CureVac Aktie: Sagen Sie nicht, Sie waren nicht gewarnt! - Kommentar

Warum ist CureVac an der Börse aktuell eigentlich fast 13,7 Milliarden Dollar wert und die Aktie notiert weit über den 47 Dollar, auf die das Papier an der NASDAQ nach den schon schwachen vorläufigen Daten abgestürzt war? Bild und Copyright: CureVac.

Warum ist CureVac an der Börse aktuell eigentlich fast 13,7 Milliarden Dollar wert und die Aktie notiert weit über den 47 Dollar, auf die das Papier an der NASDAQ nach den schon schwachen vorläufigen Daten abgestürzt war? Bild und Copyright: CureVac.

02.07.2021 00:06 Uhr - Autor: Michael Barck  Michael Barck auf Twitter auf Twitter 

Zugegeben: Ein Impfstoff, der immerhin zu 48 Prozent effektiv ist, ist besser als keiner. Wäre CureVac allein in dieser COVID-19 Impfstoffwelt, müsste man erleichtert aufatmen. Ein erster Schritt wäre getan. In Tübingen würde man sich auf die Schultern klopfen und den Applaus der Welt zurecht erhalten.

Nur ist CureVac nicht allein. Schlimmer noch: Andere waren besser oder schneller oder gleich beides - BioNTech und Moderna bei den mRNA-Vakzinen, aber auch die Entwickler der Vektor-Impfstoffe. Novavax war mit seinem COVID-19 Impfstoff NVX-CoV2373 zwar nicht schneller, aber deutlich besser und dürfte - wenn nichts Außergewöhnliches mehr passiert - ebenfalls bald die Zulassung beantragen und dann auch recht schnell erhalten. Dass unter anderem BioNTech die Produktionskapazitäten zusammen mit Partner Pfizer rapide ausbaut, darf ebenfalls nicht vergessen werden, wenn man sich mit der Situation von CureVac und der Aktie des Biotech-Unternehmens beschäftigt.

Nun also kommen die Tübinger mit CVnCoV, ihrem COVID-19 Impfstoff der ersten Generation, und liefern schwache Studiendaten. Dass man sich dennoch vom Zulassungsantrag nicht abbringen lassen will - geschenkt, nicht anders erwartbar, denn den Versuch ist das Management den Aktionären schuldig, ebenso sich selbst, wenn man sich nicht angreifbarer machen will als ohnehin schon.

Eine Reihe großer Kritikpunkte

Über die desaströs schwachen Zahlen der Studie hinaus gab es zuletzt nämlich reichlich zu kritisieren. Die vor wenigen Tagen durchgeführte Hauptversammlung war ein Desaster aus Sicht der Aktionärsrechte, Fragen wurden nicht zugelassen. Zwar legal, aber angesichts der Situation ein Schlag ins Gesicht der Anteilseigner. Der Verdacht auf Insiderhandel besteht, auch wenn die BaFin offenbar bisher keine konkreten Anzeichen sieht - das muss nichts heißen. Dass sich vier Vorstände vor wenigen Tagen (siehe SEC-Meldungen vom 21. Juni 2021) und damit kurz vor den schon lauthals angekündigten Studiendaten noch von Aktien im Gesamtwert von fast 39 Millionen Dollar getrennt haben - all das passt ins Bild. Einer dieser Vorstände, Florian von der Mülbe, der allein Aktien für knapp 33,8 Millionen Dollar verkaufte, wird nun von Malte Greune ersetzt und soll sich zukünftig um die „RNA Printer” der Gesellschaft kümmern. Hat vielleicht alles nichts miteinander zu tun, trotz zeitlicher Nähe. Aber genau das sind die spätestens seit Wirecard berühmten „red flags”, die Anleger vorsichtig werden lassen sollten.

Vorsicht muss nun auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA walten lassen, denn diese könnte zwischen die Stühle geraten. Auf der einen Seite CureVac, die auf Biegen und Brechen den Zulassungsantrag verfolgen werden und den Impfstoff weiter auf eigenes Risiko vorproduzieren, unterstützt vom Bund, der über die staatseigene KfW 16 Prozent der Anteile hält, aber den Impfstoff gar nicht mehr in seinen Impf-Planungen auftauchen lässt. Auf der anderen Seite die Glaubwürdigkeit der EMA, die sich an wissenschaftlichen Daten und die Zahlen aus den Studien halten und eine Abwägung von Nutzen und Risiken vornehmen muss. Nur: Lässt man den Impfstoff mit derart schwachen Zahlen zu, ist das Aufkommen von Vorwürfen einer „politischen Entscheidung” mit Rücksicht auf Deutschland eine Frage von Minuten. Das würde nicht nur die Glaubwürdigkeit der EMA beschädigen, sondern auch die der bisher zu den COVID-19 Impfstoffen getroffenen Entscheidungen, insbesondere mit dem Blick auf den Umgang mit Nebenwirkungen. Nach dem Fall AstraZeneca schaut die Öffentlichkeit besonders genau hin.

