AktienmÀrkte oszillieren zwischen Hoffnung und Sorge - Weberbank-Kolumne
Wie geht es nun weiter? Diese Frage beschĂ€ftigt derzeit uns alle. Zwischen ersten Lockerungen der BeschrĂ€nkungen innerhalb Deutschlands, gleichzeitigen Warnungen vor einem erneuten Anstieg der Covid-19-Infektionen und weiterhin schlechten Wirtschaftsnachrichten, soweit das Auge reicht â diese Ausgabe von âFinanzmarkt aktuellâ fasst die wichtigsten Ereignisse zusammen.
Bullen vs. BĂ€ren
In der Börsensprache ist oft von Bullen und BĂ€ren die Rede. Dabei verkörpert der Bulle den Optimisten und der BĂ€r den Pessimisten. Diese gegensĂ€tzlichen Blickwinkel gibt es bei jedem Thema â ob privat, in der Wirtschaft oder Politik. WĂ€hrend unter den Virologen nach wie vor mahnende Stimmen die Ăberhand haben, sind an den KapitalmĂ€rkten aktuell schon wieder die Bullen obenauf. Die Diskussion, ob wir uns aktuell nur in einer zwischenzeitlichen Verschnaufpause oder bereits in einer nachhaltigen Erholungsphase nach dem Höhepunkt der Coronakrise befinden, wird nun bereits seit Wochen gefĂŒhrt. Beide Lager haben starke Argumente: So stabilisieren sich in vielen Teilen der Welt mittlerweile die Infektionszahlen oder gehen teilweise bereits zurĂŒck. Die AnkĂŒndigungen erster LockerungsmaĂnahmen hĂ€ufen sich und stimmen zuversichtlich, dass das Schlimmste nun ĂŒberstanden ist. Regierungen wie Zentralbanken handelten bereits schnell und groĂzĂŒgig. Sie befinden sich nach wie vor im whatever-it-takes-Modus.
Gleichzeitig stellt sich mehr und mehr die Frage: Wird das ausreichen? Der Stillstand kompletter Volkswirtschaften rund um den Globus, der fĂŒr Wochen und Monate anhĂ€lt, kennt keine historischen Vorbilder. Vor allem deshalb ist die Lage fĂŒr Ăkonomen so schwer in volkswirtschaftlichen Prognosen ausdrĂŒckbar. Das zeigen auch die stĂ€ndigen Korrekturen der in den letzten Wochen. So gab das französische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal 2020 um 5,4 Prozent nach, wĂ€hrend die SchĂ€tzungen im Durchschnitt lediglich bei -3,6 Prozent gelegen hatten. Das BIP in den USA schrumpfte im gleichen Zeitraum um 4,8 Prozent. Damit findet der lĂ€ngste wirtschaftliche Aufschwung der US-Historie ein jĂ€hes Ende. Auch die ersten erschreckend niedrigen Zahlen der FrĂŒhindikatoren treffen nach und nach ein. So brach der ifo-GeschĂ€ftsklimaindex, ein FrĂŒhindikator fĂŒr die Konjunkturentwicklung in Deutschland, im April auf ein historisches Tief ein. Das Verbrauchervertrauen in den USA verzeichnete ebenfalls einen RekordrĂŒckgang. Auch der durch die EuropĂ€ische Kommission veröffentlichte Indikator der wirtschaftlichen EinschĂ€tzung fĂŒr Europa fiel auf 67 Prozent des langfristigen Durchschnitts und befindet sich damit auf Finanzkrisen-Niveau. Ein Blick in die InnenstĂ€dte in diesen ersten Tagen seit der Wiederöffnung bestĂ€tigt das Bild, dass Verbraucher sich zurĂŒckhaltend zeigen. All diese Puzzleteile deuten darauf hin, dass die wirtschaftlichen Verluste bis Juni 2020 immens sein werden, da sind sich mittlerweile fast alle einig. Die wichtigere Frage ist jedoch: Wie sieht eine Erholungsbewegung aus? Sollten die Lockdowns weltweit lĂ€nger andauern und zunehmend auch den internationalen Handel behindern, wird eine Beschleunigung des wirtschaftlichen Abschwungs und eine verlangsamte Erholungsbewegung auch durch erhöhte fiskalund geldpolitische MaĂnahmen nicht zu verhindern sein. Die Gefahr einer zweiten Infektionswelle schwebt dabei wie ein Damoklesschwert ĂŒber uns.
