Rüdiger Andreas Günther, Vorstandschef von Francotyp-Postalia Holding, im Exklusivinterview mit der Redaktion von www.4investors.de. Bild und Copyright: Francotyp-Postalia.

Francotyp-Postalia hat das Tor zum Internet der Dinge

13.06.2018 06:42 - Autor: Johannes Stoffels ... auf Twitter

Für viele Investoren ist die Francotyp-Postalia Holding bisher eine eher langweilige, unspektakuläre Aktiengesellschaft. Diese Meinung könnte sich in den kommenden Jahren verändern, denn bei FP stehen große Neuerungen an. Von der Digitalisierung über die Cloud und das Internet der Dinge bis hin zu bisher nicht gekannter Agilität steht FP vor einem Wandel. Im Exklusivinterview mit der Redaktion von www.4investors.de berichtet Rüdiger Andreas Günther, Vorstandschef von Francotyp-Postalia Holding, über seine Zukunftspläne. Er erläutert den tiefgreifenden Transformationsprozess und zeigt auf, wie eine neue FP entstehen soll.


www.4investors.de: Nicht jedem Investor ist der FP-Konzern bekannt. Stellen Sie sich bitte kurz in drei Sätzen vor.

Günther:
Seit 95 Jahren entwickeln und vertreiben wir Frankiersysteme, und in diesem Kerngeschäft greifen wir an und gewinnen weltweit Marktanteile. Als Experte für sicheres Mail-Business und sichere digitale Kommunikationsprozesse entwickeln wir jetzt zudem neue, digitale Produkte und Geschäftsmodelle bis hin zum Internet of Things und Cloud-Technologien. In den nächsten Jahren wollen wir dynamisch wachsen und den Umsatz zum 100-jährigen Firmenjubiläum auf etwa 400 Millionen Euro verdoppeln und eine EBITDA-Marge von 20 Prozent erwirtschaften.

www.4investors.de: Auf dem Weg zu diesem Fernziel wollen Sie 2020 einen Umsatz von 250 Millionen Euro erzielen. Mit dem bisherigen Geschäftsmodell ist das doch kaum erreichbar. Sind diese Ziele nicht etwas ambitioniert?

Günther:
Genau darum geht es bei unserer Wachstumsstrategie ACT. „A“ steht für Attack, Angriff im Kerngeschäft. Wir wachsen weiter im bisherigen Geschäftsmodell, mit Frankieren und Mail Services. Aber wir wissen auch, dass unsere Kunden zunehmend digitale Lösungen für ihre Kommunikationsprozesse suchen werden. Deshalb „C“, die Customer Journey: Wir begleiten unsere Kunden auf dem Weg von der analogen in die digitale Welt, bringen ihnen digitale Lösungen, Apps und Features, die ihnen die Arbeit erleichtern. Und drittens „T“ für Transformation: innovative Produkte für neue, andere Märkte und Umbau von FP zu einem agilen Wachstumsunternehmen.

www.4investors.de: Bitte eins nach dem anderen: Es ist Ihr Ziel, Marktanteile im Frankiergeschäft zu gewinnen. Dazu investieren Sie in den Service und in den Vertrieb. Verfolgen Ihre Wettbewerber eine ähnliche Strategie?

Günther:
Dass wir im Kerngeschäft angreifen, unterscheidet uns von den Mitbewerbern. Sie setzen andere Schwerpunkte und vernachlässigen diesen Markt. Wir hingegen sehen hier noch auf Jahre Potenzial für margenstarkes Geschäft mit stetigen Cashflows. Deshalb investieren wir weiter in die Entwicklung neuer Produkte, in Service und Vertrieb. Und sind mit diesem Ansatz erfolgreich: Wir sind Technologieführer, haben innovative Produkte und wachsen sowohl beim Frankiermaschinenumsatz als auch beim weltweiten Marktanteil. Die Zahlen zeigen: Wir wachsen, während unsere Wettbewerber schwächeln. Das Mail-Business bietet also unverändert gute Aussichten. Noch größere Wachstumsdynamik erwarten wir jedoch von den digitalen Produkten und Geschäftsmodellen, die wir jetzt auf Grundlage unserer Kernkompetenzen und unserer Stärken entwickeln.

www.4investors.de: Ihre Wettbewerber haben sich durch Akquisitionen in eine solche Richtung bewegt. Wieso glauben Sie, hier organisch voranzukommen? Der Weg von der Frankiermaschine ins Digitale scheint ziemlich weit.

