USA: Der defensivere Kevin soll an die Spitze der Fed rücken - Nord LB
Über Truth Social hat Donald Trump heute mitgeteilt, dass er den früheren Fed-Gouverneur Kevin Warsh zum neuen Chef der US-Notenbank machen will. Der Kongress muss dieser Personalentscheidung nun noch zustimmen. Warsh gilt nicht als geldpolitische Taube. Dieses Faktum mag durchaus helfen, die US-Kapitalmarktzinsen von der Einpreisung deutlich erhöhter Inflationserwartungen abzuhalten; auch die Währung der Vereinigten Staaten könnte von dieser Personalentscheidung Donald Trumps profitieren. Mit Blick auf das für das Weiße Haus zentrale Thema „Leitzinssenkungen“ hat der US-Präsident eindeutig den defensiveren Kevin ausgewählt! Allerdings wird auch Warsh auf zügige Anpassungen der Fed Funds Target Rate nach unten drängen.
Etwas Spielraum für Zinssenkungen dürfte sogar bestehen. Das Wachstum in den USA präsentiert sich zwar wirklich sehr stark, es gibt aber mit Blick auf die verschiedenen Sektoren der nordamerikanischen Ökonomie größere Divergenzen bei der Wirtschaftslage. Vor allem der wichtige US-Immobilienmarkt könnte niedrigere Kapitalmarktzinsen gut vertragen. Zudem kommen die starken Wachstumszahlen derzeit nicht wirklich am Arbeitsmarkt an. Das Inflationsumfeld könnte eine vorsichtige geldpolitische Lockerung sogar erlauben. In diesem Kontext dürfte die fast schon „magische“ Marke von 3,00% von ganz zentraler Bedeutung sein. Solange das obere Band der Fed Funds Target Rate nicht unter diesen Wert fällt, bleibt das reale US-Leitzinsniveau im 2. Halbjahr 2026 nämlich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit positiv. Alles, was im 1. Halbjahr an Zinssenkungen in diese Richtung nicht herbeigeführt werden sollte, dürfte dann nach der Stabübergabe bei der Fed nachgeholt werden. Dabei steht möglicherweise sogar eine noch kräftigere Verringerung der Fed Funds Target Rate im Raum. Ein Wert von 2,75% ab dem 2. Halbjahr 2026 wäre wohl auch noch vergleichsweise unproblematisch. Unterhalb einer Fed Funds Target Rate von 2,50% würde dann jedoch ein negatives reales US-Leitzinsniveau drohen. Kevin Warsh ist sich dieser Problematik ohne Zweifel sehr bewusst und wird Anpassungen an der geldpolitischen Strategie der Fed, die aufgrund des Drucks aus dem Weißen Haus wohl unvermeidlich sein dürften, eher bedacht vornehmen wollen – auch um das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten.
Die sich abzeichnenden Zinssenkungen werden allerdings weitere Diskussionen über die Unabhängigkeit der Fed auslösen. Die faktische Bedeutung dieser Fragestellung sollte aber wohl auch nicht überbewertet werden. In der Vergangenheit hat es eigentlich immer politischen Druck auf die Fed gegeben. Die US-Notenbanker haben sich den Wünschen des Weißen Hauses mal mehr und mal weniger stark gebeugt, Sorgen um die Beschäftigungssituation hatten aber generell gesprochen eine besondere Bedeutung. Die Arbeiten von Allan Meltzer und Thomas Havrilesky belegen dies sehr klar. Insofern ist die Unabhängigkeit der Fed ohnehin eher eine Art „Schönwetterregelung“!
Fazit: Mit Kevin Warsh nominiert Donald Trump eindeutig den defensiveren Kevin für den Posten des US-Notenbankchefs. Dieser wird dann sicherlich schon bald auf Zinssenkungen drängen, bei diesem Ansinnen aber wohl mehr Augenmaß als der andere Kevin. Warsh kann zudem nicht im Alleingang über das Leitzinsniveau in den Vereinigten Staaten entscheiden. Im FOMC sitzen weiterhin auch Geldpolitiker, die die Fed Funds Target Rate aktuell lieber gar nicht senken wollen würden. Spannend wird an dieser Stelle das Verhalten von Jerome Powell. Dieser könnte nun entweder seinen Rücktritt verkünden, oder der US-Notenbank – vielleicht auch aus Trotz – als „einfacher“ Gouverneur vorerst erhalten bleiben. Vielleicht ist es an dieser Stelle gut, dass wir nicht in seinen Kopf blicken können. Kann es für Powells Lebensplanung – nach dem übermäßigen Druck aus dem Weißen Haus – wirklich eine attraktive Option sein, der Fed als hochrangiger Offizieller mittelfristig erhalten zu bleiben?
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