Aktienmarkt: „Big Techs“ führen den fröhlichen Autokorso an - Weberbank-Kolumne

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Die US-Aktienmärkte werden weiter von den führenden Technologieunternehmen dominiert. Diese konnten in der Coronakrise ihre Stärken weiter ausbauen, wodurch die Kluft zwischen New und Old Economy weiter wächst. Bild und Copyright: gary yim / shutterstock.com.

29.06.2020 09:58 Uhr - Autor: Kolumnist  Kolumnist auf Twitter  | 4investors auf: Twitter | Google News | Facebook

Noch mitten in der Krise, und keiner merkt es? Während die Frühindikatoren weiterhin ein freundliches Bild zeichnen und die Aktienmärkte auf eine schnelle Erholung setzen, sitzen viele Deutsche gern wieder in brechend vollen Cafés. Am Horizont tauchen jedoch zunehmend Warnsignale auf. Wird aus der Einbahnstraße der Kursbewegungen und Lockerungsmaßnahmen nun eine Sackgasse? Diese Ausgabe von Finanzmarkt aktuell fasst die wichtigsten Entwicklungen für Sie zusammen.

Gesundheit oder Geld?

Am liebsten beides! US-Präsident Trump versucht diesen Weg einzuschlagen und wagt damit einen Spagat. Während die Öffnung in vielen, insbesondere den wirtschaftsstärksten Bundesstaaten weiter voranschreitet und die US-Stimmungsindikatoren ebenso wie die US-Einzelhandelsumsätze wie an einem Gummiband zurück in Richtung Normalität zu schnellen scheinen, nimmt die Pandemie weiter ihren Lauf. Seit den Öffnungen gibt es in den Vereinigten Staaten vielerorts nun zunehmend regionale Infektionsherde, die außer Kontrolle zu geraten drohen, und die Gefahr einer erneut flächendeckenden Ausbreitung steigt. Houston, wir haben ein Problem! Die Region steuert mit Höchstgeschwindigkeit auf eine Überlastung des Gesundheitssystems zu. Die Situation sieht zwar aktuell in Europa und Deutschland noch etwas entspannter aus, jedoch steigen auch hier regional die Fallzahlen teilweise wieder deutlich an. Erneute Lockdowns – zumindest auf regionaler Ebene – werden von Peking bis Los Angeles weltweit an der Tagesordnung bleiben. Die große Frage ist, inwieweit diese partiellen Einschränkungen die breite wirtschaftliche Erholung beeinträchtigen werden. So hat die Wochenzeitung The Economist schon die „90 percent economy“ ausgerufen, in der beispielsweise nicht unbedingt notwendige Freizeitaktivitäten auch längerfristig ausbleiben werden. Viele Experten warnen ebenso vor bleibenden Schäden für die Industrie und den internationalen Handel. So zeigen die Unternehmensumfragen vermehrt ein zweigeteiltes Bild: Während die Produktion bereits wieder erfolgreich anläuft, leeren sich die Auftragsbücher jedoch zunehmend. Der Ausblick vieler Unternehmen hat sich zuletzt stark verbessert – die Hoffnung auf eine schnelle Erholung lebt. Die Lage bleibt jedoch weiterhin angespannt, und nur ein kleines bisschen Sand im Getriebe kann die Fahrt Richtung Normalität auf unbestimmte Zeit unterbrechen. So bleiben nachhaltige strukturelle Schäden, fehlendes Vertrauen der privaten Konsumenten und anderer Wirtschaftsteilnehmer oder eine zweite größere Infektionswelle Risikofaktoren. Diese vielen widersprüchlichen positiven und negativen Nachrichten halten das Gefühl der Unsicherheit weiterhin hoch und werden uns auf unserem Weg begleiten.

Unterdessen verlassen sich die Kapitalmärkte auf die Regierungen und Zentralbanken als Pannendienst und fahren wie auf einer Einbahnstraße weiter Richtung Allzeithoch. Die Gefahr, dass den Marktteilnehmern der Sprit ausgeht, bleibt dabei groß. Für den Notfall stehen die Tanklastwagen der Europäischen Zentralbank und der Federal Reserve in den USA bereit – Nachschub in Form von zusätzlichen Liquiditätsinstrumenten scheint noch auf Lager zu sein.

Die US-Aktienmärkte werden weiter von den führenden Technologieunternehmen dominiert. Diese konnten in der Coronakrise ihre Stärken weiter ausbauen, wodurch die Kluft zwischen New und Old Economy weiter wächst. In dieser Situation schmerzt hierzulande der meteoritenartige Absturz eines bis dato als führend angesehenen deutschen Technologieunternehmens umso mehr, da der Wirecard-Bilanz-Skandal ein riesiges Loch in die Reputation des Standorts Deutschland reißt und gleichzeitig ein vormals strahlender deutscher Fintech-Stern als globaler Player erlischt. Der Rest der DAX 30 Unternehmen kämpft sich währenddessen mal mehr, mal weniger erfolgreich durch die Turbulenzen. Die auf dem Weg aus der Krise notwendigen Schritte schmecken nicht immer allen Parteien und können weiterhin für Schwankungen sorgen.

Auch an den Rentenmärkten ist weiterhin mit Rückschlägen zu rechnen. Nachdem die Risikoprämien zuletzt wieder deutlich zurückgegangen sind, sollten sich Investoren auf den Aufprall der sich aufbauenden Kreditausfallwelle gefasst machen. In diesem Umfeld bleibt eine defensive Positionierung an Aktien- und Rentenmärkten ergänzt um eine äußerst sorgfältige Titelselektion unabdingbar, um größere Unfälle zu vermeiden. Letzteres ist zwar nichts Neues, bewahrheitet sich in Krisenzeiten jedoch umso mehr. Dabei sollte auch der Nebel aus großzügigen Liquiditätsmaßnahmen den Blick nicht trüben. Wir schauen daher weiter jeden Titel aus der Nähe an und sehen von riskanten Manövern ab.

Wir sind noch nicht über den Berg

Die ärmsten Bevölkerungsgruppen und Länder seien global am Stärksten von der Krise betroffen, betonte der Internationale Währungsfonds in seiner jüngsten Prognose. In vielen Teilen der Welt – insbesondere in Lateinamerika und den Regionen um Indien – ist die Dynamik der Infektionszahlen nach wie vor äußerst hoch und verschärft sich weiter. Die Implikationen, die dies nicht nur für die Situation innerhalb der Länder selbst, sondern auch für internationale Vernetzung von Wirtschaftssystemen und Menschen hat, sind jetzt noch nicht abzusehen. Für exportorientierte Länder wie Deutschland und auch China würde eine zunehmende Abschottung jedoch merklichen Wohlstandsverlust bedeuten – das deuten die zuletzt veröffentlichen chinesischen Außenhandelszahlen bereits an. Auch erneute Turbulenzen an den internationalen Kapitalmärkten können wirtschaftlich bereits angeschlagene Staaten in zusätzliche Schwierigkeiten bringen und den globalen Handel noch zusätzlich schwächen. Die internationale Gemeinschaft muss daher den Dialog suchen und gemeinsam an Lösungen arbeiten, um diese Krise zu überwinden. Europa kann und muss dabei mit gutem Beispiel vorangehen. Dass die Bereitschaft für großangelegte Rettungsmaßnahmen grundsätzlich vorhanden ist, haben Regierungen und Zentralbanken uns bereits eindrucksvoll bewiesen.

Disclaimer: Dieser Text ist eine Kolumne der Weberbank. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!

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