Lang & Schwarz: „Wir planen eine erfolgreiche Umsetzung bis Ende 2026“
30.07.2026 07:32 Uhr - Autor: Johannes Stoffels auf twitter
Trade Republic wickelt nicht mehr den gesamten Handel, wie bisher geschehen, über Lang & Schwarz ab. Diese Nachricht hat den Kurs der L&S-Aktie vor einigen Wochen einbrechen lassen. Jetzt äußert sich Andreas Fleischmann, Vorstand von Lang & Schwarz, im Exklusivinterview mit 4investors.de zu den Ereignissen. Die Entwicklung ist für ihn ein erheblicher Einschnitt, gleichzeitig entsteht dadurch die Möglichkeit „ein robusteres Unternehmen mit mehreren unabhängigen Ertragsquellen aufzubauen“. Fleischmann geht entsprechend auf die künftigen Pläne rund um Lang & Schwarz ein, dabei spielt ein neues Projekt im Bereich Market Making eine sehr wichtige Rolle. Finanzielle Aspekte, die Handelszeiten aber auch die Dividendenpolitik sind weitere Themen im Gespräch mit Fleischmann. Der Verlust von Vertrauen aber auch die Zuversicht von Fleischmann hinsichtlich der Zukunft werden in dem Interview ebenfalls angesprochen. 4investors.de: Sie haben jüngst mit Trade Republic einen sehr großen Kunden im Bereich Market Making verloren. Für viele Investoren kam das in dieser Deutlichkeit überraschend, da Sie zuvor nichts vorbereitend kommuniziert hatten. War das ein Fehler und sind Sie selber überrascht worden? Fleischmann: Zunächst ist die Prämisse so nicht ganz richtig: Trade Republic ist weiterhin Geschäftspartner von Lang & Schwarz. Aufgrund des neuen Handelsmodells wird jedoch nicht mehr der gesamte Handel von Trade Republic über Lang & Schwarz beziehungsweise die LS Exchange abgewickelt. Das ist ein erheblicher Einschnitt für unser börsliches Market Making. Die strukturellen Veränderungen durch das Auslaufen von Payment for Order Flow und mögliche Anpassungen der Marktinfrastruktur waren Teil unserer Szenarioanalysen. Nicht belastbar absehbar waren der konkrete Zeitpunkt, die Geschwindigkeit und die unmittelbare Größenordnung der Umsetzung. Sobald wir die Auswirkungen hinreichend verlässlich beurteilen konnten, haben wir unsere Prognose angepasst und den Kapitalmarkt per Ad-hoc-Mitteilung informiert. Die aktuelle Entwicklung bestätigt zugleich unseren strategischen Kurs: Wir werden unsere Ertragsbasis deutlich breiter aufstellen – über zusätzliche Handelsplätze, neue Partner, strukturierte Produkte und weitere technologiegetriebene Geschäftsmodelle. 4investors.de: Welchen Anteil hatte Trade Republic am Gesamtgeschäft von Lang & Schwarz und welche Margen wurden mit den Aktivitäten erzielt? Fleischmann: Kundenspezifische Ergebnisbeiträge, Margen und Vertragskonditionen veröffentlichen wir aus Vertraulichkeits- und Wettbewerbsgründen grundsätzlich nicht. Der Orderflow von Trade Republic hatte eine hohe wirtschaftliche Bedeutung für das TradeCenter-Geschäft; dies wird auch durch die von uns veröffentlichte Prognoseanpassung deutlich. Gleichzeitig verfügt Lang & Schwarz mit dem Market Making und den strukturierten Produkten über zwei profitable Kerngeschäfte. Das Geschäft mit strukturierten Produkten ist vom Trade-Republic-Orderflow unabhängig, hat sich im ersten Halbjahr 2026 sehr positiv entwickelt und soll als zweite Ertragssäule künftig weiter an Bedeutung gewinnen. 