Bank J. Safra Sarasin: Vollgeld-Initiative meldet ersten Erfolg

03.11.2015, 11:30 Uhr - Autor: Kolumnist  Kolumnist auf Twitter  | 4nvestors auf: Twitter | Google News | Facebook

Bild und Copyright: trabantos / shutterstock.com.

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Hut ab – die Vollgeld-Initiative hat am Wochenende gemeldet, dass sie die nötigen 100 Tausend Unterschriften für ein Referendum gesammelt hat. Bei einem derart komplexen Thema wie dem monetären System ist das sicherlich nicht einfach, auch wenn die von der Initiative dargestellten Vorteile eines Vollgeld-Systems attraktiv erscheinen mögen. Bei genauerem Hinschauen ist der Preis eines Vollgeldsystems leider sehr hoch: Statt eines stabileren Finanzsystems wären höhere Staatsausgaben, eine ungenügende Kreditversorgung der privaten Wirtschaft und eine schwache Währung, die wahrscheinlichsten Folgen.

Die Vollgeld-Initiative beabsichtigt Artikel 99 und 197 der Schweizer Verfassung so zu verändern, dass Buchgeld nicht mehr von Geschäftsbanken, sondern nur noch von der Nationalbank geschaffen werden kann. Damit soll sichergestellt werden, dass die Kontrolle über die umlaufende Geldmenge ganz in staatlicher Hand bleibt. Geld würde über den Staat in den Umlauf gebracht, nachdem es von der Nationalbank dem Staat zur Verfügung gestellt wurde. Damit könnten Staatsschulden abgebaut werden, weitere Staatsausgaben getätigt werden und auch noch alle privaten Ersparnisse gedeckt werden, sodass auch im Krisenfall ein „bank run“ nicht mehr zu befürchten wäre. Ein tolles System – aber leider zu schön, um wahr zu sein. Es würde bedingen, dass die Zentralbankgeldmenge durch eine Kreditvergabe an den Staat massiv ausgeweitet würde. Bislang ist die Kreditvergabe an den Staat den meisten Zentralbanken der Industrieländer gar nicht erlaubt, da dies in der Vergangenheit regelmäßig zu ausufernden Staatsausgaben und hoher Inflation geführt hat. In einem Vollgeldsystem würde sich der Staat nicht nur massive Kredite von der Nationalbank aufbürden, sondern auch noch für die aus den Bankbilanzen ausgelagerten Ersparnisse des Privatsektors haften. Das Risiko für den Staat würde sich zudem durch die Finanzierung der Geschäftsbanken erhöhen, da diese Kredite nur noch aus dem von der Nationalbank zur Verfügung gestellten Vollgeld vergeben können. Dies ist wiederum notwendig, damit die Kontrolle über die Geldmenge in staatlicher Hand bleibt. Richtig ist, dass die Risiken im Bankensystem sinken. Ein „bank run“, wie er im Sommer noch in Griechenland beobachtet werden konnte, wird dadurch fast unmöglich. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Währung stabil bleibt. Ganz im Gegenteil. Die Kreditrisiken werden auf den Staat verschoben, sodass dessen Bonität sinken dürfte und viele inländischen und ausländischen Anleger ihre Ersparnisse in andere Währungen verschieben dürften. Um seine Risiken zu reduzieren, dürfte der Staat in den Kreditvergabeprozess massiv intervenieren. Politisch motivierte Kreditvergabe, Industriepolitik und eine Fehlallokation von Kapital wären dabei die wahrscheinlichsten Folgen. Statt einer perfekten Idee, die nur Vorteile für fast alle Beteiligten bringen würde, dürfte Vollgeld daher eher ein geldpolitisches System für eine Schlaraffenland-Ökonomie sein.

Disclaimer: Dieser Text ist eine Kolumne der Bank Sarasin. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!

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