„Investment Professionals sehen die Unabhängigkeit der EZB gefährdet” - DVFA Kolumne

EZB-Chefin Christine Lagarde. Finanzprofis machen sich Sorgen um die Unabhängigkeit von Zentralbanken wie der EZB. Bild und Copyright:Alexandros Michailidis / shutterstock.com.

EZB-Chefin Christine Lagarde. Finanzprofis machen sich Sorgen um die Unabhängigkeit von Zentralbanken wie der EZB. Bild und Copyright:Alexandros Michailidis / shutterstock.com.

12.10.2021 12:01 Uhr - Autor: Kolumnist  Kolumnist auf Twitter auf Twitter 

Der Berufsverband der Investment Professionals DVFA hat seine Mitglieder zu den neuen geldpolitischen Strategien der Zentralbanken in den USA (Fed, Federal Reserve) und im Euroland befragt. Sehr entschieden halten die Befragten die aktuelle geldpolitische Ausrichtung für zu locker, sind aber auch der Ansicht, dass die Europäische Zentralbank (EZB) angesichts der hohen Verschuldung im Euroraum auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein wird, die Zinsen angemessen anzuheben.

Mit großer Mehrheit befürchten die Investment Professionals längerfristig eine Überforderung der Institutionen mit den Zielfunktionen eines flexiblen durchschnittlichen Inflationsziels (Fed) oder eines symmetrischen Inflationsziels (EZB) und den zusätzlichen Aufgaben wie die Förderung des Beschäftigungswachstums, Finanzstabilität und Klimapolitik.

Auf die Frage des DVFA, ob die geldpolitische Ausrichtung angemessen sei, antworteten 26 % der Befragten mit Ja. Mehr als zwei Drittel (67 %) waren dagegen der Ansicht, sie sei zu locker. In den Kommentaren wurde darauf verwiesen, dass die einerseits zu lockere Geldpolitik, die mit negativen Effekten wie Vermögensinflation oder möglichen Fehlallokationen aufgrund reduzierter Risikoaufschläge einhergehe, andererseits das Risiko von Staatspleiten abgewendet habe und somit ohne Alternative war.

Verschuldung limitiert Zinserhöhungsspielräume

Angesichts der hohen Verschuldung im Euroraum - kann die EZB überhaupt die Zinsen anheben? Eine deutliche Mehrheit von 65 % der Befragten ist der Ansicht, dass die EZB die Zinsen unter den gegebenen Umständen nicht adäquat anheben wird. 33 % sind gegenteiliger Auffassung. In den Kommentaren zu dieser Frage werden immer wieder Zweifel am Handlungsspielraum der EZB und ihrer politischen Unabhängigkeit geäußert. Ursache für diese Zweifel seien die erheblichen Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften im Euroraum.

Sehr ausgeglichen ist das Meinungsbild bei der Frage: Finden Sie die neuen Zielfunktionen von Fed (Flexible Average Inflation Targeting) und EZB (Symmetrisches Inflationsziel) gelungen? Fast ausgeglichen sind hier die Ja- und Nein-Antworten (39 % bzw. 41 %). Ein Fünftel der Befragten hatte dazu keine Meinung. Allerdings sei es zu früh, um die Auswirkungen der neuen Geldpolitik einschätzen zu können, hieß es in den Kommentaren der Befragten.

Klimapolitik keine Aufgabe der Notenbank – Überforderung befürchtet

Ergänzend zu den Zielfunktionen wurden auch andere Aufgaben der Zentralbanken (inklusives Beschäftigungswachstum, Finanzstabilität und Klimapolitik) bestätigt, respektive neue aufgenommen. Der DVFA wollte wissen, ob seine Mitglieder dies für sinnvoll halten. Auch hier ergeben die Antworten ein gemischtes Bild: 32 % antworteten mit Ja, 24 % mit Nein und 43 % mit „teilweise“. Ganz klar dagegen waren die häufigen Kommentare: Finanzstabilität sei ein legitimes Ziel der Notenbank. Andere Ziele seien Aufgabe der politischen, demokratisch legitimierten Mandatsträger. Klimapolitik und Nachhaltigkeit sollten nicht über die Zentralbanken gesteuert werden.

Einmütig wie selten waren die Antworten auf die Frage: Befürchten Sie längerfristig eine Überforderung der Zentralbanken mit diesen Zielvereinbarungen? 70 % der Investment Professionals antworteten mit Ja und 26 % mit Nein. Einige Kommentatoren sehen die Notenbank schon heute überfordert, andere verweisen auf mögliche Zielkonflikte etwa zwischen Arbeitslosigkeit / Wachstum einerseits und Preisstabilität / Inflation andererseits. Dies führe zu Unklarheiten, wann und wie sich die jeweilige Notenbank im Einzelfall entscheidet. Es drohe der Verlust von Reputation und Glaubwürdigkeit.

Unabhängigkeit der Notenbanken in Zukunft mit großen Fragezeichen

Sind die Zentralbanken noch unabhängig? Bild und Copyright: DVFA.

DVFA-Monatsfrage unter 1.400 Finanzexperten: Sind die Zentralbanken noch unabhängig? Bild und Copyright: DVFA.

