Corona-Krise wird das Wirtschaften nachhaltig verändern - DVFA Kolumne

Die Frage, wie Sie die Idee einschätzen, sogenanntes Helikoptergeld einheitlich im Euro-Raum direkt an Staaten oder Bürger auszuzahlen, um einen Corona-Crash von Handel und Industrie zu vermeiden, erregt die Gemüter der Investment Professionals der DVFA. Bild und Copyright: XXLPhoto / shutterstock.com.

Die Frage, wie Sie die Idee einschätzen, sogenanntes Helikoptergeld einheitlich im Euro-Raum direkt an Staaten oder Bürger auszuzahlen, um einen Corona-Crash von Handel und Industrie zu vermeiden, erregt die Gemüter der Investment Professionals der DVFA. Bild und Copyright: XXLPhoto / shutterstock.com.

08.04.2020 10:26 Uhr - Autor: Stefan Bielmeier  Stefan Bielmeier auf Twitter  | 4investors auf: Twitter | Google News | Facebook

Covid-19 hat eine Pandemie ausgelöst. Die Zahl der Erkrankten steigt, Menschen sterben. In vielen Teilen der Welt und auch in Deutschland ist die Wirtschaft zum Beinahe-Stillstand gezwungen. Nationale Politik und etliche Notenbanken versprechen Wirtschaft und Währung zu unterstützen. Die Investment Professionals des DVFA haben ihre eigene Meinung zu den Maßnahmen, so etwa zu den Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB), sogenannten Corona-Bonds und wie sich die Corona-Krise auf das Wirtschaften auswirken könnte.

Weitgehend einig sind sich die Befragten in der Frage, was sie grundsätzlich vom geplanten 750 Milliarden Euro schweren Anleihenkaufprogramm der EZB halten. 49 Prozent halten das Programm für richtig, weitere 29 Prozent für eher richtig. Lediglich 5 Prozent und 8 Prozent halten es für falsch bzw. eher falsch. Bemerkenswert sind die zahlreichen Kommentare der Investment Professionals. Die Befürworter halten den Anleihenkauf für eine wichtige Maßnahme, um Ruhe und Vertrauen zurück in die Kapitalmärkte zu bringen. Andere halten zwar den Umgang mit der Pandemie grundsätzlich für falsch, im Rahmen der durchgeführten Pandemiepolitik aber halten sie den Anleihenkauf für richtig. Wortreicher noch als die Befürworter haben diejenigen sich geäußert, die das Programm ablehnen. Es sei nicht Aufgabe der EZB ständig als Feuerwehr einzuspringen und sämtliche Schulden auf ihre Bücher zu nehmen, die Wirkung sei zu indirekt, statt erneut den Anleihenmarkt zu wählen, sei ein Investment in börsennotierte Aktien zielführend, heißt es in den Kommentaren.

Eingriff in den Aktienmarkt eher nicht – ESM statt Corona-Bonds

Weniger eindeutig ist das Meinungsbild unter den Investment Professionals hinsichtlich der Frage, ob die EZB, angesichts verstärkter Aktivitäten von Shortsellern während der Corona-Krise, auch am Aktienmarkt tätig werden solle. Die größte Gruppe hält dies für falsch (26 Prozent) und weitere 23 Prozent halten dies für eher falsch. Immerhin 19 Prozent sind der Ansicht, Aktivitäten der EZB am Aktienmarkt seien richtig, 17 Prozent für eher richtig. In den Kommentaren sprechen sich die Befragten für freie Preisbildung aus, die sie durch einen Eingriff der Notenbank gefährdet sehen. Short- wie Longseller gehörten eben zum Markt, allerdings gehöre Marktmanipulation verboten, Shortselling gehöre in Extremphasen verboten, sei aber Sache der Finanzaufsicht, nicht der EZB.

Befragt, was sie davon halten, sogenannte Corona-Bonds, also gemeinsame Anleihen der Euro-Länder, zu begeben, äußerten sich die meisten ablehnend und hielten es für falsch oder eher falsch (30 bzw. 23 Prozent). Immerhin 15 Prozent befürworten Corona-Bonds als richtig, weitere 21 Prozent als eher richtig. Die Frage wird auch in den Kommentaren kontrovers verhandelt. Häufig wird auf den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) verwiesen, der die Funktion von Corona-Bonds übernehmen könne und für Situationen, wie wir sie aktuell erleben, entwickelt worden sei. Abgelehnt wird auch unter Verweis auf die ungelösten Haftungsfragen für diese Anleihen. Befürworter halten die Corona-Bonds als Einmalmaßnahme für vertretbar, andere sehen in der Haftungsunion die konsequente Weiterentwicklung der Währungsunion und argumentieren, dass unser Wohlstand zum Teil auch auf dem Wohlstand anderer Nationen beruhe.

