LEEF: „Ein stärkeres Statement lässt sich kaum vermitteln“
24.06.2026 08:49 Uhr - Autor: Johannes Stoffels auf twitter
Bei der Emission der Anleihe von LEEF hat es einige kritische Fragen zur Liquidität und Bilanzsituation gegeben. Im Exklusivinterview mit der Redaktion von 4investors.de stellt sich Jens Christoph, Geschäftsführer von Leef, dieser Problematik. Er geht ausführlich auf die Finanzlage ein, spricht über das negative Eigenkapital und erläutert, welchen Finanzierungsbedarf die Potsdamer haben. Die Frage nach eventuellen Insolvenzgründen beantwortet Christoph bewusst provokant, um dann auf die Risikoallokation einzugehen. Letztlich ist auch der Ausblick auf 2026 ein Thema des Gespräch. 4investors.de: Im Geschäftsbericht für 2024 und auch im Neunmonatsbericht 2025 wird die Finanzlage der Gesellschaft als angespannt und die Risikolage als insgesamt „komplex aber handhabbar” bezeichnet. Gab es in der jüngeren Vergangenheit Zahlungsschwierigkeiten? Christoph: Ein klares Nein. Wir haben unsere Liquiditätslage stets eng im Blick und funktionierende Forecast-Instrumente, die einer permanenten Überwachung unterliegen. Eva Unruh, unsere CFO, hat mit ihrem Background aus der KPMG stets einen sehr strengen Blick auf die Cash-Planung. Die Komplexität der Lage entsteht eher aus dem Wachstumswillen und aus der Wachstumsnotwendigkeit. Das Geschäftsmodell von LEEF weist lange Bestellzeiten auf. Nach Bestellung und darauffolgender Produktion erfolgt der Schiffsversand, häufig aus Asien oder Indien. Bei der aktuellen geopolitischen Lage kommen weitere Risiken hinzu. Der Bestellzeitpunkt und die Zahlungen fallen somit stark auseinander und erfordern viel Liquidität, um nicht vier oder fünf Monate später out-of-stock zu sein. Die Bedarfe zu ermitteln in einem stark steigenden Geschäftsmodell ist eine Herausforderung für unser Supply Chain Team. Bei europäischen Lieferanten ist die Planbarkeit besser, dennoch ist sie alles andere als trivial. 4investors.de: Wie hat sich die Liquiditätslage und der operative Cashflow seit dem Neunmonatsbericht 2025 verändert? Fließt aus dem operativen Geschäft Cash zu oder wann soll dieser Punkt erreicht werden? Christoph: Bei dieser Frage möchte ich gerne den Bogen etwas weiter spannen. Nach den aktuellen Forecasts wird der operative Break Even beim Übergang vom ersten zum zweiten Quartal 2027 geschafft sein. Das ist aber sehr stark abhängig von Liquiditätszuflüssen. Aktuell ist die Gesellschaft noch nicht in der Lage, die Mengen und die Produktvielfalt zu ordern, die für ein optimales Wachstumsszenario erforderlich wären. Dafür bräuchte es noch mehr Liquidität. Wir müssen daher stets noch priorisieren und das ist eigentlich hochgradig wachstumsschädlich. Mit anderen Worten: wir lassen Umsätze und Profite liegen. Wir haben ein handverlesenes Expertenteam aufgebaut, das für ein solches Geschäftsmodell erforderlich ist, ganz unabhängig vom Umsatz. Das schließt, neben den Kernteams E-Commerce und Supply Chain Management, das Full Stack Development ein, um in hohem Maße Prozesse zu automatisieren und die Effizienz zu erhöhen, sowie die Schnittstellen zu programmieren. Dazu kommt das Business Process Management, um stets die Verbesserbarkeit aller geschäftlichen Prozesse zu prüfen und gegebenenfalls anzupassen. Und natürlich spielt KI eine maßgebliche Rolle, die spielt praktisch in jeden Prozess herein. So sind wir dazu in der Lage, mit diesem Team auch ohne weiteres das vier- oder