4investors.de: Am Markt war zu hören, dass die Entwicklung für Lang & Schwarz existenziell ausfallen könnte. Ist L&S ohne Trade Republic überlebensfähig? Wie sehen Sie das? Fleischmann: Die Entwicklung ist ein erheblicher Einschnitt, aber ganz bestimmt keine existenzielle Bedrohung für Lang & Schwarz. Wir verfügen über zwei profitable Geschäftsbereiche, eine moderne Handelsinfrastruktur sowie eine solide Eigenkapital- und Liquiditätsausstattung. Im Bereich der strukturierten Produkte erzielten wir im ersten Halbjahr 2026 ein Ergebnis aus der Handelstätigkeit von rund 30 Millionen Euro nach knapp 20 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Im Market Making verbreitern wir unsere Basis durch weitere Handelsplätze, neue Partner und das geplante Multi-Market-Maker-Modell. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, den bisherigen Orderflow kurzfristig eins zu eins zu ersetzen, sondern ein robusteres Unternehmen mit mehreren unabhängigen Ertragsquellen aufzubauen. Entscheidend ist deshalb die Kombination aus Wachstum, Diversifikation und höherer Kosteneffizienz. 4investors.de: Müssen Sie aufgrund der Entwicklungen Kosten senken und gibt es personelle Konsequenzen bei Lang & Schwarz, gegebenenfalls auch auf Vorstandsebene? Fleischmann: Wir passen unsere Organisation konsequent an die künftige strategische Ausrichtung und die veränderte Geschäftslage an. Dazu überprüfen wir Prozesse, Kosten- und Organisationsstrukturen mit Blick auf Skalierbarkeit, Digitalisierung, klare Prioritäten und eine effiziente Ressourcenallokation. Zu möglichen einzelnen personellen Maßnahmen oder nicht abgeschlossenen Entscheidungen äußern wir uns nicht. 4investors.de: Lang & Schwarz ist aber weiter Teil der Handelsplatzauswahl von Trade Republic? Fleischmann: Ja. Trade Republic ist weiterhin Geschäftspartner, und die LS Exchange bleibt Teil der Handelsplatzauswahl. Aufgrund der neuen Marktbedingungen wird der Handel von Trade Republic jedoch nicht mehr vollständig über Lang & Schwarz beziehungsweise die LS Exchange abgewickelt. 4investors.de: Im Market Making setzen Sie künftig auf ein Multi-Market-Maker-Modell, das sich in der finalen Phase vor der Einführung befinden soll. Wann kann das Modell frühestens an den Start gehen? Fleischmann: Wir planen eine erfolgreiche Umsetzung bis Ende 2026. Das ist ein Planungsziel und keine bedingungslose Zusage. Das Projekt befindet sich in der weiteren vertraglichen und technischen Umsetzung; es steht unter dem Vorbehalt entsprechender Vereinbarungen mit den Projektpartnern sowie gegebenenfalls erforderlicher aufsichtsrechtlicher und regulatorischer Genehmigungen. Belastbare weitere Meilensteine werden wir gemeinsam mit den Partnern kommunizieren, sobald dies möglich ist. 4investors.de: Können Sie das Modell kurz skizzieren? Wer wird hieran teilnehmen? Fleischmann: Kern des Konzepts ist ein Multi-Market-Maker-Modell, bei dem mehrere Market Maker Liquidität bereitstellen. Die Lang & Schwarz TradeCenter AG & Co. KG soll hierbei als einer der Market Maker tätig werden. Mit diesem Vorhaben möchte Lang & Schwarz zusätzliche Orderströme erschließen, die Marktliquidität erhöhen und die Ertragsbasis im Market-Making-Geschäft langfristig verbreitern. Das Projekt befindet sich derzeit in der weiteren vertraglichen und technischen Umsetzung und steht insbesondere unter dem Vorbehalt entsprechender Vereinbarungen mit den Projektpartnern sowie gegebenenfalls erforderlicher aufsichtsrechtlicher und regulatorischer Genehmigungen. Aufgrund des noch nicht abgeschlossenen Abstimmungsprozesses können wir die beteiligten Partner derzeit noch nicht nennen. Die Gesellschaft wird den Kapitalmarkt hierzu in Abstimmung mit den Partnern zu gegebener Zeit informieren. 