Sell in May? - Speedy Joe und sleepy EU - Weberbank

Sell in May? Diese ewige Börsenweisheit schwingt natürlich immer mit, wenn der Mai vor uns liegt. Bild und Copyright: orhan akkurt / shutterstock.com

Sell in May? Diese ewige Börsenweisheit schwingt natürlich immer mit, wenn der Mai vor uns liegt. Bild und Copyright: orhan akkurt / shutterstock.com

09.05.2021 17:09 Uhr - Autor: Kolumnist  Kolumnist auf Twitter auf Twitter 

In den letzten Jahren hat sich eine dramatische Abhängigkeit der Börsen von immerwährenden Liquiditätsspritzen der Notenbanken aufgebaut. Dies ließ sich jüngst wieder recht anschaulich erkennen, als die US-Börsen mit deutlichen Kursrückgängen auf die Aussage der ehemaligen Fed-Chefin und jetzigen Finanzministerin der USA reagierten, dass womöglich höhere Zinsen notwendig wären, um ein Überhitzen der US-Wirtschaft zu verhindern. Mehr zu diesem und zu anderen Themen der Wirtschaft lesen Sie im heutigen Finanzmarkt aktuell:

Speedy Joe

Ex-Präsident Donald Trump hatte ihn im Wahlkampf immer wieder despektierlich als sleepy, also schläfriger Joe bezeichnet. Doch derzeit scheint der US-Präsident eher zum speedy – schnellen – Joe zu mutieren. Nicht nur, dass er sein ambitioniertes Impfziel schneller erreichte und damit die USA vom Schlusslicht zu einem der am weitest fortgeschrittenen Länder bezüglich des Impffortschritts katapultierte. Nein, er schoss auch Billionen Dollar als Hilfsprogramme ins System. Seine neuesten Projekte, der „American Jobs Plan“ und der „American Families Plan“, belaufen sich auf ein unfassbares Volumen von 4,1 Billionen – also 4.100.000.000.000 – US-Dollar. Mit dieser Geldmenge wäre es möglich, ein Drittel der kompletten Landoberfläche der Erde mit Ein-Dollar-Scheinen zu bedecken. Konjunkturpakete dieser Größenordnung werden das Wachstum der US-Volkswirtschaft, welches im ersten Quartal annualisiert über 6 Prozent lag, weiter antreiben. Dank enormer staatlicher und geldpolitischer Unterstützung hat das Bruttosozialprodukt der USA bereits wieder fast sein Vor-Corona-Niveau erreicht. Dementsprechend ist sich die US-Notenbank durchaus der Problematik bewusst, dass der Beginn einer Reduzierung der Liquiditätsversorgung bzw. schon deren Ankündigung sehr vorsichtig erfolgen muss, will sie Turbulenzen an den Märkten vermeiden. Wie sensibel diese Thematik von den Marktteilnehmern aufgenommen wird, hatte scheinbar die Vorgängerin des jetzigen Notenbankpräsidenten und jetzige Finanzministerin Janet Yellen bei ihren Aussagen am 4. Mai zunächst vergessen. Hier gab sie zu bedenken, dass ein höheres Zinsniveau erforderlich sein könnte, um ein Überhitzen der US-Wirtschaft vor dem Hintergrund der Biden-Programme zu vermeiden. Eines muss man ihr lassen: Sie liegt damit sicherlich richtig, denn Joe Biden würde die ohnehin schon sehr gut laufende US-Wirtschaft mit seinen neuen Plänen noch stärker befeuern. Auf der anderen Seite treibt er auch die Überlegungen zur Finanzierung seiner Pläne voran. Während er den „American Jobs Plan“ über eine Erhöhung der Unternehmenssteuern finanzieren möchte, soll der „American Families Plan“ durch die Besteuerung der Top-Verdiener des Landes erfolgen. Damit trifft er durchaus den Nerv vieler Amerikanerinnen und Amerikaner, die sich zurecht daran stören, dass der überwiegende Teil der Steuereinnahmen des Staates inzwischen durch die Besteuerung ihrer Gehälter generiert wird, während sich die bestverdienenden Großkonzerne häufig legal der Steuerlast entziehen können. Noch sind die Programme Joe Bidens aber mitnichten umgesetzt, und es dürften noch viele Diskussion vor „speedy“ Joe liegen.

Sleepy EU

Während die USA nicht kleckern, sondern klotzen, kann man den Eindruck gewinnen, dass Europa nicht nur bei den Impfquoten deutlich hinter den Amerikanern zurückhängt. So ist der europäische Wiederaufbaufonds immer noch nicht von allen Staaten ratifiziert, und es mangelt gar an Meldungen der Länder, die eigentlich konkrete Pläne für die Nutzung der ihnen zugedachten Milliarden angeben sollten. Und selbst die Europäische Zentralbank ließ sich jüngst von diesem Zaudern anstecken. So vermissten wir bei ihrer letzten Pressekonferenz ein klares Bild, wohin die Reise geldpolitisch gehen soll. Zwar wurden die Anleihekäufe jüngst erhöht, wie aber die Liquiditätsprogramme genau fortgesetzt werden sollen und inwieweit man einen weiteren Renditeanstieg zulassen will, das blieb die EZB schuldig. Somit zeigten sich auch die Märkte nicht überzeugt vom Willen der Notenbänker, die Zinsen um jeden Preis im Zaum zu halten, was die Renditen der europäischen Staatsanleihen weiter steigen und die Kurse vice versa fallen ließ. Immerhin entwickeln sich die Impfungszahlen weiter positiv, so dass eine Normalisierung innerhalb der EU zum Greifen nahe schein.

Sell in May?

Diese ewige Börsenweisheit schwingt natürlich immer mit, wenn der Mai vor uns liegt. Ebenso häufig haben wir auch schon über das Thema geschrieben. Die Historie lehrt, dass es keinesfalls ausgemachte Sache ist, dass ein Verkauf im Mai sich als vorteilhaft erweist. Aber insgesamt ist festzustellen, dass insbesondere die Aktienmärkte zuletzt sehr kräftig gestiegen sind, was eine gewisse Konsolidierungsphase nicht unwahrscheinlich erscheinen lässt. Fakt bleibt aber, dass der immense konjunkturelle Rückenwind der US-Volkswirtschaft die Gewinne der Unternehmen weiter befeuern wird. Die Diskussion um mögliche zukünftige Rückführungen der Liquiditätsmaßnahmen der Notenbanken dürfte in diesem Konzert aber durchaus immer wieder für zwischenzeitliche nervöse Schwankungen sorgen, was die Titelauswahl umso wichtiger erscheinen lässt.

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Disclaimer: Dieser Text ist eine Kolumne der Weberbank. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!
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