Euroland: Inflation leicht gestiegen - kein Game Changer für EZB - Nord LB
Die Inflation im Euroraum bleibt hartnäckig. Gemäß Schnellschätzung von Eurostat ist die Inflationsrate im gemeinsamen Währungsraum im Berichtsmonat Juli leicht auf 2,6% Y/Y gestiegen. Gegenüber dem Vormonat blieb der harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) stabil (0,0% M/M). Die Kernrate verharrte bei 2,9% Y/Y. Die heutigen Zahlen liegen leicht über den Erwartungen der befragten Volkswirte.
Die bereits zuvor von den nationalen Statistikämtern veröffentlichten Inflationsdaten hatten ein heterogenes Bild ergeben. In den beiden größten Volkswirtschaften Deutschland und Frankreich zog die Preisdynamik auf jeweils +2,6% Y/Y leicht an, wobei der Anstieg in Frankreich hinter den Schätzungen der Analysten zurückblieb. In Spanien reduzierte sich der Preisdruck im Vergleich zum Vormonat hingegen überraschend deutlich auf 2,9% Y/Y. In Italien entspricht ein Inflationsrückgang im Juli zwar dem normalen Saisonmuster, er fiel in diesem Jahr mit „nur“ -0,8% M/M jedoch deutlich geringer als üblich aus. Entsprechend schnellte dort die Inflationsrate von 0,9% Y/Y auf nun 1,7% Y/Y hoch. Den mit Abstand stärksten Preisauftrieb erleben weiterhin die Menschen in Belgien (+5,5% Y/Y). Einen Anteil könnte die in Belgien übliche Indexierung von Löhnen haben, in welchem Ausmaß lässt sich jedoch schwer ermitteln.
Im gesamten Euroraum haben vor allem die im Vorjahresvergleich inzwischen wieder leicht höheren Energiepreise (+1,3% Y/Y) die Inflation angeschoben. Das Auslaufen der günstigen Basiseffekte bei den Energiepreisen war zu erwarten, zudem ist aufgrund wachsender geopolitischer Spannungen auch ein neuer Preisanstieg bei Energie – insb. Rohöl – jederzeit möglich. Umso wichtiger ist eine stärkere Dämpfung des binnenwirtschaftlichen Preisdrucks. Hier sind jedoch die Erfolge bislang noch überschaubar. Der Anstieg der Dienstleistungspreise hat sich zwar leicht auf 4,0% Y/Y reduziert, bleibt aber viel zu hoch.
In den kommenden Monaten dürfte sich der Inflationsdruck auch aufgrund günstiger Basiseffekte zunächst etwas weiter reduzieren, bevor zum Jahreswechsel zwischenzeitlich wieder etwas höhere Raten wahrscheinlich sind. Zudem erweist sich die Teuerung bei Dienstleistungen weiterhin als sehr hartnäckig. Auf einen holprigen Inflationsverlauf in diesem Jahr hatte jedoch auch die EZB schon länger hingewiesen, insofern sollte der leichte Inflationsanstieg im Juli den Währungshütern kein allzu starkes Kopfzerbrechen bereiten. Mittelfristig ist der Euroraum weiterhin auf dem Pfad der Disinflation und dürfte im Laufe des Jahres 2025 zum Stabilitätsziel der EZB zurückkehren.
Vor der Zinsentscheidung der EZB im September werden noch eine Fülle von konjunkturellen Frühindikatoren, die Inflationsdaten für den Monat August und die Entwicklung der Lohndynamik im zweiten Quartal veröffentlicht. Gerade den beiden letzten Datenmeldungen kommt sicher ein hohes Gewicht bei der Diskussion und Entscheidungsfindung auf der Ratssitzung im September zu. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass es in diesem Jahr für die EZB erstmal nur um eine graduelle Reduktion des Restriktionsgrades der Geldpolitik – nicht mehr und nicht weniger. Sofern große negative Überraschungen ausbleiben, dürften daher die Tauben im September für eine kleine Zinssenkung eine Mehrheit im Rat finden.
Fazit: Der Preisdruck in der Eurozone bleibt hartnäckig. Die Inflationsrate ist im Juli leicht auf 2,6% Y/Y gestiegen. Vor allem die nun im Jahresvergleich wieder etwas höheren Energiepreise haben hierzu beigetragen. Eine Eskalation der geopolitischen Spannungen könnte beim Rohölpreis für zusätzlichen Auftrieb sorgen. Umso wichtiger ist eine Reduktion des binnenwirtschaftlichen Preisdrucks. Der leichte Rückgang der Inflation bei Dienstleistungen (4,0% Y/Y) ist bislang nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Entscheidung der EZB im September wird mit den heutigen Daten sicher nicht leichter, ein Game Changer sind sie aber sicher nicht. Zum einen ist der im August zur Veröffentlichung anstehende Datenkranz viel wichtiger. Zum anderen ist die Geldpolitik sehr restriktiv, weshalb eine kleine Zinssenkung im September doch angemessen erscheint und die Rückkehr zum Stabilitätsziel der EZB im kommenden Jahr auch nicht gefährden dürfte.
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