Günther:
Was unterscheidet uns von einem Start-up, das mit einer innovativen Idee frisch an den Start geht? Vor allem zwei Dinge: Wir haben 95 Jahre Erfahrung in Innovation und bereits 200.000 Kunden. Diese Kunden begleiten wir jetzt mit dem Kundenportal discoverFP und zusätzlichen Features, Apps und Lösungen auf ihrem Weg in die digitale Welt. Den Kunden bringt es verbesserten Bedienkomfort und hohen unmittelbaren Zusatznutzen. Uns dient es zugleich als Showroom und Marktplatz. Hier bieten wir den Kunden zusätzliche attraktive und kostenpflichtige Lösungen an. Das reicht vom Pakethandling über Hybridlösungen für die Erstellung von Briefen bis zu unserer Signaturlösung FP Sign.

www.4investors.de: FP Sign kommt jetzt bei einem großen Automotive-Konzern zum Einsatz. Wozu wird es dort benutzt und was bedeutet dieser Auftrag für Ihre weitere Entwicklung?

Günther:
FP Sign ist unsere Lösung für die rechtssichere Online-Signatur von Dokumenten. Wenn zum Beispiel ein Vertrag geprüft und freigegeben werden soll, dann durchläuft der Vorgang mehrere Instanzen. Papiergebunden kann das Stunden und Tage dauern. Mit FP Sign geschieht das auf Kopfdruck. Unsere Kunden sparen Zeit und Kosten.

www.4investors.de: Sie sind dort aber integriert in eine andere Unternehmenssoftware. Limitiert das Ihre Aussichten nicht zu sehr?

Günther:
Im Gegenteil. Bei FP Sign werden wir häufig pro Klick vergütet. In diesem kleinteiligen Geschäft braucht man hohes Volumen. Und Vertriebspartnerschaften sind gerade dafür ein wichtiger Hebel. Wir arbeiten derzeit an weiteren Kooperationen mit Softwareanbietern für unterschiedliche Branchen.

www.4investors.de: Nun haben Sie Ende Mai auch die Tixi.com übernommen, die sogenannte Gateways entwickelt und vertreibt. Wie passt diese Akquisition überhaupt ins Bild? Sie hatten doch davon gesprochen, aus ihren Kernkompetenzen heraus zu wachsen?

Günther:
Das ist kein Widerspruch. Das Herz der Frankiermaschine ist ein Modul, an das verschiedene Sensoren angeschlossen sind. Wir steuern damit die Motoren für Brieftransport und Portodruck. Und wir transferieren auf sicherem Wege Geld. Mehr als 1,2 Milliarden Euro laufen jedes Jahr über unsere Frankiermaschinen. Die Verschlüsselung dieser geldwerten Datenströme findet auf speziellen Chips statt: Unsere hardwarebasierte Lösung erfüllt höchste Sicherheitsstandards. Und mehr als 100.000 Frankiermaschinen in aller Welt sind mit unserem FP Repository verbunden. In Berlin lesen wir die Maschinendaten aus und spielen von hier Updates der Kryptographie-Software auf.

www.4investors.de: Kann man ein solches Netzwerk von Maschinen als Internet of Things bezeichnen?

Günther:
Mit unserem FP Repository betreiben wir tatsächlich wohl eines der modernsten und sichersten IoT-Netzwerke. Seit mehr als zehn Jahren übertragen wir Daten von Maschinen höchst sicher in die Cloud und können sie zentral ansteuern. Wir zählen damit sicher zu den Pionieren auf diesem Gebiet. Hier liegt jedenfalls unsere Kernkompetenz aus Sensorik, Aktorik, Konnektivität und Kryptographie. Das Herz der Frankiermaschine haben wir weiterentwickelt zu einem Gateway. So nennt man die Verbindungsstellen zwischen beliebigen Maschinen, Geräten oder anderen Datenquellen und der Cloud.

www.4investors.de: Aber wozu benötigen Sie denn die Tixi-Gateways, wenn Sie selbst welche entwickelt haben?