Europa braucht kein Helikoptergeld

Die Frage, wie Sie die Idee einschätzen, sogenanntes Helikoptergeld einheitlich im Euro-Raum direkt an Staaten oder Bürger auszuzahlen, um einen Corona-Crash von Handel und Industrie zu vermeiden, erregt die Gemüter der Investment Professionals der DVFA. 33 Prozent der Befragten halten es für falsch, 17 Prozent für eher falsch. Dagegen sind 15 Prozent der Meinung, die Geldverteilung sei richtig, 19 Prozent votieren für eher richtig. 16 Prozent stehen dem neutral gegenüber.

Auch in dieser Frage wurde die Kommentarfunktion eifrig genutzt, ganz überwiegend aber von jenen, die die Geldverteilung ablehnen. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass in Deutschland und auch in Europa, anders als in den USA, wo dieser Begriff erfunden wurde, soziale Sicherungssysteme die Folgen der Corona-Krise bereits abfedern. Insofern habe eine solche Maßnahme weniger Berechtigung. Ähnlich argumentieren Befragte, wenn sie kommentieren, es läge im aktuellen Fall eine Angebotskrise vor und keine Nachfragekrise, das Problem sei keines mangelnder Liquidität.

De-Globalisierung als Folge der Corona-Krise

Sehr klar ist das Meinungsbild hinsichtlich der These, dass die Corona-Pandemie das Wirtschaften zumindest in einigen wichtigen Bereichen nachhaltig verändern wird, dass beispielsweise lokale statt globale Lieferketten und Lagerhaltung statt möglichst reiner Just-in-Time-Produktion wieder an Bedeutung gewinnen. Mehr als Dreiviertel der Befragten sind entweder der Meinung diese These sei richtig (39 Prozent) oder eher richtig (45 Prozent). Für falsch halten sie 0,5 Prozent, für eher falsch 6,5 Prozent.

Digitalisierung und Infrastrukturausbau könnten Rückenwind bekommen, eine Phase der De-Globalisierung könne folgen, wird kommentiert. Andere erwarten, dass der Staat sich wieder stärker in die Wirtschaft einbringt. Auch die Befürchtung, mit der massiven Einschränkung der Grund- und Freiheitsrechte habe ein irreversibler Strukturbruch im System stattgefunden, wurde geäußert und dass wieder mehr kritische Produktion (Medizin- und Netzwerktechnik, Arzneimittel, Rüstungsgüter) in Europa, möglichst auch in Deutschland gebraucht werde. Andere halten dagegen, dass früher oder später der Kostendruck wieder dazu führe, zum Wirtschaften wie vor der Krise zurückzukehren.

„Die Umfrage unter den Mitgliedern des DVFA zeigt einmal mehr: Grundlegende wirtschaftliche Fragen sind selten einfach und reizen dazu, argumentativ die Klingen zu kreuzen, was die erfreulich aktive Nutzung der Kommentarfunktion zeigt“, sagt Stefan Bielmeier, Vorstandsvorsitzender des DVFA. „Das Meinungsbild der Investment Professionals in Deutschland hat in Sachen Corona-Krise klare Tendenzen, ist aber nicht uniform. Weitgehende Einigkeit herrscht allerdings in dem Punkt, dass nach der Krise nicht einfach weitergeht wie bisher. Die Pandemie stellt auch in der Finanzbranche infrage, was zuvor als selbstverständlich galt.“



Die DVFA Monatsfrage wendet sich an die 1.400 Mitglieder des Verbandes und widmet sich Themen, die in der Finanzbranche diskutiert werden. Die Ergebnisse der Umfrage werden regelmäßig an jedem zweiten Dienstag im Monat veröffentlicht. Disclaimer: Der Text ist eine Kolumne der DVFA e.V.. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!

Lesen Sie mehr zum Thema EZB im Bericht vom 10.03.2020

EZB Strategieüberprüfung ist richtig - Befragung der Öffentlichkeit aber übertrieben - DVFA Kolumne

Die Europäische Zentralbank überprüft ihre Geldpolitik nach rund 17 Jahren erstmalig wieder grundsätzlich und will dies bis Ende 2020 abgeschlossen haben. In der Öffentlichkeit ein umstrittener Zeitplan. Unter den Investment Professionals in Deutschland stößt der Zeitplan auf breite Zustimmung. Bei einzelnen Fragen zur Ausrichtung der Geldpolitik gibt es aber unterschiedliche Auffassungen. Dies ergab die Umfrage der DVFA. Inflationsziel ohne klares Meinungsbild Insgesamt halten 89 Prozent der Befragten den Zeitplan für ausreichend (sehr gut, das ist genug Zeit) oder für gut, aber ambitioniert. Befragt nach dem Inflationsziel der Notenbank gehen die Meinungen auseinander. Die größte Gruppe (39 Prozent) sind der Meinung, das Inflationsziel sollte 2 Prozent betragen, verbunden mit einem Toleranzband. Immerhin noch 19 Prozent sind für die Beibehaltung des Inflationsziels von „unter, aber nahe bei 2 Prozent“. 18 Prozent hielten es für richtig, dass die ... diese News weiterlesen!

