Ebbe an den FinanzmÀrkten: Alternativen gefragt - J.P. Morgan AM Kolumne
In der allmĂ€hlich zu Ende gehenden Ferienzeit gehörte die Nordsee zu den besonders beliebten Reisezielen in Deutschland â der Wechsel von Ebbe und Flut hat dabei stets einen besonderen Reiz fĂŒr Urlauber. Auch an den FinanzmĂ€rkten gibt es ein zyklisches Zusammenspiel â fĂŒr Anleger ist dies jedoch nicht unbedingt Anlass fĂŒr groĂe Freude. Ein Gezeitenwechsel könnte nach Ansicht von Tilmann Galler, globaler Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, nach Jahren der wirtschaftlichen Expansion und steigender Unternehmensgewinne anstehen. FĂŒr Investoren gelte es daher, die Defensive im Portfolio zu stĂ€rken. Doch QualitĂ€tsanleihen fallen angesichts der Niedrigzinspolitik als Renditestabilisator nahezu aus. âDie Notwendigkeit, verstĂ€rkt nach alternativen Methoden der Risikoreduktion zu suchen, ist fĂŒr Anleger gröĂer gewordenâ, erklĂ€rt Tilmann Galler.
Anleihen hoher BonitĂ€t stabilisieren das Portfolio â seit August ist die Rendite jedoch negativ
Bevor die âBĂ€renâ das Kommando an den MĂ€rkten ĂŒbernehmen, galt bislang als der normale Weg, Positionen in Anleihen mit hoher QualitĂ€t aufzustocken: Zum einen bietet der Zinscoupon einen Ertragspuffer, zum anderen fĂ€llt die Korrelation der Wertentwicklung von QualitĂ€tsanleihen mit Aktienrisiken im Krisenfall in den tief negativen Bereich. Dieser Effekt macht die Risikostreuung besonders effektiv. âNormalerweise steigen vor einer Rezession die Renditen an den AnleihenmĂ€rkten aufgrund steigender Inflationsrisiken und wachsamer Zentralbanken anâ, erklĂ€rt Tilmann Galler. Investoren in der Eurozone hĂ€tten deshalb beispielsweise Ende 1999 die Möglichkeit gehabt, in ihrem Portfolio die Aktienrisiken mit Hilfe von QualitĂ€tsanleihen mit einer Rendite von 5 Prozent zu reduzieren. Am Vorabend der Finanzkrise im Jahre 2007 waren es noch 4,5 Prozent. âDas bedeutet, der âVersicherungsschutzâ fĂŒr das Vermögen war nicht nur kostenlos, sondern hat noch eine attraktive Rendite und regelmĂ€Ăige ErtrĂ€ge abgeworfen, mit denen die langfristigen Anlageziele erreicht werden konntenâ, sagt Galler.
Durch die Niedrigzinspolitik habe sich diese Situation jedoch grundlegend verĂ€ndert. Inzwischen fĂŒhrt die traditionelle Risikodiversifikation zu erheblichen ErtragseinbuĂen im Gesamtportfolio: Euro-Anleihen mit hoher BonitĂ€t, reprĂ€sentiert im Bloomberg Barclays Euro Aggregate Index, haben im August zum ersten Mal in der Historie ein negatives Renditeniveau erreicht. Die laufenden ErtrĂ€ge in einem klassischen europĂ€ischen Mischportfolio aus 50 Prozent Aktien und 50 Prozent Renten kommen inzwischen zu fast 100 Prozent von der Aktienseite.
Alternative Anlagen und internationale Diversifikation reduzieren Portfoliorisiken
Anleger im aktuellen SpĂ€tzyklus sollten aufgrund steigender zyklischer Risiken die WiderstandsfĂ€higkeit des Portfolios erhöhen. âDas groĂe Experiment der Zentralbanken, durch sehr expansive Geldpolitik die traditionellen Gezeiten des Konjunktur- und Finanzmarktzyklus zu mildern, hat jedoch zu einer groĂen Ebbe im Ertragspotential defensiver Anlagen gefĂŒhrtâ, stellt Tilmann Galler fest. Traditionelle AnsĂ€tze der Risikoreduktion bergen inzwischen zunehmend die Gefahr, die lĂ€ngerfristigen Renditeziele zu unterlaufen.
Eine Möglichkeit, dies zu verhindern, ist die Risikoreduktion durch internationale Diversifikation: âQualitĂ€tsanleihen in den Dollar-WĂ€hrungen haben trotz globalem RenditerĂŒckgang noch ein höheres Renditeniveau als in der Eurozone. Allerdings muss man bereit sein, das WĂ€hrungsrisiko zu tragenâ, sagt Tilmann Galler. Eine andere Möglichkeit seien alternative Anlagen wie Immobilien, Infrastruktur, Transport und Makro-Hedgefonds-Strategien. Neben einer relativ geringen Korrelation zu Aktienrisiken liege das Renditeniveau immer noch im mittleren bis oberen einstelligen Bereich. âInzwischen ist die Angebotspalette fĂŒr öffentlich handelbare und liquide alternative Strategien deutlich angewachsen, so dass auch ein breiteres Spektrum an Anlegern Zugang finden kannâ, erklĂ€rt Galler. âAlternative Anlagen und Einkommensstrategien werden deshalb nach unserer EinschĂ€tzung aufgrund des attraktiveren Risiko-Rendite-Profils zukĂŒnftig eine gröĂere Rolle in der defensiveren Ausrichtung des Portfolios spielen.â
Tilmann Galler, Executive Director, CEFA/CFA, arbeitet als globaler Kapitalmarktstratege fĂŒr die deutschsprachigen LĂ€nder bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt. Als Teil des globalen âMarket Insightsâ-Teams erstellt und analysiert er auf Basis von umfangreichem Research Informationen rund um die globalen FinanzmĂ€rkte und leitet Implikationen fĂŒr Investmentstrategien ab. Er verfĂŒgt ĂŒber 19 Jahre Berufserfahrung in der Finanzbranche und war zuvor unter anderem auch als Portfolio Manager tĂ€tig.
