Lufthansa, Wirecard und die Schwankungsanfälligkeit der deutschen Aktienbörsen - Börse München Kolumne

Börsen-Chef Robert Ertl: „Vieles dürfte wieder einmal von den Neuigkeiten in Sachen Corona abhängen. Allerdings könnte die reine Zunahme von Infektionszahlen in einzelnen Ländern oder Städten von den Investoren gelassener betrachtet werden als noch vor einiger Zeit, glauben Beobachter.” Bild und Copyright: Bayerische Börse AG.

Börsen-Chef Robert Ertl: „Vieles dürfte wieder einmal von den Neuigkeiten in Sachen Corona abhängen. Allerdings könnte die reine Zunahme von Infektionszahlen in einzelnen Ländern oder Städten von den Investoren gelassener betrachtet werden als noch vor einiger Zeit, glauben Beobachter.” Bild und Copyright: Bayerische Börse AG.

22.06.2020 10:17 Uhr - Autor: Robert Ertl  Robert Ertl auf Twitter  | 4investors auf: Twitter | Google News | Facebook

Schwankend, aber spürbare Gewinne: Die deutschen Aktienmärkte haben die vergangene Handelswoche nach uneinheitlichem Verlauf letztlich überwiegend im Plus beschlossen. Die Anleger waren hin- und hergerissen zwischen den Sorgen vor einer sogenannten zweiten Corona-Infektionswelle und Hoffnungen auf Unterstützungsmaßnahmen der großen Notenbanken sowie staatliche Konjunkturpakete. Beim Blick auf Einzelunternehmen waren die nur dramatisch zu nennenden Entwicklungen bei Wirecard das Thema der Woche. Der Zahlungsdienstleister musste die Vorlage seines Jahresabschlusses ein weiteres Mal verschieben, da wegen milliardenschwerer Unklarheiten in der Bilanz das Testat der Wirtschaftsprüfer verweigert wurde. Erhebliche Sorgen um die Liquiditätslage des Unternehmens folgten. Der Kurs von Wirecard verzeichnete am Donnerstag mit einem Minus von über 60 Prozent den zweitgrößten prozentualen Tagesverlust, den je ein Dax-Wert erlitten hat. Auch am Freitag setze sich der Kurssturz mit einem Abschlag von rund 35 Prozent fort.

Der Deutsche Aktienindex (Dax) selbst gewann im Wochenvergleich 3,2 Prozent auf 12.330,76 Punkte. Der MDax legte um 3,0 Prozent auf 26.246,00 Zähler zu. Gegen den allgemeinen Trend sank der TecDax, in dem Wirecard ebenfalls enthalten ist, um 2,0 Prozent auf 3.006,64 Punkte. Der m:access All-Share verbesserte sich um 3,5 Prozent auf 2.641,42 Zähler, dabei verzeichneten fünf Indexwerte zweistellige prozentuale Wochengewinne.

Die Kurse an den deutschen Anleihemärkten haben in der vergangenen Woche in geringem Umfang geschwankt und sich im Wochenvergleich nur wenig verändert. Auftrieb verliehen unter anderem einige schwache Konjunkturdaten, während die zeitweilige höhere Risikoneigung der Anleger belastete. Die Rendite der richtungsweisenden zehnjährigen Bundesanleihe erhöhte sich im Wochenvergleich von -0,45 auf -0,42 Prozent. Die Umlaufrendite sank dagegen von -0,41 auf -0,43 Prozent.

An den US-Aktienbörsen hat ein schwacher Wochenausklang die Gewinne zwar gemindert, die Bilanz fiel aber auch hier insgesamt positiv aus. Der Dow-Jones-Index legte im Wochenvergleich um 1,0 Prozent zu auf 25.871,46 Punkte. Der breiter gefasste S&P-500-Index stieg um 1,9 Prozent auf 3.097,74 Zähler. Der technologielastige Nasdaq-100-Index verbesserte sich sogar um 3,6 Prozent auf 10.008,64 Punkte.

Ausblick

Auch wenn es viele nicht mehr hören oder lesen können: Die Schwankungsanfälligkeit der deutschen Aktienbörsen dürfte bis auf weiteres anhalten. Darüber hinaus gehen die Meinungen der Analysten beim Blick auf die aktuelle Woche auseinander. Die einen trauen dem Markt weitere Gewinne zu, andere setzen auf eine Seitwärtsbewegung oder sogar Rückschläge. Dabei argumentieren die Optimisten mit den Maßnahmenpaketen von Regierungen und Notenbanken, die pessimistischer Gesinnten mit den extremen Folgen der Corona-Pandemie beziehungsweise der Gegenmaßnahmen. Vieles dürfte wieder einmal von den Neuigkeiten in Sachen Corona abhängen. Allerdings könnte die reine Zunahme von Infektionszahlen in einzelnen Ländern oder Städten von den Investoren gelassener betrachtet werden als noch vor einiger Zeit, glauben Beobachter. Entscheidender als diese Fallzahlen sei die Reaktion der zuständigen Behörden. Dabei hoffen viele darauf, dass es nicht erneut zu umfangreichen, allgemeinen Lockdown-Maßnahmen kommen wird, sondern die Einschränkungen lokal und begrenzt bleiben. Dies würde ihre Folgen für die allgemeine Konjunktur deutlich verringern, zumindest sofern auch die Infektionszunahmen lokal blieben, heißt es.

