Trump und die Börse: Die Flitterwochen sind schon vorbei – Bank Sarasin Kolumne

17.01.2017, 13:36 Uhr - Autor: Kolumnist  Kolumnist auf Twitter  | 4nvestors auf: Twitter | Google News | Facebook

Seit der US-Präsidentschaftswahl kennen die Aktienmärkten und die Renditen von US-Staatsanleihen vor allem eine Richtung: Steil nach oben. Die Aussicht auf eine expansive Fiskalpolitik hat die Gewinn- und Inflationserwartungen beflügelt. Auf seiner ersten Pressekonferenz seit Monaten hat Trump aber viele Hoffnungen enttäuscht. Statt konkreter Politikvorschläge, die die Erwartungen der Finanzmärkte untermauerten, war der Wahlkämpfer Trump zurück. Die negative Börsenreaktion zeigt, dass die Flitterwochen von Trump und den Finanzmärkten bereits vor seiner „Krönung“ vorbei sind.

Das Urteil der Finanzmärkte auf die Pressekonferenz von Donald Trump war eindeutig: Der US-Dollar, US-Renditen und Aktien fielen und drückten damit aus, dass die Euphorie nach seinem Wahlerfolg wohl etwas zu groß war. Die nach wie vor bestehende Gefahr ist, dass die Märkte sich auf ein perfektes politisches Umfeld eingestellt haben, bei dem die erwartete neue Wirtschaftspolitik schnelle Früchte trägt. Politische Prozesse verlaufen aber selten schnell, glatt und reibungslos. Sie kennen Gewinner und Verlierer. Vor allem die Verlierer werden erst klar, wenn Details über die beabsichtigten Gesetzesvorhaben bekannt werden. Der wichtige politische Prozess in und um den US-Kongress beginnt genau dann. Der Mangel an Details auf der Pressekonferenz von Trump hat die Finanzmärkte daher an einem wichtigen Punkt getroffen. Wenn sie keinen konkreten Fortschritt bei der Ausgestaltung der Politikvorstellungen sehen, dann können die Hoffnungen auf schon in diesem Jahr steigende Unternehmensgewinne wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Es bliebe allerdings die politische Unerfahrenheit des Präsidenten und eines Teils seiner wichtigsten Minister. Auch blieben die bremsenden Effekte des stärkeren US-Dollar und der gestiegenen US-Renditen. Die wichtigste greifbare Botschaft der Pressekonferenz war vielleicht, dass der neue US-Präsident internationalen Handel tatsächlich als Nullsummenspiel sieht. Was das eine Land gewinnt, verliert ein anderes. Protektionismus lässt sich so leicht rechtfertigen. Dies stellt einen wichtigen internationalen Konsens in Frage. In den Jahren nach der Finanzkrise von 2008 war es die gemeinsame Erkenntnis der großen Wirtschaftsmächte, dass erst der Protektionismus nach dem Börsencrash von 1929 zu der großen Depression stark beigetragen hat. Um eine Wiederholung dieser Entwicklungen zu verhindern, hatten sich Politiker vieler Lager und Länder gegen protektionistische Tendenzen und Währungskriege gewandt. Innenpolitisch mag es sich gut verkaufen, wenn der neue Präsident diesen oder jenen handelspolitischen «Sieg» gegen die vermeintlich unfaire ausländische Konkurrenz erringt. Darin liegt vermutlich die größte Gefahr, wenn die neue US-Administration keine konkreteren Details ihrer Politikvorschläge präsentiert: Wenn schnelle innenpolitische Reformen und Erfolge ausbleiben, dann könnte sie sich stärker mit außenpolitischen Erfolgen brüsten wollen. Kurzfristig mag dies die eine oder andere Wählergruppe zufrieden stellen. Mittelfristig würden Produktivität und Unternehmensgewinne global leiden. Vor allem für die auswärtigen „Hochzeitsgäste“ am Freitag ist das kein Grund zu feiern.

Disclaimer: Dieser Text ist eine Kolumne der Bank Sarasin. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!



Nachrichten und Informationen zur Bank Sarasin-Aktie

19.07.2017 - Schweizer Wirtschaft profitiert von europäischem Wachstum – Sarasin Kolumne
20.06.2017 - Europa funktioniert! – Bank Sarasin Kolumne
31.01.2017 - Italien ist wieder auf der politischen Achterbahn – Bank Sarasin Kolumne
13.12.2016 - Jahresausblick 2017: Aussicht auf finanzpolitischen Rückenwind – Bank Sarasin Kolumne
20.09.2016 - Bank J. Safra Sarasin: Deutschland braucht Inflation und keine Mietpreisbremse
06.09.2016 - Bank J. Safra Sarasin: Verlängerung des EZB-Kaufprogramms wahrscheinlich
30.08.2016 - Bank J. Safra Sarasin: Wichtigeres als die nächste Zinserhöhung
09.08.2016 - Bank J. Safra Sarasin: US-Regulation wirkt wie eine Fed-Zinserhöhung
19.04.2016 - Bank J. Safra Sarasin: Hohe Sparquote ist keine Reaktion auf Negativzinsen
12.04.2016 - Bank J. Safra Sarasin: Negativzinsen werden immer normaler
02.02.2016 - Bank J. Safra Sarasin: Globale Zinsentwicklung – Niedrigzinsumfeld verlängert sich
23.12.2015 - Sarasin: Den Einfluss der Politik nicht unterschätzen – Gefahr zunehmender Regionalisierung
17.11.2015 - Bank J. Safra Sarasin: Die politischen Risiken bleiben hoch
25.08.2015 - Bank J. Safra Sarasin: China öffnet Türe für weitere Abwertungen
18.08.2015 - Bank J. Safra Sarasin: Chinas schwieriger Balanceakt
28.04.2015 - Bank J. Safra Sarasin: Finanzmärkte im Netz der Politik
18.03.2015 - Bank J. Safra Sarasin: Aufschwung von zyklischen Aktien ist nicht von Dauer
17.02.2015 - Bank J. Safra Sarasin: Euroland zurück auf dem Wachstumspfad
10.02.2015 - Bank J. Safra Sarasin - Dollarstärke: Konsens als Gefahr
03.02.2015 - Bank J. Safra Sarasin: Turbulenter Start ins Jahr für die Anleihen