4investors-Newsletter

Exklusive Interviews und Analysen für Sie aus der 4investors-Redaktion!

Der Newsletter ist kostenlos. Sie können den Newsletter jederzeit wieder abbestellen. Wir speichern Ihre Mailadresse ausschließlich zum Versand des Newsletters und geben diese nicht weiter! Bitte beachten Sie unsere Datenschutzerklärung.

4investors-News - EZB

29.10.2020 - EZB - Erste Geschenke erst zu Weihnachten - DWS Kolumne
29.10.2020 - EZB wird zum Jahresende einen drauflegen - VP Bank Kolumne
24.10.2020 - Ruft die EZB im Dezember erneut den Notfall aus? - DWS Kolumne
20.10.2020 - EZB-Käufe und Jagd nach Rendite lassen Staatsanleiherenditen sinken - Commerzbank Kolumne
02.10.2020 - Kerninflationsrate fällt auf ein Rekordtief und gibt der EZB Anlass zur Besorgnis - DWS Kolumne
14.08.2020 - Die Maßnahmen der Zentralbanken: Eine Büchse der Pandora? - AXA IM Kolumne
23.07.2020 - EU-Coronahilfen geben dem Euro Auftrieb - Commerzbank Kolumne
17.07.2020 - EZB wartet mit weiteren geldpolitischen Lockerungen ab - Commerzbank Kolumne
16.07.2020 - EZB: Phase 2 hat begonnen - VP Bank Kolumne
13.07.2020 - EZB: Keine Weichenstellung erwartet, alles bleibt „on hold“ - DWS Kolumne
06.06.2020 - Das Ende der Zentralbankunabhängigkeit - J.P. Morgan AM Kolumne
05.06.2020 - EZB: Noch einmal 600 Mrd. mehr für Anleihekäufe - VP Bank Kolumne
04.06.2020 - EZB weitet PEPP deutlich aus – europäische Politik tritt Krise kraftvoll entgegen - Nord LB Kolumne
29.05.2020 - Eurozone: Keine Inflation in Sicht, jetzt erst recht nicht - VP Bank Kolumne
20.05.2020 - EZB-Notfallkredite finden keinen Anklang - VP Bank Kolumne
10.05.2020 - Ausweitung der Zentralbankbilanzen wird nicht zwangsläufig zu Inflation führen - DWS Kolumne
08.05.2020 - Die Rufe nach staatlichen Konjunkturhilfen werden lauter - und sollten erhört werden - Weberbank-Kolumne
04.05.2020 - Inflationsgebunde Staatsanleihen werden attraktiv - AXA IM Kolumne
30.04.2020 - EZB legt im Kampf gegen Rezession nach – aber es braucht mehr PEPP - Nord LB Kolumne
19.03.2020 - EZB: Die Notenbank mit PEPP – Aufrüstung gegen Coronavirus-Folgen - Nord LB Kolumne

DGAP-News dieses Unternehmens

31.10.2020 - DGAP-Adhoc: ifa systems AG: Mehrheitserwerb einer Kommunikationsplattform für Patienten in der ...
31.10.2020 - DGAP-News: ifa systems AG: ifa systems übernimmt Mehrheitsanteil an 'Sophrona', einer ...
30.10.2020 - DGAP-News: paragon erzielt stärkstes Automotive-Quartal der ...
30.10.2020 - DGAP-News: Voltabox-Endmärkte weiterhin abwartend - EBITDA-Gewinnschwelle soll in 2021 ...
30.10.2020 - DGAP-News: SNP SE steigert Umsatz dank stark wachsendem ...
30.10.2020 - DGAP-News: RIB Software SE: Die RIB Gruppe gibt ihre Zahlen für die ersten neun Monate 2020 ...
30.10.2020 - DGAP-News: Haier Smart Home übertrifft die Erwartungen im dritten Quartal ...
30.10.2020 - DGAP-News: Audi Konzern: Zwischenmitteilung zum 3. Quartal ...
30.10.2020 - DGAP-News: LION E-Mobility AG: LION Smart erweitert seinen Kundenstamm in ...
30.10.2020 - DGAP-News: Muehlhan AG: Muehlhan AG veröffentlicht Neunmonatszahlen ...

Stammdaten dieses Wertpapiers: WKN/ISIN, Börse etc.