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Web3: Warum Künstliche Intelligenz eine neue Generation des Internets braucht

04.08.2026 07:54 Uhr - Autor: Marcus Disselkamp  auf twitter

Buchautor Marcus Disselkamp ist Gastautor von 4investors zu dem Themenkomplex der Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten der Digitalen Transformation. Bild und Copyright: Marcus Disselkamp.

Das Internet hat sich bisher in zwei großen Entwicklungsschritten entfaltet. „Web1.0“ machte Informationen weltweit verfügbar. Unternehmen veröffentlichten Inhalte, Nutzer konsumierten sie. Mit „Web2.0“ wurde das Internet mobil und interaktiv. Menschen kommunizieren über soziale Netzwerke, kaufen auf digitalen Marktplätzen ein und arbeiten gemeinsam auf Cloud-Plattformen. Diese Entwicklung hat Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändert. Gleichzeitig entstand jedoch eine hohe Abhängigkeit von zentralen Plattformen. Identitäten, Daten, Eigentumsrechte oder Transaktionen werden bis heute überwiegend von wenigen großen Unternehmen („Big Tech“) oder Institutionen verwaltet. Solange Menschen die zentralen Akteure im Internet waren, funktionierte dieses Modell erstaunlich gut. Doch mit der nächsten Technologiewelle stößt es zunehmend an seine Grenzen.

KI verändert die Spielregeln – und stellt das Internet vor ein neues Vertrauensproblem

Mit Künstlicher Intelligenz und immersiven digitalen Welten entwickelt sich das Internet vom Informations- und Kommunikationsraum zu einem digitalen Handlungsraum. Digitale Zwillinge, Virtual Reality und Spatial Computing – die Verschmelzung digitaler Informationen mit der realen Umgebung – schaffen neue Arbeitswelten. So sieht ein Servicetechniker über eine AR-Brille Wartungshinweise oder den digitalen Zwilling einer Maschine direkt auf dem realen Objekt, während KI-Agenten im Hintergrund Daten analysieren, Verträge prüfen oder Maschinen steuern. Künftig werden daher nicht mehr nur Menschen mit Menschen interagieren, sondern immer häufiger Maschinen mit Maschinen. Genau dadurch entsteht eine neue Herausforderung: „Wie kann eine KI einer anderen KI vertrauen?“ Woher weiß ein autonomer Agent, dass eine digitale Identität echt ist, ein Dokument unverändert blieb, eine Berechnung korrekt durchgeführt wurde oder ein anderer Agent tatsächlich berechtigt ist, im Namen eines Unternehmens zu handeln? Das heutige Internet beantwortet diese Fragen überwiegend über zentrale Plattformen oder einzelne Vertrauensinstanzen. Für Milliarden automatisierter Entscheidungen zwischen Unternehmen, Maschinen und KI-Agenten wird dieses Modell jedoch zunehmend zum Engpass.

Web3 verbindet digitale Handlungsräume mit überprüfbarem Vertrauen

Genau hier setzt „Web3“ an. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung geht es dabei weit weniger um Kryptowährungen oder spekulative Token als um eine grundlegende Weiterentwicklung der Internetarchitektur. Web3 ergänzt das Internet um eine „technische Vertrauensschicht“. Technologien wie Distributed Ledger, digitale Identitäten, Smart Contracts, Zero-Knowledge-Proofs oder Verifiable Computing ermöglichen es, Identitäten, Eigentum, Berechtigungen oder KI-Berechnungen unabhängig und mathematisch überprüfbar nachzuweisen. Gleichzeitig entwickelt sich das Internet entlang einer zweiten Achse weiter: der „Immersion“. Virtuelle Räume, digitale Zwillinge und räumliche Benutzeroberflächen werden zu echten Wirtschafts- und Arbeitsräumen. Erst das Zusammenspiel beider Entwicklungen macht Web3 strategisch relevant: Immersion (also die Verschmelzung digitaler und realer Welt) schafft digitale Handlungsräume – Digital Proof (also die digitale Nachweisbarkeit) schafft das notwendige Vertrauen, damit Menschen, Maschinen und KI in diesen Räumen sicher zusammenarbeiten können.

Fünf Thesen für Manager

1. Die eigentliche Killeranwendung von Web3 wird wahrscheinlich nicht die Kryptowährung sein, sondern „Künstliche Intelligenz“. Je autonomer KI-Systeme handeln, desto wichtiger werden überprüfbare Identitäten, Rechte und Entscheidungen.

2. Die zentrale Managementfrage lautet künftig nicht mehr: „Wie setzen wir KI ein?", sondern: „Wie schaffen wir überprüfbares Vertrauen in KI?" Governance, Nachweisbarkeit und Verifikation werden zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren.

3. Unternehmen sollten ihre Prozesse systematisch darauf untersuchen, wo heute hohe Kosten, Risiken oder Medienbrüche entstehen, weil mehrere Parteien einander vertrauen müssen, ohne Aussagen technisch überprüfen zu können. Genau dort liegen die ersten sinnvollen Anwendungsfelder für Web3.

4. Digitale Zwillinge, autonome Lieferketten, Machine-to-Machine-Commerce und KI-Agenten werden neue Anforderungen an Identitäten, Berechtigungen und Eigentumsnachweise stellen. Wer diese Infrastruktur früh aufbaut, schafft die Grundlage für zukünftige Geschäftsmodelle.

5. Web3 ist kein IT-Projekt, sondern ein strategisches Transformationsthema. Es verbindet Digitalisierung, KI, Cybersecurity, Compliance und neue Geschäftsmodelle zu einer gemeinsamen Vertrauensarchitektur.

Fazit: Jetzt ist die Zeit, die Grundlagen zu legen

Web1.0 digitalisierte Informationen. Web2.0 digitalisierte Interaktionen. Web3 digitalisiert nun das Vertrauen. Da die entsprechenden Technologien des Web3 bereits weitestgehend existieren, sollten Unternehmen jetzt schon beginnen, sich mit den Auswirkungen der dritten Generation des Internets auseinanderzusetzen. Wer wartet, bis autonome KI-Agenten, digitale Zwillinge und immersive Arbeitswelten zum Alltag gehören, wird die notwendige Vertrauensinfrastruktur unter hohem Zeitdruck nachholen müssen. Die Gewinner der nächsten Internetgeneration werden jene Unternehmen sein, die bereits heute verstehen, wie sich Vertrauen in einer Welt aus KI, Menschen und digitalen Realitäten technisch organisieren lässt. Genau dort beginnt der eigentliche strategische Wettbewerb der kommenden Jahre.

Marcus Disselkamp ist unser Gastautor zu dem Themenkomplex der Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten der Digitalen Transformation. Mehr über ihn und sein Business Coaching finden Sie unter www.disselkamp.com. Alle Blogbeiträge von Marcus Disselkamp zum Themenkomplex der Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten der Digitalen Transformation finden Sie auf seiner Blog-Seite auf 4investors: hier klicken!

Disclaimer: Der Text ist eine Kolumne von Marcus Disselkamp. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!

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