fünffache an Umsatz zu generieren, nur erhöht es in der Startphase eben das Defizit. Auf längere Sicht ist es aber die pure wirtschaftliche Vernunft, die aus dem Vorgehen spricht. So lässt sich ein Maximum an Effizienz erreichen, das kostensenkend wirkt. Die Liquiditätslage wurde in der Vergangenheit und wird aktuell durch unsere Bestandsgesellschafter gestützt, in Form von Wandeldarlehen, Darlehen und jüngst durch eine weitere Kapitalerhöhung über mehr als 1,3 Millionen Euro, davon 0,45 Millionen Euro an liquiden Mitteln. Ich glaube, ein stärkeres Statement lässt sich kaum vermitteln. Klar ist aber auch: Je besser die Anleihe performt, desto schneller lassen sich die Wachstumsszenarien umsetzen. 4investors.de: Welcher Finanzierungsbedarf besteht für 2026 und 2027? Christoph: Für 2026 werden ca. 2 Millionen Euro an reinen Liquiditätszuflüssen erforderlich sein, 2027 dann noch einmal ca. 1,5 Millionen Euro. Wie eingangs schon erwähnt, lassen uns größere Spielräume auch schneller wachsen. Zu beachten ist hier aber stets der starke Versatz von Liquiditätszufluss und Umsatzrealisierung. Das ist typisch für ein Geschäftsmodell wie unseres und die geopolitische Lage wirkt gerade wenig komplexitätsmindernd. 4investors.de: Wer garantiert die Liquidität, unabhängig davon wie viel neues Geld durch die Anleihe hereinkommt? Welche Optionen stehen LEEF hierfür zur Verfügung? Christoph: Zum einen haben wir einen starken und verlässlichen Gesellschafterkreis, zum zweiten sind wir gerade mit mehreren Banken im Gespräch und eruieren die Aufnahme von weiteren Gesellschaftern über Kapitalerhöhungen. Schließlich gibt es noch verschiedene Fremdkapitalmöglichkeiten, die im E-Commerce üblich sind. Grundsätzlich könnten wir auch das Geschäftsmodell „strippen“, um Kosten herunterzufahren. Das ist ökonomisch aber kontraproduktiv, da wir mitten in der Wachstumsphase Marktanteile abgeben müssten. Auch wenn die Kosten dann geringer wären, würde sich die Ramp-up-Phase verlängern. Ich hielte das für einen strategischen Fehler. 4investors.de: Im Laufe des Jahres 2025 hat sich das negative Eigenkapital von 4,2 Millionen Euro per Ende 2024 auf 6,2 Millionen per Ende September erhöht. Wie hat sich das Eigenkapital seitdem entwickelt? Christoph: Das negative Eigenkapital hat sich per Ende 2025 auf 7,1 Millionen Euro erhöht. Hierzu möchte ich ein Stück weiter ausholen. Der Umbau der LEEF in die Gesellschaft, die sie heute ist, begann mit der Verschmelzung mit der ehemaligen wisefood GmbH. Das war eine Restrukturierung, für die ich als neuer Geschäftsführer von den Gesellschaftern beauftragt wurde. Hierzu wurden ca. 50 Prozent unseres Personals neu besetzt, um die erforderlichen Skills auf Expertenniveau in die Gesellschaft zu holen. Eine sehr umfassende technische Integration wurde realisiert, bei der Systeme verbunden, getauscht, Dopplungen abgeschafft und teilweise völlig neu wieder aufgestellt werden mussten. Der administrativ-organisatorische Prozess war höchst anspruchsvoll. Dieser Prozess, den ich gerne als Transformationsprozess beschreibe, hat 2025 mit ca. 3 Millionen Euro zu Buche geschlagen. Gemessen an den Erfordernissen, war das eine kostengünstige und effiziente Realisierung. Trotz dieser Transformation, die jeden Mitarbeitenden in Anspruch genommen hat, konnten wir einen Umsatzzuwachs von rund 40 Prozent realisieren – quasi nebenbei. Die Transformation hatte höchste Priorität, um sie abzuschließen und sich dann