Mit der neuen EZB-Strategie noch länger niedrige Zinsen zu erwarten - Commerzbank

Momentan geht der EZB-Rat um die EZB-Chefin Christine Lagarde davon aus, dass sich die Wirtschaft des Euroraums im 2. Quartal erholt habe und im 3. Quartal stark wachsen werde. Bild und Copyright: Alexandros Michailidis / shutterstock.com.

Momentan geht der EZB-Rat um die EZB-Chefin Christine Lagarde davon aus, dass sich die Wirtschaft des Euroraums im 2. Quartal erholt habe und im 3. Quartal stark wachsen werde. Bild und Copyright: Alexandros Michailidis / shutterstock.com.

23.07.2021 09:12 Uhr - Autor: Kolumnist  Kolumnist auf Twitter auf Twitter 

Im Fokus der EZB-Ratssitzung stand gestern die neue Strategie, die auf ein symmetrisches Inflationsziel von 2% übergegangen ist. Wirkliche Neuerungen oder Überraschungen blieben aber aus. Die neue Forward-Guidance (zielgerichtete geldpolitische Leitlinie) sieht vor, dass der EZB-Leitzins so lange auf dem aktuellen oder niedrigeren Niveau verharren soll, bis absehbar ist, dass die Inflationsrate deutlich vor dem Ende des Projektionszeitraums 2% erreicht. Dabei soll die unterliegende Inflation soweit fortgeschritten sein, um mit einer sich mittelfristig bei 2% stabilisierenden Inflation vereinbar zu sein.

Momentan geht der EZB-Rat davon aus, dass sich die Wirtschaft des Euroraums im 2. Quartal erholt habe und im 3. Quartal stark wachsen werde. Zu den Wachstumsrisken zählen laut Lagarde die Delta-Variante und länger andauernde Lieferengpässe in der Industrie. Es sind noch 3,3 Mio. Menschen weniger beschäftigt als vor der Krise. Die Inflation hat angezogen und dürfte weiter ansteigen. Dies sei aber voraussichtlich nur vorübergehend.

Vor der EZB-Ratssitzung hatte man gehofft, mehr Details über die künftige Geldpolitik zu erhalten. Es bleibt aber sowohl das Anleihekaufprogramm APP als auch das Coronakaufprogramm PEPP zunächst unverändert bestehen. Probleme hinsichtlich der Kaufobergrenze der Anleihen oder der Abweichung vom Kapitalschlüssel sowie das Ende von PEPP wurden im EZB-Rat nicht diskutiert. Vieles deutet aber daraufhin, dass das Programm über März 2022 hinaus verlängert werden könnte. Die Formulierung der Forward Guidance legt auch nahe, dass die Zinsen eher noch später angehoben werden. Da die EZB für 2023 eine Inflation von 1,4% erwartet, rechnen wir mit der ersten Zinsanhebung erst 2025. Eine Verschiebung der Erwartungen nach hinten zeigen auch die Zins-Futures. Die Staatsanleihekurse reagierten freundlich auf die Aussagen von Lagarde.

Anleihen
Frankreich: Einkaufsmanagerindizes (Juli), 9:15 Uhr
Deutschland: Einkaufsmanagerindizes (Juli), 9:30 Uhr
Euroraum: Einkaufsmanagerindizes (Juli), 10:00 Uhr
Großbritannien: Einkaufsmanagerind. (Juli), 10:30 Uhr

Am Rentenmarkt richteten sich gestern alle Augen auf die EZB-Ratssitzung. Die Spekulationen, wonach die EZB bereits zu dieser Sitzung eine Anpassung an den Wertpapierkaufprogrammen vornehmen könnte, erfüllten sich nicht. Allerdings veränderte die EZB ihren Ausblick, die sogenannte „Forward Guidance“, für die Leitzinsentwicklung angesichts ihres neuen Inflationsziels leicht: Eine Leitzinserhöhung ist für die Währungshüter nunmehr so lange kein Thema, bis diese davon überzeugt sind, dass die Inflationsrate noch deutlich vor dem Ende des EZB-Projektionszeitraums die 2%-Marke erreicht. Für den Rest des Projektionszeitraums sollte sich die Teuerungsrate weiter stabil auf diesem Niveau bewegen. Hinsichtlich der Aussichten für die europäische Wirtschaft zeigte sich Notenbankchefin Lagarde zuversichtlich. Die Risiken für den Konjunkturausblick betrachtet die EZB als weitestgehend ausgeglichen (siehe auch „Im Blickpunkt“). Für den Rentenmarkt bedeutet dies eine anhaltende kräftige Unterstützung der Anleihekurse vor allem der hochverschuldeten Länder aus der Euro-Peripherie. Die Risikoaufschläge gegenüber Bundesanleihen dürften sich somit noch weiter einengen. Für ein freundliches Marktumfeld bei festverzinslichen Wertpapieren spricht auch die aktuelle Sommerflaute am Primärmarkt, zumal in den nächsten Wochen erhebliche Rückflüsse aus fällig werdenden Staatsanleihen anstehen. Damit liegt das Nettoangebot am Staatsanleihemarkt – unterstützt von den laufenden EZB-Käufen – tief im negativen Bereich, was die Renditen niedrig halten wird. Die zehnjährigen Bundrenditen hatten am Mittwoch mit minus 0,44% den tiefsten Stand seit Februar erreicht.

Aktien
American Express, Ergebnis Q2
Honeywell, Ergebnis Q2
Vodafone Group, Umsatz Q1

Im Anschluss auf eine bereits festere Eröffnung konnten die europäischen Aktienbörsen am gestrigen Handelstag sukzessive zulegen. Nach der EZB-Pressekonferenz bröckelten die Kurse allerdings etwas ab, obwohl die Notenbank ihren expansiven Kurs noch einmal bekräftigte. Deutliche Spitzenreiter im deutschen Leitindex Dax 30 waren die Aktien von Delivery Hero (+5,6%). Der Online-Essenlieferant hatte von der südkoreanischen Kartellbehörde für den Verkauf seiner Tochter Yogiyo (Auflage im Rahmen der Übernahme des Wettbewerbers Woowa) einen Aufschub bis Januar 2022 erhalten. Im MDax führten die Anteilscheine von Shop Apotheke (+6,9%) nach einer Kaufempfehlung einer Investmentbank das Kurstableau an. Im insgesamt positiven Umfeld des Euroraums setzten die Branchen Reise und Freizeit (+2,6%) sowie Grundstoffe (+1,3%) ihren positiven Trend, den sie seit Dienstag eingeschlagen hatten, weiter fort. Deutlich fester präsentierte sich auch der Technologiesektor (+2,1%). An der Wall Street sorgte ein überraschender Anstieg der wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe bereits zum Handelsbeginn für einen Stimmungsdämpfer. Dementsprechend starteten die Leitindizes weitestgehend unverändert. Während der Dow Jones nur mit Mühe im positiven Terrain schließen konnte, sorgten beim technologielastigen Nasdaq 100 die Kursgewinne von Schwergewichten wie Microsoft (+1,8%), die damit einen neuen Höchststand erzielten, für etwas mehr Dynamik. Belastend wirkte hingegen der enttäuschende Ausblick von Texas Instruments (-5,3%), der auch andere Titel des Halbleitersegments belastete. Dennoch wies der IT-Sektor (+0,7%) letztendlich die beste Performance auf. Die asiatischen Börsen entwickeln sich heute Morgen uneinheitlich, Tokio bleibt feiertagsbedingt geschlossen.

Daten zum Wertpapier: EZB

Disclaimer: Der Text ist eine Kolumne der Commerzbank. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!
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