4investors.de: Wie einzigartig ist dieses Modell? Und welches Potenzial sehen Sie darin? Fleischmann: Das Projekt verfolgt das Ziel, zusätzliche Marktpotenziale zu erschließen und die Ertragsbasis des Market-Making-Geschäfts langfristig zu verbreitern. Wir messen diesem Vorhaben ein bedeutendes strategisches Entwicklungspotenzial für das Market-Making-Geschäft bei. Eine belastbare Quantifizierung der künftigen Auswirkungen auf den Handelsumsatz und das Handelsergebnis ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht möglich. 4investors.de: Sie sprechen im Bereich Market Making von Anbindungen an weitere bedeutende Handelsplätze. Reden wir dabei von in- oder ausländischen Handelsplätzen? Fleischmann: Wir prüfen sowohl inländische als auch weitere europäische Handelsplätze. Ausschlaggebend sind für uns die Qualität und Reichweite des Orderflows, die regulatorischen und technischen Voraussetzungen sowie ein attraktives Risiko-Rendite-Profil. Bereits im vergangenen Jahr haben wir Market-Maker-Tätigkeiten im Handelssegment Xetra Retail übernommen. 4investors.de: Kann man absehen, wann im Bereich Market Making wieder ein Niveau erreicht wird, wie es mit Trade Republic gelungen ist? Fleischmann: Ein belastbarer Zeitpunkt lässt sich derzeit nicht nennen. Das künftige Niveau hängt unter anderem von Kundenaktivität, Marktvolatilität, Marktanteilen, neuen Partnern und Handelsplätzen sowie vom Fortschritt des Multi-Market-Maker-Modells ab. Unser Ziel ist nicht, eine einzelne Kundenbeziehung eins zu eins zu ersetzen, sondern eine breitere und widerstandsfähigere Ertragsbasis aufzubauen. Das wird Zeit benötigen. Konkretere Erwartungen werden wir kommunizieren, sobald dafür eine belastbare Planungsgrundlage besteht. 4investors.de: Im Bereich Strukturierte Produkte wollen Sie verstärkt auf margenstarke Nischenprodukte setzen. Um welche Produkte handelt es sich dabei? Fleischmann: Unser Schwerpunkt liegt auf Hebelprodukten, Themen- und wikifolio-Zertifikaten sowie ausgewählten Produkten auf Trend- und Nischen-Underlyings. Dazu zählen – abhängig von Nachfrage und Risikoprofil – neben Aktien und Indizes auch Rohstoffe, Zinsen, Krypto-Assets und weitere Themenmärkte. Entscheidend ist für uns nicht ein einzelnes Produktsegment, sondern eine breite Underlying-Basis, kurze Entwicklungs- und Emissionszyklen sowie eine kontrollierte Absicherung der Risiken. Das Angebot wird fortlaufend an die Nachfrage privater Anleger und die regulatorischen Anforderungen angepasst. 4investors.de: Sie wollen die Emissionstätigkeit im Geschäftsfeld Strukturierte Produkte ausbauen. Welche eventuellen finanziellen Voraussetzungen sind dabei zu erfüllen? Fleischmann: Wachstum in diesem Geschäft erfordert vor allem ausreichend Eigenkapital und Liquidität für Risikotragfähigkeit, Hedging, Margin- und Settlement-Anforderungen. Hinzu kommen Investitionen in IT, Marktdaten, Produktgovernance, Risikomanagement und Distribution. Lang & Schwarz verfügt über eine solide Kapital- und Liquiditätsbasis und kann die geplante Weiterentwicklung aus heutiger Sicht aus eigener Kraft vorantreiben. Jede Expansion muss zugleich unsere internen Rendite- und Risikokriterien sowie sämtliche regulatorischen Anforderungen erfüllen. 