auf das Wachstum zu konzentrieren. Nebenprodukt der technischen Integration ist, dass das gesamte technische Knowhow nun bei den Mitarbeitenden direkt am operativen Prozess zu finden ist. Die Auslagerung, die typischerweise in IT-Abteilungen erfolgt, konnte komplett unterbleiben. Das hat ebenfalls hohe Geschwindigkeitszuwächse zur Folge. Das restliche negative Eigenkapital ist geerbt, wenn ich das so ausdrücken darf. Im Grunde hat es nichts mit der LEEF von heute zu tun, aber man kann sich eben um das historische Erbe nicht drücken. Angesichts von Marktgröße und Marktentwicklung halten wir das aber alles für im vertretbaren Rahmen. 4investors.de: Wie stellt LEEF vor diesen Hintergründen bei Liquidität und Eigenkapital sicher, dass keine Insolvenzgründe be- und entstehen? Christoph: Ich antworte vorab einmal bewusst provokant: Gar nicht. Gegenfrage: Wer garantiert das Überleben von Volkswagen, SpaceX, u.s.w.? Was passiert, wenn Elon Musk einen Unfall hat? BASF, Bayer und im Grunde die ganze Chemieindustrie sind in ernsthaften Krisen, Ausgang ungewiss. ABO Energie hadert mit ernsthaften Sanierungsproblemen. Nissan ist in einer harten Restrukturierung. Ganz zu schweigen von Intel, die immer mehr ins Abseits geraten. Signa (einst ein Bankenliebling), Northvolt (Goldman Sachs hat sicher keinen Mangel an Analysten), iRobot (ETFs, Hedgefonds, Fonds, JPMorgan), Esprit (reihenweise institutionelle Anleger), 23andMe (Alphabet, Sequoia, Fidelity u.a.) oder auch Tupperware (auch viele institutionelle Anleger) haben es nicht geschafft – große etablierte Companies, starke Marken, mitunter Marktführer, analysiert, geprüft, geradezu durchleuchtet, viel diskutiert. Jeder Markt birgt Risiken, die man nicht zu 100 Prozent absichern kann. Dazu kommen Risiken, die niemand auf dem Schirm hat – ich erinnere gerne an die Finanzkrise 2008/2009 oder an die Covid-Pandemie. Ich hole deshalb so weit aus und nenne diese Beispiele, weil es in freien Märkten schon per Definition keine Bestandsgarantien gibt, egal wie hochkarätig die Analysten sind, die prüfen. Ich glaube grundsätzlich nicht an solche Garantien, weil sie unlauter sind. Viel entscheidender ist das Setup des Unternehmens und der Markt. Was das Setup der Gesellschaft angeht, ist LEEF exzellent aufgestellt, ein besseres Team lässt sich mit 22 Mitarbeitenden kaum aufstellen, hochkarätige Erfahrung, Gestaltungswillen und Agilität, alles auf multinationalem Niveau. Der Markt ist offen und saugt nachhaltige Produkte förmlich auf. Wettbewerber, die sich auf Nachhaltigkeit spezialisiert haben, sind überschaubar, es gibt keinen Verdrängungswettbewerb, zumal der Markt stetig wächst und regulatorisch gerade massiv angeheizt wird: CSRD, CSDDD, EmpCo, EUDR und weitere rechtliche Regelungen, also die aktuellen und künftigen gesetzlichen Vorschriften zu Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit im Allgemeinen, pumpen diesen Markt förmlich auf. Dann sollte man seine bekannten Risiken im Griff haben und die Eintrittswahrscheinlichkeiten konsequent reduzieren. LEEF macht das durch eine breite Produktpalette, durch eine Diversifikation in den Vertriebswegen, durch eine internationale Spreizung und last but not least durch eine Diversifikation bei den Kundengruppen. So lassen sich unvorhergesehene Einflüsse leichter verschmerzen, auf längere Sicht machen solche Erfahrungen sogar stärker. Schließlich ist es heute entscheidend, dass Automatisierung und KI-Nutzung vorangetrieben