurzfristige regulatorische Änderungen tragfähig. Reformen wirken für uns als zusätzlicher Hebel, nicht als Voraussetzung.
4investors.de: Wie robust ist das Geschäftsmodell der 123fahrschule, falls sich politische Entscheidungen doch weiter verzögern oder weniger weitreichend ausfallen, als derzeit diskutiert?
Polenske: Entscheidend ist, dass wir bereits heute innerhalb des bestehenden Rechtsrahmens tragfähig operieren und zugleich auf unterschiedliche regulatorische Szenarien vorbereitet sind. Die Robustheit unseres Modells basiert darauf, dass Effizienz, Digitalisierung und Skaleneffekte bereits heute operativ umgesetzt sind. Verzögerungen beeinflussen gegebenenfalls das Tempo einzelner Skalierungsschritte, nicht jedoch die Substanz des Geschäftsmodells. Wir bleiben handlungsfähig und fokussieren uns konsequent auf Marktanteilsgewinne und operative Exzellenz. Sollten regulatorische Anpassungen wie erwartet kommen, erhöhen sie vor allem die Skalierbarkeit und Wirtschaftlichkeit unseres Modells.
4investors.de: Künstliche Intelligenz ist aktuell ein viel genutzter Begriff. Worin besteht aus Ihrer Sicht der tatsächliche Wettbewerbsvorteil der KI?
Polenske: Für uns ist KI kein Selbstzweck und kein isoliertes Produkt, sondern Teil einer integrierten Wertschöpfung. Der eigentliche Wettbewerbsvorteil der 123fahrschule liegt darin, dass wir Software, Ausbildung, Simulatorentechnologie und operativen Betrieb in einer Hand vereinen. Dadurch entsteht ein durchgängiges System, das Lernprozesse, Auslastung und Qualität ganzheitlich steuert. Künstliche Intelligenz erkennt Lernmuster und Defizite frühzeitig, steuert Trainingsinhalte adaptiv und reduziert entsprechend Durchlaufzeiten sowie die Gesamtkosten der Ausbildung.
Ein zentraler Baustein ist dabei unsere eigene Softwareplattform, die den gesamten Ausbildungsprozess abbildet und durch die integrierte Simulatorentechnologie ergänzt wird. Während viele Marktteilnehmer auf Einzellösungen angewiesen sind, kontrollieren wir die gesamte Wertschöpfungskette. Das schafft Skalierbarkeit, Kostenvorteile und eine hohe Eintrittsbarriere.
4investors.de: Sie beschreiben, dass der eigentliche Wettbewerbsvorteil der 123fahrschule in der integrierten Wertschöpfung liegt. Warum ist vor diesem Hintergrund das Franchise-Modell für Sie der nächste logische Schritt – und welche konkreten Vorteile ergeben sich daraus für angeschlossene Fahrschulen?
Polenske: Gerade weil wir die gesamte Wertschöpfung integriert abbilden, ist Franchise für uns der konsequente nächste Schritt. Unsere Plattform ist heute soweit standardisiert und belastbar, dass sie extern replizierbar ist, ohne an Qualität zu verlieren. Franchise bedeutet für uns daher nicht eine Abgabe von Kontrolle, sondern die kontrollierte Ausweitung eines erprobten Systems.
Für angeschlossene Fahrschulen ergeben sich daraus sehr konkrete Vorteile. Durch den Verbund können wir zentrale Leistungen bündeln und effizienter organisieren – etwa bei der Fahrzeugflotte, bei Versicherungen, im Marketing oder in administrativen Prozessen. Für uns entsteht gleichzeitig ein hoch skalierbares und kapitaleffizientes Modell.
4investors.de: Wie sind Sie operativ ins Jahr 2026 gestartet und welchen konkreten Ausblick geben Sie für das laufende Geschäftsjahr?
Polenske: Der Januar 2026 war einer der anmeldestärksten Monate in unserer Unternehmensgeschichte. Wir sehen, dass angesichts der Diskussionen über die Kosten der Führerscheinausbildung digitale, effiziente und technologiegestützte Ausbildungsmodelle zunehmend an Relevanz gewinnen. Entsprechend sind wir optimistisch, das EBITDA im laufenden Geschäftsjahr auf 1,5 Millionen Euro bis 2,5 Millionen Euro steigern zu können. Diese Zielsetzung basiert auf der bereinigten Kostenstruktur, operativen Effizienzgewinnen und dem aktuellen Geschäftsverlauf.
4investors.de: Wenn man auf das geplante Franchise-Modell und die weitere Skalierung blickt, stellt sich für Investoren zwangsläufig die Frage nach dem Kapitalbedarf. Wie ist die 123fahrschule hier heute aufgestellt und wovon hängt ab, in welchem Umfang zusätzliches Kapital benötigt wird?
Polenske: Auf Ebene der operativen Gesellschaften sind unsere Fahrschulen heute überwiegend Cash-Flow-positiv. Der laufende Betrieb trägt sich selbst. Der Kapitalbedarf entsteht daher nicht aus dem operativen Tagesgeschäft, sondern im Wesentlichen auf Holding-Ebene. Dort investieren wir gezielt in Softwareentwicklung sowie Marketing. Umfang und Tempo dieser Investitionen sind steuerbar und hängen davon ab, wie schnell wir skalieren wollen. Diese Flexibilität macht unsere Kapitalplanung heute deutlich robuster als in früheren Phasen.
4investors.de: Bei aller strategischen Perspektive und den beschriebenen Chancen stellt sich für Investoren auch die Frage nach den Risiken. Welche Faktoren sehen Sie aktuell als die größten Herausforderungen?
Polenske: Kurzfristig ist die größte Herausforderung das regulatorische Timing. Verzögerungen beeinflussen vor allem das Tempo einzelner Skalierungsschritte, nicht jedoch die Substanz unseres Geschäftsmodells. Ein weiterer Faktor ist der Fachkräftemarkt. Durch unsere eigene Fahrlehrerausbildung und den gezielten Einsatz von Technologie sehen wir uns hier strukturell besser aufgestellt als viele kleinere Anbieter. Insgesamt überwiegen für uns die Chancen klar.
4investors.de: Wenn Sie den Blick nach vorne richten: Wo sehen Sie die 123fahrschule in fünf Jahren – und wofür soll das Unternehmen dann aus Ihrer Sicht stehen?
Polenske: In fünf Jahren sehen wir die 123fahrschule als führende digitale Ausbildungs- und Plattformgesellschaft im deutschen Führerscheinausbildungsmarkt mit einem flächendeckenden Netzwerk aus eigenen Standorten und Franchise-Partnern. In anderen europäischen Ländern hat man bereits gesehen, dass integrierte Plattformmodelle bei passenden regulatorischen Rahmenbedingungen eine erfolgreiche Konsolidierung eines stark fragmentierten Marktes ermöglichen. Diese Entwicklung ist aus unserer Sicht auch in Deutschland überfällig. Unser Anspruch ist es, darauf vorbereitet zu sein und den Markt aktiv mitzugestalten – mit einem robusten, profitablen und technologisch führenden Geschäftsmodell.