Mit Interesse dürften die Marktteilnehmer auf die anstehenden Wirtschaftsdaten blicken, von denen sie sich verschiedene Einblicke in die Auswirkungen der Pandemie erhoffen. Zu den interessantesten Veröffentlichungen zählen dabei hierzulande der Ifo-Geschäftsklimaindex und das GfK-Verbrauchervertrauen. Zudem kommen aus Deutschland, der Eurozone und den USA Einkaufsmanagerindizes, aus den USA dürften daneben die privaten Ausgaben, das Verbrauchervertrauen und die Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter für Aufmerksamkeit sorgen. Beobachter hoffen, dass sich viele Daten nach den erheblichen Corona-Einbrüchen wieder stabilisiert haben.

Von den Einzelunternehmen dürfte unter anderem Lufthansa im Fokus stehen. Dies weniger, weil die Fluggesellschaft seit Beginn der aktuellen Woche kein Dax-Wert mehr, sondern nun im MDax enthalten ist (im Dax nachgerückt ist der Berliner Immobilienkonzern Deutsche Wohnen). Wesentlich wichtiger dürfte die außerordentliche Hauptversammlung der Lufthansa am Donnerstag sein, auf der über Annahme oder Ablehnung des Rettungspakets der deutschen Bundesregierung entschieden wird. Dabei wird von den Befürwortern des Rettungspakets befürchtet, dass der Großaktionär Heinz Hermann Thiele dieses blockieren könnte. Daneben kann sich auch Wirecard der anhaltenden Aufmerksamkeit der Märkte gewiss sein. Nachdem das Unternehmen am späten Sonntagabend mitgeteilt hat, dass die Milliarden-Euro-Summe, um die es in dem Bilanzskandal geht, wahrscheinlich nicht existiert, ist der inzwischen von vielen befürchtete Abstieg aus dem Dax im Herbst nach Ansicht von Marktteilnehmern wohl derzeit eines der nachrangigen Probleme des Zahlungsdienstleisters.

Ausgewählte wichtige Termine der Woche

Montag. 22.06.: Verkäufe bestehender Häuser in den USA; Chicago Fed Nationaler Aktivitätsindex (USA); Zinssatzentscheid der chinesischen Notenbank
Dienstag, 23.06.: Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe in Deutschland und der Eurozone; Dienstleistungsindizes für Deutschland und die Eurozone; Markit PMI Gesamtindex für die USA; Verkäufe neuer Häuser in den USA; Richmond Fed Produktionsindex (USA)
Mittwoch, 24.06.: Ifo-Geschäftsklimaindex (Deutschland); US-Immobilienpreisindex
Donnerstag, 25.06.: GfK-Verbrauchervertrauen (Deutschland); Bruttoinlandsprodukt der USA; Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter in den USA; Persönliche Konsumausgaben in den USA
Freitag, 26.06.: Persönliche Einkommen und Ausgaben in den USA; Verbrauchervertrauen der Universität Michigan (USA)

Autor: Dr. Robert Ertl, Vorstand der Bayerischen Börse AG


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Wirecard Aktie kaufen oder nicht kaufen? Der Faktencheck zu vielen offenen Fragen…- Update 22.06. - 14.50 Uhr

Update vom 22. Juni 2020, 14:50 Uhr: Seit heute Nacht scheint klar: Die von Wirecard als vermisst gemeldeten 1,9 Milliarden Euro haben wohl nie existiert und die tatsächlichen Zahlen im Drittpartnergeschäft sind wohl geringer als von Wirecard bilanziert - wie stark die Abweichungen sind, hat Wirecard in der heute Nacht veröffentlichten Ad-Hoc nicht gemeldet. Die Entwicklung, die erst nach Publikation dieses Faktenchecks bekannt wurde, verschärft die Lage des Unternehmens weiter und dürfte vor allem in Bankenkreisen nicht gut ankommen. Damit wird es zunehmend unwahrscheinlicher, dass die Kreditgeber den noch im DAX-notierten Konzern weiter stützen werden. Bis zu diesem Augenblick gibt es aber keinerlei endgültige Entscheidungen, die Verhandlungen laufen.

Wirecard sorgt an der Börse weiter für Aufregung. Die Bilanz wurde nicht testiert, der unklare Verbleib von 1,9 Milliarden Euro an Treuhandguthaben wird zunehmend mysteriöser und die Wirecard Aktie ist am ... diese News weiterlesen!

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