Ist China eine Blaupause fĂŒr den Rest der Welt?
In China ist in der Zwischenzeit gemÀà den offiziell gemeldeten Daten nach einem kontinuierlichen RĂŒckgang der Corona-Infektionszahlen der Ăbergang in eine neue NormalitĂ€t angelaufen. Nahezu alle ProduktionskapazitĂ€ten sind zu 100 Prozent Auslastung zurĂŒckgekehrt, die Bewegungsfreiheit wurde wiederhergestellt und GeschĂ€fte sowie Restaurants haben geöffnet. DemgegenĂŒber steht jedoch eine stockende Nachfrage. Chinesische Verbraucher zeigen sich weiterhin zurĂŒckhaltend und meiden insbesondere öffentlichen Personennah- und Flugverkehr. Auch die Investitionen hinken im Erholungstrend hinterher. ZusĂ€tzlich stagniert die internationale Nachfrage nach chinesischen ExportgĂŒtern. Diese Faktoren verhindern eine schnelle Erholung des Arbeitsmarktes und lasten auf der Konsumstimmung.
Die Sorge vor einer zweiten Welle treibt Regierung, private Verbraucher und Unternehmen gleichermaĂen um. Daher werden viele Vorkehrungen getroffen, die das öffentliche und private Leben in rasanter Geschwindigkeit stark verĂ€ndern â beispielsweise mit der Maskenpflicht auch in Deutschland mittlerweile RealitĂ€t. Der Blick nach China zeigt uns, dass eine RĂŒckkehr zu unserer zuvor gekannten NormalitĂ€t ein weiter Weg sein wird. Dass die vielen neuen Regeln bald schon wieder der Vergangenheit angehören, wird immer unwahrscheinlicher. In den meisten anderen SchwellenlĂ€ndern ist das volle AusmaĂ des Coronavirus aktuell noch viel weniger abschĂ€tzbar. Das Fehlen weitreichender Tests sowie der erschwerte Zugang zu Wirtschaftsdaten machen eine EinschĂ€tzung der Lage nahezu unmöglich. Wir raten daher weiterhin zur Vorsicht. Vor allem Staatsanleihen von SchwellenlĂ€ndern sind aus unserer Sicht im aktuellen Umfeld nicht attraktiv.
Die Schwankung der tĂ€glichen Kursbewegungen an den AktienmĂ€rkten, die bisher stark von der Entwicklung der Covid-19 Fallzahlen abhĂ€ngt, geht zwar zurĂŒck, befindet sich jedoch nach wie vor im Krisenmodus. Seit mehreren Wochen pendeln die MĂ€rkte in einer SeitwĂ€rtsbewegung im Ringen zwischen BĂ€ren und Bullen. Letztere scheinen auf eine schnelle wirtschaftliche Erholung und lediglich kurzfristige BeeintrĂ€chtigungen zu setzen. Pessimisten weisen hingegen auf die radikalen UmbrĂŒche hin, mit denen Unternehmen konfrontiert sind. Passenderweise kommt die Berichtssaison, in der Unternehmen das erste Quartal resĂŒmieren, nun zunehmend in Fahrt. Damit erhalten wir einen ersten Hinweis, wie sich die Coronakrise auf die Gewinne der Unternehmen auswirkt und sollten uns durchaus auf Ăberraschungen gefasst machen. In den USA enttĂ€uschten bisher vor allem Energie- und Bankentitel. BranchenĂŒbergreifend schlagen bisher GewinnrĂŒckgĂ€nge von 15 Prozent zu Buche. In diesem Zusammenhang prognostizieren Analysten DividendenkĂŒrzungen oder sogar -streichungen bei rund 50 Prozent der Unternehmen, wobei insbesondere Branchen wie Banken, Industrie und zyklischer Konsum betroffen sein werden. Wir setzen daher weiterhin auf defensive Titel wie Pharma, Technologie, Telekommunikation und nicht-zyklischen Konsum. Insgesamt bleiben die Unternehmen mit ihren Prognosen fĂŒr das kommende Jahr vorsichtig und korrigieren ihre Jahresausblicke weiter nach unten, da die Entwicklungen kaum abschĂ€tzbar sind. Die Unsicherheit bleibt also fĂŒr die nĂ€here Zukunft nicht nur im Privaten, sondern auch in Wirtschaft und Politik auĂergewöhnlich hoch.
