Die Zinswende in Europa bleibt aus - Weberbank-Kolumne

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Die großen Notenbanken der Welt lockern ihre Geldpolitik erneut. Eine Vielzahl an globalen Krisenthemen wie etwa der Handelsstreit machen es notwendig. Wie wir die aktuellen Entwicklungen einschätzen, lesen Sie in unserer neuen Ausgabe von Finanzmarkt aktuell. Bild und Copyright: telesniuk / shutterstock.com.

02.08.2019 15:03 Uhr - Autor: Kolumnist  Kolumnist auf Twitter  | 4investors auf: Twitter | Google News | Facebook

Die großen Notenbanken der Welt lockern ihre Geldpolitik erneut. Eine Vielzahl an globalen Krisenthemen wie etwa der Handelsstreit machen es notwendig. Wie wir die aktuellen Entwicklungen einschätzen, lesen Sie in unserer neuen Ausgabe von Finanzmarkt aktuell.

Mehr als zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise herrscht geldpolitisch noch immer Ausnahmezustand in Europa. Inzwischen hat sich die Wirtschaft im Euroraum weitgehend erholt. Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank unter ihrem scheidenden Chef Mario Draghi ist noch immer ultralocker – und sie bleibt es wohl auch. Das ist die ernüchternde Erkenntnis der letzten Woche, als der EZB-Präsident am Donnerstag vor den versammelten Journalisten im Pressesaal der Zentralbank die jüngste Zinsentscheidung verkündete. Die Notenbank verschiebt die Leitzinswende ein weiteres Mal bis ins Jahr 2020, denkt zudem über die Wiederauflage des milliardenschweren Anleihekaufprogramms nach und lässt sich damit alle Optionen offen, um flexibel auf die vielen Konjunkturrisiken und die geringe Inflation zu reagieren, denen sich die Eurozone ausgesetzt sieht. Das ist durchaus nachvollziehbar, denn eine außergewöhnliche Weltpolitik erfordert eine außergewöhnliche Geldpolitik. Fakt ist aber auch, dass damit ein Ausnahmezustand zum Dauerzustand wird, und das ist ein schlechtes Zeichen.

Dass es dazu kommen musste, ist aber nicht die Schuld von Draghi und seinen Kollegen im EZB-Rat, sondern vor allem die der US-amerikanischen und der britischen Regierung, denen scheinbar mehr an der politischen Eskalation als an einer Lösung der Handels- bzw. Brexit-Streitigkeiten gelegen ist. Das sorgt für Verunsicherung und schlechte Stimmung bei Verbrauchern, Unternehmen und Anlegern. Hier musste die EZB mit einem deutlichen geldpolitischen Signal gegensteuern, denn eine Stimmungsverschlechterung bei Konsumenten und Produzenten kann schnell zu einem ausgewachsenen Konjunkturproblem werden.

Zur Verteidigung dieser lockeren Geldpolitik sollte man jedoch auch anführen, dass die EZB sich in guter Gesellschaft mit anderen Währungshütern rund um den Globus befindet, denn schließlich gehören Zinssenkungen und Anleihekäufe mittlerweile zum international anerkannten Instrumentarium einer Zentralbank.

Kritik am Krisenkurs der EZB ist aber dennoch angebracht, denn die negativen Nebeneffekte der jahrelangen Niedrigzinspolitik werden immer deutlicher sichtbar: Nullzinsen auf Sparbüchern, Negativzinsen bei Anleihen, schrumpfende Gewinne der Banken und ein überhitzender Immobiliensektor. Die Liste ließe sich fortsetzen und deutet an, vor welchen Herausforderungen die EZB in den kommenden Jahren stehen wird. Keine leichte Aufgabe, die Mario Draghi seiner Nachfolgerin, der bisherigen Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde ab September hinterlässt.

Der Handelsstreit geht in die nächste Runde


Nach monatelanger Pause haben die USA und China ihre Handelsgespräche in dieser Woche in Shanghai wieder aufgenommen. Ende Juni hatten sich der US-amerikanische Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping am Rande des G20-Gipfels in Japan auf einen „Waffenstillstand“ in ihrem Handelskrieg und eine Wiederaufnahme der Gespräche geeinigt. Damals hatte Trump erklärt, China habe zugesagt, große Mengen an US-Agrarprodukten zu kaufen. Doch zum Auftakt der aktuellen Gespräche warf der US-Präsident der Regierung in Peking vor, ihre Zusage nicht erfüllt zu haben. Peking hatte eine solche Vereinbarung allerdings nie bestätigt.

Man sollte die Trump’schen Twitter-Tiraden zwar nicht überbewerten, weil sie offensichtlich Teil seiner Verhandlungsstrategie sind. Die Hindernisse im Handelsstreit erscheinen jedoch ohne erhebliche Zugeständnisse von einer der beiden Seiten schwer überwindbar. Die Knackpunkte in den Verhandlungen bleiben die Themen Abbau von Zöllen, Schutz des geistigen Eigentums und Verhinderung von Dumpingpreisen.

Die Gespräche in Shanghai sind mittlerweile beendet. Eine Einigung in den genannten Streitpunkten konnte nicht erzielt werden, aber immerhin haben beide Seiten die Fortsetzung der Gespräche in den kommenden Wochen vereinbart. Das ist eine gute Nachricht – solange der US-Präsident nicht wieder dazwischentwittert.

Wie geht es an den Kapitalmärkten weiter?


Die US-amerikanischen Aktienmärkte konnten in der letzten Woche neue Rekordstände vermelden. Im Gegensatz dazu ist die Anlegerstimmung in Europa weniger euphorisch. Die europäischen Aktien haben in der vergangenen Woche zunächst einen Rückwärtsgang eingelegt. Die Aussicht auf eine erneute Lockerung der Geldpolitik hat die Stimmung der Anleger ganz offensichtlich nicht verbessert – zumindest vorerst nicht. Die erste negative Marktreaktion auf die EZB-Entscheidung hat sich mittlerweile aber wieder gelegt, und die laufende Unternehmensberichtssaison in den USA und in Europa ist wieder in den Vordergrund des Marktgeschehens gerückt. Hier lässt sich ein positiver Zwischenstand vermelden. Die Unternehmensgewinne in den USA sind im zweiten Quartal 2019 gegenüber dem Vorjahresquartal im niedrigen einstelligen Prozentbereich gewachsen. Das ist zwar nicht viel, aber vor dem Hintergrund der zahlreichen globalen Krisenherde positiv zu werten. Die Aussichten für die Aktienmarktentwicklung im weiteren Jahresverlauf sind also gut. Dennoch ist Vorsicht geboten, weil ein Scheitern im Handelskonflikt jederzeit möglich bleibt und das hätte negative Auswirkungen auf die Konjunktur und die Gewinne der Unternehmen.

Von daher empfiehlt es sich, das eigene Portfolio krisenfester aufzustellen zum Beispiel durch eine Anlage in vergleichsweise defensive Aktientitel ergänzt um einen Kasseanteil und Renteninvestments. Bei Letzteren muss man allerdings selektiver denn je vorgehen. Zu gering und oftmals auch negativ sind die Renditen bei vielen Anleihen. Die jüngste Entscheidung der EZB hat leider zu keiner Entspannung am Rentenmarkt geführt. Die Bedingungen für die Anleger sind also in den letzten Tagen nicht gerade einfacher geworden. Dass Börse und Investieren einfach sind, hat aber auch keiner behauptet.

Disclaimer: Dieser Text ist eine Kolumne der Weberbank. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!


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