Das Ende der Zentralbankunabhängigkeit - J.P. Morgan AM Kolumne

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06.06.2020 12:30 Uhr - Autor: Kolumnist  Kolumnist auf Twitter  | 4investors auf: Twitter | Google News | Facebook

Derzeit erleben wir weltweit die größte Fiskalexpansion seit dem Zweiten Weltkrieg. Aufgrund der hohen Staatsverschuldung und des kurzfristigen Liquiditätsbedarfs kann diese in vielen Ländern nur mit Hilfe der Notenbanken finanziert werden. Und so setzt sich mit den Maßnahmen angesichts der COVID-19-Pandemie eine Entwicklung fort, die in der Finanzkrise begonnen hat: „Der Grundsatz der strikten Unabhängigkeit der Zentralbank, die unabhängig von politischem Einfluss ihre geldpolitischen Ziele zu erreichen sucht, weicht in zunehmenden Maße der Einschätzung bei Ökonomen und Entscheidungsträgern, dass eine Koordination zwischen Fiskal- und Geldpolitik erstrebenswert ist – besonders im Krisenfall“, erläutert Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt. Der Experte betont, dass sich damit die Zentralbanken de facto dem Primat der Fiskalpolitik unterwerfen. „Für Anleger habe dies weitreichende Folgen, da die Zentralbanken auf Jahre quasi gezwungen sein werden, die Zinsen tief zu halten.“

Fehlender Anreiz, Niedrigzinspolitik zu beenden

Befürworter dieser Entwicklung der Zentralbankpolitik führen ins Felde, dass im Krisen- oder Rezessionsfall mit Hilfe von Niedrigzins und Gelddrucken auch höher verschuldete Staaten in der Lage sind, dank expansiver Fiskalpolitik negative soziale Folgen für den Arbeitsmarkt zu mindern und mit Investitionsprogrammen die wegbrechende privatwirtschaftliche Nachfrage zu kompensieren. Im Idealfall geben positive Multiplikatoreffekte und ein zügiges Überwinden der Krise den Staaten und den Zentralbanken dann die Möglichkeit, die expansive Politik in den Folgejahren zurückzufahren. „Leider funktioniert das in der Realität aus mehreren Gründen nicht“, stellt Tilmann Galler fest. Erstens fehle der Anreiz für eine Konsolidierungspolitik. Anleihenkäufe führten zu einem Außerkraftsetzen des marktbasierten Zinses und damit zu massiven Fehlanreizen für Staat, Unternehmen und Investoren. „Warum sollten politische Entscheidungsträger nach der Krise schwächeres Wachstum und ihre Wiederwahl riskieren, wenn es aufgrund der Niedrigzinspolitik keine Belohnung durch niedrigere Finanzierungskosten gibt?“, sagt Galler. Bei Unternehmen führten üppige Liquidität und anhaltend attraktive Finanzierungskosten zu risikoreicherem Verhalten und geringerer Rentabilität, während Anleger in Risikoinvestments gedrängt würden. Das führe zu einer wachsenden Instabilität im Wirtschaftssystem, was wiederum den geldpolitischen Spielraum der Notenbanken einschränke. „Bisher sind alle Versuche der Notenbanken gescheitert, Leitzinsen und Bilanzen zu normalisieren. Die Notenbanken sind in der Vergangenheit den Sirenengesängen der Neo-Keynesianischen Wirtschaftspolitik erlegen und sind jetzt Gefangene ihrer eigenen Politik“, führt Tilmann Galler an.

Inflationsgefahr in der Zukunft

Die Auswirkungen durch die gewaltigen Rettungspakete in Europa, Japan und den USA, die durch eine nicht minder gewaltige Summe von rund 7,5 Billionen US-Dollar an Zentralbankgeld finanziert werden, dürften in vielerlei Hinsicht weitreichend sein. Der Anteil des Staates an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung wird als Folge der Krise weiter zunehmen, was dem wachsenden Bedürfnis staatlicher Fürsorge und Umverteilung in Teilen der Bevölkerung nicht entgegensteht. Aufgrund fehlender privatwirtschaftlicher Nachfrage wegen der Pandemiebekämpfungsmaßnahmen werden die negativen Folgen des Anwerfens der digitalen Druckerpresse für die Wirtschaft nach Ansicht von Tilmann Galler vorerst kaum sichtbar. „Die Risiken lauern vielmehr in der Zukunft, sobald das Virus besiegt sein wird und die aufgestaute privatwirtschaftliche Nachfrage zu einer kräftigen Erholung der Konjunktur führt. Sollten in diesem Fall die Konsolidierungsversuche der Notenbanken wie in den vergangenen Jahren scheitern und die Politik der Versuchung weiterer zentralbankfinanzierter Fiskalgeschenke nicht widerstehen können, droht die Gefahr von Inflation und eventuell sogar Hyperinflation“, analysiert Galler.

Staatsanleihen werden länger nicht für Kapitalerhalt sorgen können

Anleger müssen sich aufgrund der enormen finanziellen Lasten der COVID-Krise auf eine lange Phase der finanziellen Repression einstellen. Die Zentralbanken werden nach Ansicht von Tilmann Galler auf Jahre quasi gezwungen sein, die Zinsen tief zu halten, um den fiskalischen Spielraum der Staaten sicherzustellen. „Die Renditen von Staatsanleihen dürften deshalb nicht in der Lage sein, den langfristigen realen Kapitalerhalt zu sichern. Den besten Schutz gegen Inflationsrisiken und die besten langfristigen Ertragsaussichten bieten nach unserer Einschätzung weiterhin reale Vermögenswerte wie Aktien und alternative Anlagen“, erklärt der Marktexperte.

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