Für die Unabhängigkeit der Notenbanken sehen die DVFA Mitglieder in Zukunft schwarz. Befragt, ob die Zentralbanken 2030 de lege noch unabhängig seien, antwortete nicht mal ein Drittel (27 %) mit Ja. Fast die Hälfte (47 %) ist der gegenteiligen Auffassung. 26 % sind der Meinung, das könne man nicht sagen.

„Die Umfrageergebnisse sind ein klares Signal des Unbehagens unserer Mitglieder“, sagt Ingo Mainert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des DVFA. „Das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Notenbank ist schon heute stark angegriffen. Die fiskalische Notwendigkeit niedrigster Zinsen wegen der hohen Verschuldungsniveaus dominiert und begrenzt die „Beinfreiheit“ der Zentralbanken. Durch zusätzliche Aufgaben droht eine Überforderung und Überfrachtung des geldpolitischen Mandates. Dies wird nach Ansicht vieler Investment Professionals die Glaubwürdigkeit dieser so wichtigen Institution weiter untergraben.“

Die DVFA Monatsfrage wendet sich an die 1.400 Mitglieder des Verbandes und widmet sich Themen, die in der Finanzbranche diskutiert werden. Die Ergebnisse der Umfrage werden regelmäßig an jedem zweiten Dienstag im Monat veröffentlicht.
Daten zum Wertpapier: EZB

Disclaimer: Der Text ist eine Kolumne der DVFA e.V.. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!
(Werbung)

4investors-Newsletter - jetzt eintragen!

Exklusive Interviews und Analysen für Sie aus der 4investors-Redaktion!

Der Newsletter ist kostenlos. Sie können den Newsletter jederzeit wieder abbestellen. Wir speichern Ihre Mailadresse ausschließlich zum Versand des Newsletters und geben diese nicht weiter! Bitte beachten Sie unsere Datenschutzerklärung.

(Werbung)
Günstig Aktien handeln!
4investors auf: Twitter | YouTube | Google News | Facebook

4investors-News - EZB

07.01.2022 - Inflationsrate: Kein Durchatmen bei der EZB - VP Bank
17.12.2021 - EZB erhöht Inflationsprognosen deutlich, bleibt aber sehr expansiv - Commerzbank
17.12.2021 - Aktien: Adobe Systems, Novartis, EZB und Konjunkturdaten im Fokus - Nord LB
16.12.2021 - Die EZB schaltet einen Gang runter - DWS
16.12.2021 - EZB beendet PEPP, aber die Tauben sind in Frankfurt noch lange nicht müde! - Nord LB
08.12.2021 - Ein schneller Ausstieg der EZB aus der expansiven Geldpolitik? Wenig wahrscheinlich - DWS
29.10.2021 - EZB sieht keine längerfristigen Inflationsgefahren - Commerzbank
28.10.2021 - EZB bleibt unbeirrt - DWS
13.10.2021 - Aktien: Commerzbank, CureVac, Mutares, Valneva, Nel ASA und die EZB - die 4investors Top-News
12.10.2021 - Renditen im Aufwind - Commerzbank
01.10.2021 - Inflation in der Eurozone: Es wird weiter nach oben gehen - DWS
10.09.2021 - Im Blickpunkt EZB will im 4. Quartal weniger Anleihen kaufen - Commerzbank
10.09.2021 - Am Morgen: EZB, Merck, Swiss Re und Konjunkturdaten im Blickpunkt - Nord LB Kolumne
09.09.2021 - EZB nimmt beim PEPP moderat den Fuß vom Gaspedal - Nord LB
08.09.2021 - Laut einer ZEW-Studie steht die EZB unter „fiskalischer Dominanz“ - Commerzbank
23.07.2021 - Mit der neuen EZB-Strategie noch länger niedrige Zinsen zu erwarten - Commerzbank
22.07.2021 - EZB legt mit neuer Forward Guidance Latte für Zinswende noch höher - Nord LB
14.07.2021 - EZB: Der digitale Euro rückt ein Stück näher - VP Bank
08.07.2021 - Die EZB wird noch politischer - DWS
30.06.2021 - Inflationsanstieg legt Verschnaufpause ein - VP Bank

DGAP-News dieses Unternehmens

18.01.2022 - DGAP-News: Banque Heritage: Neue Dienstleistungen als Fonds-Vertretung, Zahlstelle und Beratung ...
18.01.2022 - DGAP-News: DEMIRE Deutsche Mittelstand Real Estate AG: momox wächst weiter im LogPark ...
18.01.2022 - DGAP-News: Biotest AG: Biotest bekämpft Klimawandel durch CO2-neutrale ...
18.01.2022 - EQS-Adhoc: Medienmitteilung: Leonteq lanciert Kooperation mit ...
18.01.2022 - Lindt & Sprüngli mit zweistelligem ...
18.01.2022 - DGAP-News: AUTO1 Group SE: Q4 2021 Absatz- und ...
18.01.2022 - DGAP-News: Softing AG: roadsurfer rüstet gesamte Camperflotte mit der GlobalmatiX-Telematik ...
18.01.2022 - Luzerner Kantonalbank: Änderungen in der Aufbauorganisation und personelle Veränderungen in der ...
18.01.2022 - DGAP-News: Nordex Group erzielt Auftragseingang von 7,95 GW im Geschäftsjahr ...
18.01.2022 - DGAP-News: Evotec und Lilly gehen Zusammenarbeit zur Erforschung von Wirkstoffen im Bereich ...

Stammdaten dieses Wertpapiers: WKN/ISIN, Börse etc.