Spätestens jetzt stellt sich nämlich die Frage: Braucht die Welt einen Impfstoff, dessen Wirksamkeit in Zweifel steht? Einen Impfstoff, zu dem CureVac heute in den beiden Pressekonferenzen lediglich die Nebenwirkungsdaten der ersten 2.000 Patienten vorlegte, obwohl 40.000 an der Studie teilnahmen? Einen Impfstoff, der selbst in der Hauptzielgruppe der 18- bis 60-jährigen ganze 53 Prozent Gesamtwirksamkeit zeigt und der deshalb absehbar auf massive Akzeptanzprobleme im Alltag treffen wird? Oder macht es nicht mehr Sinn, die ohnehin knappen Ressourcen für die Produktion von Vakzinen bei den Herstellern und ihrem Produktionspartnern zu konzentrieren, von denen die bisher im Alltag hoch wirksamen Impfstoffe kommen?

Überzogener Börsenwert für CureVac?

Gar zynisch sind Forderungen, CureVacs CVnCoV doch an arme Länder zu geben - so als ob diese Menschen kein Anrecht auf erstklassige Impfstoffe haben wie die Menschen in den Industrieländern. Ein solcher Schritt wäre auch aus anderer Sicht zu kurz gedacht: Bekommen wir die Pandemie nicht weltweit in den Griff, wird uns das Virus mit immer wieder neuen Varianten noch länger in Atem halten. Und eine dieser Varianten durchbricht dann vielleicht, es ist eine Frage der Zeit, in Massen die Impfbarriere.

CureVac Zentrale in Tübingen

CureVac Zentrale in Tübingen. Bild und Copyright: CureVac

Das alles führt unweigerlich zu der nächsten Frage: Warum ist CureVac an der Börse aktuell eigentlich fast 13,7 Milliarden Dollar wert und die Aktie notiert weit über den 47 Dollar, auf die das Papier an der NASDAQ nach den schon schwachen vorläufigen Daten abgestürzt war? Das mutet höchst erstaunlich an, wo nun doch mit den weiteren vorliegenden Daten absehbar ist, dass all die Milliarden, die Investoren sich hier erhofft haben, vielleicht gar nicht fließen werden und wenn doch in einem deutlich geringer als bisher erhofften Umfang. Wo absehbar ist, dass nicht plötzlich irgendwoher eine Überraschung kommt und die Zahlen doch noch gut werden. Übrigens: Novavax mit einem funktionierenden COVID-19 Impfstoff kommt mit 15,7 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung fast auf das gleiche Börsengewicht wie CureVac.

Das Argument der bei CureVac noch vorhandenen Pipeline und Liquidität zieht in diesem Zusammenhang kaum: Neben dem Flaggschiff-Projekt CVnCoV befinden sich mit Ausnahme des COVID-19 Impfstoffs der 2. Generation sämtliche von CureVacs Projekten - seien es Impfstoffe gegen Malaria oder Tollwut und andere Infektionskrankheiten, seien es Krebstherapien usw. - in der ganz frühen klinischen Phase oder noch in der Präklinik. Da reicht auch die vorhandene Liquidität nicht in alle Ewigkeit und positive Cashflows, wie sie zum Beispiel BioNTech durch die COVID-19 Impfstoffverkäufe erzielt, sind derzeit für CureVac höchst unsicher.

Das alles muss nicht heißen, dass die CureVac Aktie ab dem Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes wie ein Stein fällt. Im Gegenteil: Ringt sich die EMA trotz der Datenlage tatsächlich zu einer Zulassung für CVnCoV durch, könnte es an der Börse bei CureVacs Aktien ganz schön verrückt werden. Wer darauf zocken will, bitte, der soll dies tun. Dass aber alles ganz anders kommen kann, das ist spätestens jetzt kein Geheimnis mehr. Blasen halten an der Börse manchmal länger als es zu erwarten ist. Schon jetzt scheint die Bewertung des Tübinger Unternehmens kaum haltbar beim Blick auf Chancen und Risiken. Und wird CVnCoV nicht zugelassen, ist die Bewertung der CureVac Aktie erst recht eine klare spekulative Blase.
Daten zum Wertpapier: CureVac
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Ticker-Symbol: CVAC
WKN: A2P71U
ISIN: NL0015436031
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