4investors.de: In Ihrer Selbstbeschreibung rühmen Sie die langen Handelszeiten. Wird es künftig einen Handel rund um die Uhr und gegebenenfalls auch am Wochenende geben? Fleischmann: Lang & Schwarz bietet bereits heute sehr lange Handelszeiten: werktags von 7:30 bis 23:00 Uhr sowie außerbörslich zusätzliche Zeitfenster am Samstag und Sonntag. Eine Ausweitung prüfen wir grundsätzlich dort, wo eine belastbare Kundennachfrage, ausreichende Liquidität und ein tragfähiges Betriebs- und Risikomodell bestehen. Ein durchgängiger 24/7-Handel ist derzeit nicht angekündigt. Sicherheit, Preisqualität, Marktüberwachung und verlässliche Abwicklung haben für uns Vorrang vor einer bloßen Verlängerung der Öffnungszeiten. 4investors.de: Wird es durch die jüngsten Geschehnisse Änderungen an Ihrer Dividendenpolitik geben? Fleischmann: Unsere Dividendenpolitik orientiert sich an Ertragskraft, Kapitalbedarf und attraktiven Investitionsmöglichkeiten. Die bisher kommunizierte Orientierung an einer Ausschüttungsquote von rund 40 Prozent steht ausdrücklich unter dem Vorbehalt künftiger Entwicklungen und ist keine starre Zusage. Gerade in einer Phase struktureller Veränderungen ist finanzielle Handlungsfähigkeit wichtig. Gleichzeitig bleibt es unser Ziel, die Aktionäre wie schon in der Vergangenheit auch durch Ausschüttungen angemessen am Unternehmenserfolg zu beteiligen. 4investors.de: Sie haben durch die Entwicklungen bei Trade Republic einiges an Vertrauen eingebüßt. Wie wollen Sie dieses zurückgewinnen? Fleischmann: Wir verstehen, dass die jüngste Entwicklung Vertrauen gekostet hat. Dieses lässt sich nur durch operative Fortschritte, Verlässlichkeit und transparente Kommunikation zurückgewinnen. Deshalb wollen wir den Dialog mit Aktionären, Investoren, Analysten und Finanzmedien intensivieren, unsere strategische Entwicklung verständlicher erläutern und Fortschritte ebenso wie bestehende Unsicherheiten offen einordnen. Vertrauen entsteht nicht durch Ankündigungen, sondern durch Ergebnisse. Genau daran wollen wir uns messen lassen. 4investors.de: Ist Lang & Schwarz ein möglicher Aufkaufkandidat? Fleischmann: Zu Marktspekulationen über mögliche Unternehmenstransaktionen äußern wir uns grundsätzlich nicht. Der Vorstand prüft strategische Optionen stets danach, ob sie im Interesse der Gesellschaft und ihrer Aktionäre liegen. Unser operativer Fokus liegt derzeit darauf, Lang & Schwarz eigenständig strategisch breiter, technologisch stärker, ertragsseitig widerstandsfähiger und kosteneffizienter aufzustellen. 4investors.de: Was macht Sie trotz der aktuellen Herausforderungen zuversichtlich für die Zukunft von Lang & Schwarz? Fleischmann: Lang & Schwarz hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten immer wieder erfolgreich an tiefgreifende Veränderungen der Kapitalmärkte angepasst. Auch jetzt stehen wir vor einem solchen Wandel. Unsere Antwort darauf ist nicht Rückzug, sondern Weiterentwicklung: Wir verfügen über zwei profitable Kerngeschäfte, eine solide Kapital- und Liquiditätsbasis, leistungsfähige Technologie und große Kapitalmarktexpertise. Auf dieser Basis investieren wir in Technologie, bauen unser Geschäft mit strukturierten Produkten aus, erschließen neue Handelsplätze und Partner und verbreitern unsere Ertragsbasis. Unser Ziel ist ein widerstandsfähigeres, innovativeres und langfristig erfolgreiches Unternehmen. Davon sollen unsere Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre gleichermaßen profitieren.
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