Corona-Krise: Käuferstreik am Anleihenmarkt - Weberbank-Kolumne

Nicht der Virus bringt die Welt ins Ungleichgewicht, sondern der Umgang mit dem Virus. Ökonomisch gilt es einen dreifachen Schockzustand zu verarbeiten. Bild und Copyright: SukanPhoto / shutterstock.com

Nicht der Virus bringt die Welt ins Ungleichgewicht, sondern der Umgang mit dem Virus. Ökonomisch gilt es einen dreifachen Schockzustand zu verarbeiten. Bild und Copyright: SukanPhoto / shutterstock.com

23.03.2020 10:34 Uhr - Autor: Kolumnist  Kolumnist auf Twitter  | 4investors auf: Twitter | Google News | Facebook

Wir befinden uns in der Mitte eines wild wütenden, historisch einmaligen Sturms, der über die Wirtschaft und die Finanzmärkte hinwegfegt. Auslöser dieser Bewegung sind die einschneidenden Maßnahmen, die in unserer Gesellschaft unternommen werden müssen, um die Ausbreitung des Corona-Virus‘ zu verlangsamen. Die längste wirtschaftliche Expansionsphase der letzten hundert Jahre findet damit ihr jähes Ende. Wie wir die Auswirkungen dieser Entwicklung einschätzen, lesen Sie in der heutigen Ausgabe von Finanzmarkt aktuell.

Wirtschaft im Auge des Sturms
Die internationalen Staats- und Regierungschefs drücken im Kampf gegen das Corona-Virus zunehmend auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche „Pause-Taste“. Der Plan, dadurch die Verbreitung des Virus zu verzögern, um das Gesundheitswesen auf höheren Fallzahlen vorzubereiten, könnte gelingen. Den Erfahrungen aus China und Korea folgend werden wir in den kommenden Wochen hoffentlich erste Erfolge sehen können. Parallel hat sich jedoch in der Wirtschaft ein Sturm zusammengebraut, der erhebliche Auswirkungen haben wird und uns veranlasst, unser Konjunkturbild deutlich zu revidieren.

Nicht der Virus bringt die Welt ins Ungleichgewicht, sondern der Umgang mit dem Virus. Ökonomisch gilt es einen dreifachen Schockzustand zu verarbeiten – einen Nachfrageschock durch eine fallende Konsumentennachfrage, einen Angebotsschock durch eine Unterbrechung der Produktion und einen Finanzmarktschock durch Kursverfall, mangelnde Liquidität und steigende Schwankung an den Kapitalmärkten. Das geballte Auftreten dieser Umstände ist für die Wirtschaftsteilnehmer zu viel, um es alleine verarbeiten zu können.

Glücklicherweise mangelt es trotz vereinzelter Rückkehr zu nationalstaatlichem Denken in diesem Krisenfall nicht an internationalem Zusammenhalt und gemeinsamem Handeln. In den 1930er Jahren, die immer häufiger als Vergleich angeführt werden, waren das Fehlen von international abgestimmtem Agieren und ein chronischer Liquiditätsmangel primär für den wirtschaftlichen Niedergang verantwortlich. Die heutigen internationalen Notenbanken haben hingegen mit viel Tatendrang begonnen, die Zinsen zu senken, Wertpapiere aufzukaufen und Notfallliquidität bereitzustellen. Der Umfang dieser Maßnahmen lässt Erinnerungen an die Finanzkrise im Jahr 2008 wach werden.

Ähnlich beherzt agieren die Einzelstaaten in Bezug auf Fiskalprogramme. Dabei geht es weniger um Konjunkturprogramme, die aktuell wenig Nutzen entfachen würden, sondern primär um Hilfen, um die Phase der „wirtschaftlichen Pause“ zu überstehen. Die Summen, die die Finanzminister in diesem Zusammenhang bereitstellen wollen, sind ein Superlativ. Olaf Scholz stellte über Kurzarbeitergeld und unbegrenzte Kreditförderung für Unternehmen über die staatliche KfW-Bank ein Volumen von bis zu 550 Milliarden Euro in Aussicht. Sein amerikanischer Kollege Steven Mnuchin hat Pläne für ein Hilfspaket über eine Billion Dollar vorgestellt, das größte in der Geschichte der USA. Neben Hilfen für die Wirtschaft sollen vor allem die US-Bürger direkt monetäre Unterstützung in Form von Barschecks erhalten.

