EZB hält Zinsen länger niedrig, zeigt sich aber gelassener als die Finanzmärkte - Nord LB Kolumne

Die Formulierung der Forward Guidance für die zukünftige Entwicklung der Leitzinsen wurde bereits heute erneut angepasst. Nunmehr erwartet der EZB-Rat, dass die Leitzinsen auf dem gegenwärtigen Niveau mindestens bis Mitte 2020 verharren. Bild und Copyright: XXLPhoto / shutterstock.com.

Die Formulierung der Forward Guidance für die zukünftige Entwicklung der Leitzinsen wurde bereits heute erneut angepasst. Nunmehr erwartet der EZB-Rat, dass die Leitzinsen auf dem gegenwärtigen Niveau mindestens bis Mitte 2020 verharren. Bild und Copyright: XXLPhoto / shutterstock.com.

06.06.2019, 17:01 Uhr - Autor: Kolumnist  Kolumnist auf Twitter  | 4nvestors auf: Twitter | Google News | Facebook

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat auf ihrer heutigen Sitzung wie erwartet weitere Details zu der ab September startenden neuen Serie langfristiger Refinanzierungsgeschäfte (TLTRO III) beschlossen. So fallen die Konditionen fast so vorteilhaft wie bei den TLTRO II aus. Der Zins orientiert sich an dem jeweils gültigen Hauptrefinanzierungssatz zuzüglich eines Aufschlags in Höhe von 10 Basispunkten. Es besteht jedoch die Möglichkeit einer Konditionenverbesserung bis zum Einlagesatz zzgl. 10 Basispunkten. Wenig überraschend war die Entscheidung, dass die Leitzinsen unangetastet bleiben. Der Hauptrefinanzierungssatz verharrt bei 0,00%, der Satz für die Einlagefazilität bei -0,40% und der Zins für die Spitzenrefinanzierungsfazilität bei 0,25%. Ein Wechsel zu einem gestaffelten Einlagesatz wurde wie erwartet nicht beschlossen.

Die Formulierung der Forward Guidance für die zukünftige Entwicklung der Leitzinsen wurde – aus unserer Sicht etwas überraschend – bereits heute erneut angepasst. Nunmehr erwartet der EZB-Rat, dass die Leitzinsen auf dem gegenwärtigen Niveau mindestens bis Mitte 2020 verharren. Damit reagiert die Notenbank zwar auf die anhaltende Unsicherheit infolge der globalen Handelskonflikte, sendet jedoch nur ein leicht dovishes Signal. So wurde ein Easing Bias nicht wieder aufgenommen, während im Vorfeld der Sitzung an den Märkten bereits eine leichte Zinssenkung eingepreist worden war. Gleichwohl wies Draghi darauf hin, dass einige Ratsmitglieder die Möglichkeit einer Zinssenkung oder eine Wiederaufnahme des Ankaufprogramms vorgetragen hätten. Der Devisenmarkt reagierte dennoch enttäuscht, der Euro wertete bis 1,13 USD auf.

Die Projektionen wurden im Vergleich zum März im Juni nur leicht angepasst. Vor allem ist die EZB nochmals etwas zurückhaltender beim Inflationsausblick. Die Risiken für den wirtschaftlichen Ausblick sind nach Aussage Draghis weiter abwärts gerichtet, Rezessionsrisiken seien aber weiter sehr gering. Bei adversen Ansteckungseffekten steht die EZB aber weiter bereit, ihr gesamtes Instrumentarium einzusetzen. In der Summe zeigen sich die Notenbanker aber betont gelassener als die Renten- und Devisenmärkte in den vergangenen Tagen.

Wir bleiben bei der Einschätzung, dass das Fenster für eine Leitzinserhöhung bis 2021 geschlossen ist. Die Forward Guidance für die Reinvestmentpolitik blieb zwar formal unverändert, wegen des Bezugs auf den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung können Investoren so jedoch mindestens bis ins Jahr 2022 mit einem vollständigen Reinvestment der fälligen EAPP-Beträge rechnen.

Mit der heutigen Sitzung wollte die EZB kein weiteres Öl ins Feuer gießen. Die TLTRO III Konditionen fallen recht günstig aus, die Leitzinsen bleiben länger sehr niedrig und die EZB steht bereit, bei Bedarf mehr zu tun. Mit diesen leicht dovishen Signalen blieben die Währungshüter aber hinter den Markterwartungen zurück, was sich in anziehenden Renditen und einem stärker tendierenden Euro widerspiegelt. Auf eine Eskalation der Handelskonflikte oder eine stärkere globale Abkühlung würde die EZB jedoch sicher mit zusätzlichen expansiven Maßnahmen reagieren.

Fazit: Die EZB hat auf ihrer heutigen Ratssitzung vor allem mit einer erneuten Anpassung der Forward Guidance überrascht. Die Leitzinsen bleiben demnach mindestens bis Mitte 2020 unverändert. Allerdings wird hiermit nicht eine Zinssenkung signalisiert, wie es die Marktteilnehmer zuletzt bereits begonnen hatten, einzupreisen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wollte die EZB vermeiden, durch hektische Politikanpassungen weiteres Öl ins Feuer zu gießen. Draghi betonte andererseits aber erneut die Abwärtsrisiken für den Wirtschaftsausblick und die Handlungsbereitschaft der EZB. Dass einige Ratsmitglieder bereits Zinssenkungen oder eine Wiederbelebung des Ankaufprogramms ins Spiel brachten, ist ein Fingerzeig für den Fall, dass sich die Abwärtsrisiken materialisieren sollten.

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