Liquidität macht abhängig, Investoren steht ein heißer Sommer bevor - Weberbank-Kolumne

Bild und Copyright: gary yim / shutterstock.com.

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22.06.2020 11:33 Uhr - Autor: Kolumnist  Kolumnist auf Twitter  | 4investors auf: Twitter | Google News | Facebook

Warum haussieren die Aktienmärkte eigentlich in einem Jahr, welches durch den größten wirtschaftlichen Einbruch in der Nachkriegsgeschichte geprägt ist? Und wie anfällig für Rückschläge ist diese Entwicklung? Zwar gab es am letzten Donnerstag einen kleinen Schockmoment, als die Aktienindizes weltweit plötzlich in sich zusammenbrachen und beispielsweise der US-Aktienindex S&P 500 um 6 Prozent fiel. Aber sofort danach scheint die Party an den Aktienmärkten ungetrübt weiterzugehen. Dementsprechend lassen Sie uns noch einmal die Fakten zusammentragen und auf die Hintergründe für die Hausse, aber auch die Anfälligkeit für Rückschläge schauen:

In der letzten Woche wurden Zahlen zur Industrieproduktion in der Eurozone veröffentlicht. Dabei verzeichnete die Region insgesamt einen Rückgang um 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Einzelne Länder traf es deutlich härter. So fiel die Industrieproduktion in Italien um über 40 Prozent, die Frankreichs um 34 Prozent. Deutschland kam mit einem Minus von 25 Prozent etwas glimpflicher davon. Die Einzelhandelsumsätze der Eurozone gaben knapp 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr nach. Soviel zu den vergangenheitsbezogenen Zahlen. Beim Blick in die Zukunft kann man hingegen auch Positives finden. So erholten sich die Stimmungsindikatoren sowohl für den Dienstleistungs- als auch für den Produktionssektor deutlich. Die von Google und Apple ermittelte Mobilität der Mobiltelefonnutzer zeigen an, dass sich das Leben in Europa weiter normalisiert. So stieg die Zahl der Restaurantreservierungen in Deutschland teilweise sogar über das Vorkrisenniveau. Wer nun wieder im morgendlichen Stau steht, erfährt auch hier ganz praktisch, wie sich unsere Volkswirtschaft zu erholen beginnt. In den USA konnte sich speziell der Arbeitsmarkt weiter erfreulich erholen. Auch die Einzelhandelsumsätze überraschten hier mit zweistelligen Wachstumsraten. Allerdings – und das gehört leider auch zur Wahrheit – werden sowohl die Gewinnschätzungen für die Unternehmen, als auch die Wachstumsschätzungen für die globale Wirtschaft weiter heruntergenommen. So rechnet die OECD nun mit einem Rückgang des globalen Bruttoinlandsproduktes um 6 Prozent. Im Falle einer zweiten Infektionswelle wird sogar ein Rückgang um 7,6 Prozent befürchtet. Im März hatte man im ungünstigsten Pandemieverlauf noch mit einem Wachstum von 1,5 Prozent gerechnet. Zusammenfassend stehen also sehr schlechte Wirtschaftsdaten einer sich verbessernden Stimmung bei sich gleichzeitig verschlechternden Wachstumsschätzungen gegenüber.

Da verwundert es nur wenig, dass die Märkte sehr nervös auf das kleinste Anzeichen einer nachlassenden Unterstützung durch die Notenbanken reagieren. Genau dieser Fall ließ die Aktienmärkte in der letzten Woche zwischenzeitlich so deutlich einbrechen. Dabei hatte der Präsident der US-Notenbank (Fed) mitnichten von einer Rücknahme seiner Unterstützungsmaßnahmen gesprochen. Vielmehr zeigten sich die Marktteilnehmer davon enttäuscht, dass er nicht nochmals eine Ausweitung der Maßnahmen verkündet hatte. Hier liegt auch genau das Problem der aktuellen Marktrallye. Denn auch wenn die Analogie mit einem Drogenabhängigen nicht zu der schönsten im Kapitalmarktbereich gehört, so bewahrheitet sie sich aktuell erneut. Der Markt braucht immer größere Dosen seiner Droge „Liquidität“ und reagiert sofort mit extremen Entzugserscheinungen, sobald der Nachschub abzureißen droht. Die guten Wertentwicklungen der letzten Wochen waren durch fundamental eher schwächeren Unternehmen angeführt. Langfristig wird ein solcher Trend nicht anhalten können. Solange hingegen regelmäßig neue Liquiditätsdrogen verabreicht werden, kann sich diese Entwicklung aber noch fortsetzen.

Die Märkte werden wohl auch über den Sommer sehr volatil bleiben. Und das gilt sowohl für die Aktien- als auch die Rentenmärkte. Wie schon im letzten „Finanzmarkt aktuell“ thematisiert haben, sehen wir im Segment der Unternehmensanleihen niedriger Qualität einen Zwiespalt aus einerseits Sorgen vor steigenden Ausfallraten und andererseits sinkenden Prämien für diese Risiken, was uns zur Vorsicht mahnt. Auch aktienseitig erwarten wir für die nächsten Monate erratische Bewegungen. Die zwischenzeitlichen Kursrückschläge der letzten Woche zeigen erneut, wie fragil die Erholung der Aktien noch ist und wie schnell das Vertrauen der Investoren nicht zuletzt vor dem Hintergrund hoher Bewertungen schwinden kann. Dementsprechend haben wir unser Untergewicht in zyklischen Aktien in den Portfolios zuletzt zwar etwas ausgeglichen, bleiben aber mit der Gesamtheit der Investitionen deutlicher im defensiven Bereich und empfehlen weiterhin Gold beizumischen, da dieses auch in nächster Zeit vor dem Hintergrund der weiter steigenden Verschuldung der Staaten und der massiven Liquiditätsbereitstellung der Notenbanken seine Eigenschaft als nicht inflationierbares Gut ausspielen sollte.



Disclaimer: Dieser Text ist eine Kolumne der Weberbank. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!

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