Zusammenfassend können wir festhalten, dass derzeit alles Notwendige getan wird, um die negativen Auswirkungen der Pandemie zu begrenzen. Die Wirtschaft wird in unseren Augen dennoch in eine Rezessionsphase eintreten. Die USA beenden damit ihre historisch längste Expansionsphase der Wirtschaft von über 10 Jahren. Europa wird aufgrund der im Vorfeld schon schwachen Konstitution am stärksten negativ betroffen sein. Mittelfristig sollten die enormen Maßnahmen der Notenbanken und Staaten jedoch den Boden für eine deutliche Erholung der Weltwirtschaft bereiten. Die Tiefe und Dauer der Rezession hängt von der Dauer der Einschränkungen des öffentlichen Lebens ab, die wir hinnehmen müssen, um die Pandemie zu überstehen.

Aktienmärkte preisen Rezession ein
Die Aktienmärkte können auch mit einem neuen Superlativ aufwarten: Noch nie wurde innerhalb so kurzer Zeit eine so kräftige Kurskorrektur vollzogen wie in den zurückliegenden Wochen. Mit Kursrückgängen von bis zu 40 Prozent vom Hochpunkt führen europäische Aktien die traurige Statistik an. Zwei der fünf negativsten Tagesbewegungen im USAktienmarkt der letzten 100 Jahre sind in den vergangenen zwei Wochen aufgetreten. Auch die Stimmung der Anleger ist von „sorglos & euphorisch“ zu „panisch & sorgenvoll“ umgeschlagen. Die Schwankung an den Börsen hat Rekordwerte erreicht, die selbst zu Zeiten der Finanzkrise nicht gesehen wurden. Wann ein Ende der Talfahrt erreicht sein wird, ist schwer auszumachen, da es eine stark psychologisch getriebene Bewegung ist. Zieht man auch hier das Geschichtsbuch zu Rate, so sollten die kommenden Monate noch schwierig bleiben, und eine defensive Ausrichtung des Portfolios ist angeraten. Andererseits sind durch die Aktienkurskorrekturen bereits zweistellige Rückgänge der Gewinne der Unternehmen eingepreist worden. Deutsche und europäische Aktien notieren bereits wieder nahe ihres Buchwertes. In den letzten Jahrzehnten war das Unterschreiten dieser Niveaus für langfristig orientierte Anleger ein guter Investitionszeitpunkt. Auf Unternehmensebene stellen wir fest, dass selbst hervorragend geführte Unternehmen mit dominanter Marktstellung über Gebühr abgestraft werden. Übertreibungen nach unten bieten unserer Meinung nach in der nächsten Zeit attraktive Einstiegsmöglichkeiten für strategische Engagements.

Normalerweise würde man in diesem von Unsicherheit geprägtem Umfeld annehmen, dass Anleger aus Überlegungen des Kapitalschutzes verstärkt bonitätsstarke Anleihen nachfragen, wie beispielsweise deutsche Staatspapiere. Das war in der ersten Phase der Risikoaversion bis Anfang März auch der Fall. Aktuell stehen jedoch selbst diese Wertpapiere unter Druck, da hochliquide Anlagen genutzt werden, um kurzfristige Engpässe in anderen Bereichen auszugleichen. Darüber hinaus erkennen die Anleger zunehmend, dass die Hilfspakete der Regierungen am Ende durch neue Schulden bezahlt werden müssen und verlangen eine höhere Risikoprämie. Speziell in Südeuropa werden Renditeaufschläge aufgerufen, die an die Euro-Krise erinnern. Zeitgleich treten immer weniger Käufer am Markt auf. Dies führt in einigen Marktsegmenten zu einem regelrechten Käuferstreik. Das hat auch die europäische Zentralbank (EZB) erkannt und in einer kurzfristig anberaumten Krisensitzung Wertpapierkäufe im Volumen von 750 Mrd. Euro bis zum Jahresende angekündigt. Die Maßnahme sollte auf jeden Fall helfen, den Markt zu stabilisieren. Im aktuellen Umfeld wird es aber sicherlich nicht die letzte Aktion der EZB gewesen sein. Eine Beruhigung der Situation an den Märkten wird unserer Meinung nach erst mit einer deutlichen Verlangsamung der Virusneuerkrankungen einhergehen. Eine Normalisierung der Wirtschaft sollte allerdings wesentlich länger dauern.



Disclaimer: Dieser Text ist eine Kolumne der Weberbank. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!

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