Günther:
Die Produkte ergänzen einander optimal. Der Vorteil der Tixi Cloud Gateways: Sie sind an nahezu jede Steuerung und jeden Sensor anschließbar und können zur Datenübertragung mit Cloud-Plattformen vernetzt werden. Sie verfügen jedoch nicht über die hohen Sicherheitsmerkmale der FP Secure Gateways. Also ein perfekter Deal. Mit der Übernahme nehmen wir weiter Tempo auf. Tixi hat eine große Anzahl renommierter Kunden und bereits mehr als 30.000 Gateways verkauft. FP liefert den Rückhalt, um das Wachstum zu beschleunigen und neue große Aufträge zu gewinnen.

www.4investors.de: In ihrer Mitteilung haben Sie sich zu den Umsätzen von Tixi nicht geäußert. Werden Sie aufgrund der Akquisition Ihre Prognose für 2018 anheben?

Günther:
Wir haben für 2018 leichtes Umsatzwachstum angekündigt. Tixi hat 15 Mitarbeiter, die Umsätze liegen im unteren einstelligen Millionenbereich. Auch mit Tixi bleibt es in diesem Jahr bei leichtem Wachstum. Spätestens ab 2019 erwarten wir jedoch von allen unseren digitalen Produkten und Geschäftsmodellen einen Beitrag zu dem geplanten Wachstumsschub.

www.4investors.de: Sie sind mit ihren FP Secure Gateways ein Technologiepartner von Amazon Web Services. Welche Auswirkungen kann das auf die künftige Entwicklung von FP haben?

Günther:
Die Partnerschaft zeigt, dass wir in Sachen Technologie führend sind: Ansonsten wäre sie nicht zustande gekommen. Die FP Secure Gateways sind derzeit die einzigen Gateways mit hardwarebasierter Sicherheit im Amazon Partner Network. Für 2018 sind keine Umsätze aus dieser Partnerschaft geplant. Sie eröffnet aber zusätzliche Chancen.

www.4investors.de: Die Themen Digitalisierung und Internet der Dinge werden bei FP somit immer bedeutsamer werden. Welchen Umsatzanteil werden sie mit diesen Diensten künftig machen?

Günther:
Wir stehen bei den digitalen Produkten und Geschäftsmodellen erst am Anfang! Vor gerade einmal 18 Monaten haben wir mit der Umsetzung unserer Strategie begonnen. Aber in der Tat wollen wir vor allem im digitalen Bereich stark wachsen. Für 2020 haben wir uns einen Umsatz von etwa 30 Millionen Euro aus den neuen Geschäftsmodellen zum Ziel gesetzt. Schon mittelfristig steigt deren Umsatzanteil deutlich an.

www.4investors.de: Für 2018 müssen Investoren mit einer Ergebnisbelastung von bis zu 8 Millionen Euro durch das Projekt „Jump“ rechnen. Was verbirgt sich hinter diesem Plan?

Günther:
Unser wichtigstes Vorhaben zur Steigerung der Profitabilität ist Jump. Jump ist ein elementarer Bestandteil unserer Wachstumsstrategie ACT. Bei diesem Projekt lassen wir keinen Stein auf dem anderen! Unsere gesamte Organisation muss noch agiler werden. Wir räumen aus dem Weg, was uns daran hindert, schneller zu wachsen und höhere Margen zu erwirtschaften. Ab 2020 rechnen wir mit jährlichen Ergebnisverbesserungen von 6 Millionen Euro.

www.4investors.de: Wird FP in einigen Jahren noch mit der FP von heute vergleichbar sein?

Günther:
Als ich anfing, war mir klar: In der FP steckt mehr Potenzial, als die meisten ahnten. Nehmen Sie nur unsere spannendste Entdeckung: Das Herz der Frankiermaschine ist das Tor zum Internet of Things. Mit jedem neuen Schritt tun sich neue Möglichkeiten auf. Es gibt viel zu tun, um alle Kräfte freizusetzen, um zu einem dynamischen Wachstumsunternehmen zu werden. Wir treiben einen tiefgreifenden Transformationsprozess voran. Schon jetzt zeichnet sich ab: Wir werden ein dynamischeres, effizienteres Unternehmen, eine neue FP. Innovation ist uns seit der Gründung vor 95 Jahren eingeschrieben. Aus unseren Stärken und Kernkompetenzen heraus führen wir FP zu nachhaltig profitablem Wachstum. Unsere Vision: Bis 2023 wollen wir weltweit die erste Marke sein, die Kunden bei sicherem Mail-Business und bei sicheren digitalen Kommunikationsprozessen einfällt und der sie ihre Aufgaben anvertrauen.

Auf einem Blick - Chart und News: Francotyp-Postalia


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