und zur Effizienzverbesserung genutzt werden, nicht umsonst hat LEEF einen Claude-Enterprise-Vertrag, beschäftigt einen Full Stack Developer und nutzt viele weitere KI-Tools. Effizienz ist der sinnvollste Kostensenker. Um alle Investoren auf der Risikoseite zu entlasten, sorgen wir für eine Risikoallokation. So sind Gesellschafter mit Eigenkapital, Convertibles und Darlehen, Banken mit Fremdkapitalfinanzierungen, eine Beteiligungsbank mit einer stillen Beteiligung, sowie Crowdfinanzierungen und eben auch die Anleihe mit im Portfolio. Trotz der Allokation haben wir stets bedacht, die Steuerungselemente nicht zu vernachlässigen und die Komplexität in vernünftigen Grenzen zu halten. Die Finanzierungsinstrumente hatte ich vorhin schon genannt, die lassen sich situationsbedingt kombinieren. Wir haben in der Vergangenheit bewiesen, dass wir unsere Liquidität managen. Operative Stellschrauben haben wir ebenfalls, also sind wir überzeugt, dass das alles handhabbar ist – zumal wir immer weiter expandieren. 4investors.de: Was ist für die Veröffentlichung des Jahresabschlusses der LEEF Blattwerk GmbH 2025 zu erwarten, der Ende Juni vorgelegt werden soll? Christoph: Wir sind gerade in den allerletzten Zügen und planen die Veröffentlichung bereits zum 25.05.2026. Überraschungen sind in dem Abschluss nicht enthalten. 4investors.de: Wie sieht der Ausblick auf 2026 aus? Im Neunmonatsbericht sprachen Sie von einer erwarteten maßgeblichen Verringerung des Defizits. Christoph: Das operative Defizit wird sich auch maßgeblich verringern, daran hat sich nichts geändert. Die Umsetzung neuer Richtlinien nimmt Ressourcen in Anspruch. Diese Verordnungen erfordern einen Product Compliance Data Layer, für 800 Produkte ein ordentliches Projekt. Sei es die PPWR, die EUDR, die SUPD oder auch die EmpCo, einerseits Markttreiber, anderseits mit hohem Aufwand verbunden, aber dafür stehen wir danach sauber am Markt da – das wird wohl nicht allen Mitbewerbern gelingen. 2026 wird das Jahr, in dem wir unsere Marktpräsenz stark ausbauen. Es kommen neue Plattformen hinzu, wir berichteten ja bereits über Unite. Metro Markets stellen wir gerade komplett neu auf, viel stärker automatisiert und besser zu steuern. Weitere folgen nach Priorität und auch die Internationalisierung schreitet weiter voran. 4investors.de: Haben Sie noch ein Schlusswort für die Leser? Christoph: Ja, sehr gerne: Ich bedanke mich herzlich für dieses Interview. Ich verstehe bestens die kritischen Fragen, wir setzen uns im Finance-Team ständig damit auseinander, daily business sozusagen. Ich hoffe, dass ich die Verunsicherung mancher Investoren ein Stück weit beruhigen konnte. Wir bei LEEF arbeiten hart für die Umsetzung unserer Vision, die in unserer Welt jeden Tag wichtiger wird. Selbst wenn die Defence-Papiere noch so gut performen und die fossile Industrie gerade ein Revival erlebt, mit dem viel Geld verdient wird: Der Klimaschutz, der Umweltschutz, der Meeresschutz, etc. kurz: die Sicherung unserer Lebensgrundlagen ist einfach essenziell. Alles andere wird wertlos, wenn uns das als Gesellschaft nicht gelingt. Und wir bei LEEF tragen einen guten Teil dazu bei, nicht nur lokal, sondern in großem Stil. Wir verstehen uns als integralen Teil einer großen Gemeinschaftsaufgabe. So unbeliebt ESG gerade auch ist, wir sitzen alle in demselben Boot. Es sollte in unser aller Interesse sein, dass es weiter schwimmt.
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