AlzChem: Creamino bringt neues Margenpotenzial - Interview

AlzChem-Vorstandschef Ulli Seibel im Interview mit der Redaktion von www.4investors.de. Bild und Copyright: AlzChem.

AlzChem-Vorstandschef Ulli Seibel im Interview mit der Redaktion von www.4investors.de. Bild und Copyright: AlzChem.

Nachricht vom 21.09.2018 21.09.2018 (www.4investors.de) - AlzChem stellt 2018 und 2019 Weichen für die Zukunft. Ein größerer Streubesitz soll die Aktie an der Börse attraktiver machen und beim Hoffnungsträger, dem Futtermittelzusatzstoff Creamino, werden die Kapazitäten stark ausgebaut und der Vetrieb in die eigene Hand genommen. Was sich AlzChem von den Maßnahmen verspricht, welche Dividendenpläne die Gesellschaft hat und wie man die jüngst veröffentlichten Zahlen einschätzt, erläutert Unternehmenschef Ulli Seibel im Interview mit der Redaktion von www.4investors.de.


www.4investors.de: AlzChem hat in dieser Woche Zahlen für das Rumpfgeschäftsjahr 2018 vorgelegt, das der ersten Jahreshälfte entsprach. Wie lautet Ihr Fazit für diesen Zeitraum?

Seibel:
Wir sind mit der Entwicklung sehr zufrieden. Wir konnten mit einem Umsatzwachstum von 6,8 Prozent und einer EBITDA-Marge von 15,9 Prozent unsere Planungen erreichen oder sogar etwas übertreffen. Bei unseren strategischen Weichenstellungen, wie dem Start des Eigenvertriebs bei Creamino, unserem derzeit wichtigsten Zukunftsprodukt, kommen wir ebenfalls gut voran. Und die Signale, die wir aus unseren Absatzmärkten insbesondere bei Specialty Chemicals empfangen, lassen uns weiter positiv in die Zukunft blicken.

www.4investors.de: In welchem Umfang haben Preissteigerungen bei Energie sowie Rohstoffen im abgelaufenen Rumpfgeschäftsjahr die Ergebnisse belastet? Was erwarten Sie hier für 2018/2019?

Seibel:
Die Preissteigerungen auf der Beschaffungsseite waren durchaus signifikant und haben insbesondere in unserem Segment Basics + Intermediates zu einer deutlichen Ergebnisdämpfung geführt. Wir haben diese Entwicklung aber vorhergesehen und berücksichtigt, auch wenn sie insgesamt etwas negativer und nachhaltiger ausfiel als gedacht. Auch für 2018/2019 gehen wir von weiteren Preissteigerungen aus. Eine Entspannung sehen wir noch nicht. Das soll uns aber nicht davon abhalten, unsere Rendite und Ertragskraft weiter zu steigern.

www.4investors.de: Auffällig ist, dass AlzChem den überwiegenden Teil des Gewinns als Dividende an die Aktionäre auszahlen will, obwohl zugleich hohe Investitionen in Kapazitätserweiterungen gestemmt werden. Was hat Sie zu dieser Dividendenentscheidung veranlasst?

Seibel:
Sie haben Recht, wenn wir das Jahresergebnis 2017 als Maßstab nehmen, wollen wir jetzt sogar rund 55 Prozent an unsere Aktionäre ausbezahlen. Wir wollen Wachstum mit Dividendenstärke kombinieren. Unser Ziel ist es, stabil zwischen 30 und 50 Prozent des Netto-Ergebnisses an unsere Aktionäre auszuschütten. Jetzt schlagen wir eine Dividende von 0,11 Euro je Aktie vor. Wir wollen damit die Dividende für das Jahr 2017 nachholen, als es uns aus gesellschaftsrechtlichen Gründen nicht möglich war, unsere Aktionäre am Unternehmenserfolg entsprechend teilhaben zu lassen. Gleichzeitig ist unsere größte Investition in der Unternehmensgeschichte mit 50 Millionen Euro für die neue Creamino-Produktion bereits bestens durchfinanziert und unsere Netto-Verschuldung liegt gerade einmal beim 0,6-fachen des EBITDA. Ich denke, wir haben hier eine sehr gute Balance.

www.4investors.de: Wie soll die Dividendenpolitik zukünftig aussehen, insbesondere wenn ab 2019 die Effekte aus dem Kapazitätsaufbau hinzu kommen? Werden Sie dann ähnliche Ausschüttungsquoten bieten wie für das Rumpfgeschäftsjahr, oder nehmen diese ab?

Seibel:
Die genannten 30 bis 50 Prozent bleiben unsere mittelfristige Richtschnur. Die aktuelle Dividende, die am 22. November ja erst noch von der Hauptversammlung beschlossen werden muss, nimmt da eine kleine Sonderrolle im positiven Sinne ein.

www.4investors.de: Einer der entscheidenden Faktoren für Ihre Investitionen in die Expansion ist der Tierfuttermittelzusatz Creamino. Bisher wurde Creamino von Ihrem Partner Evonik vertrieben, zukünftig wollen Sie dies selbst übernehmen. Evoniks Vertriebspower dürfte unbestritten sein, zumal Creamino auch vom Cross-Selling mit anderen Evonik-Produkten profitiert haben dürfte. Warum also diese Entscheidung, zukünftig den Vertrieb in Eigenregie zu übernehmen?

Seibel:
Creamino hat nach unserer Einschätzung – und das ist auch belegt durch die bisherigen Zahlen – ein unglaubliches Potenzial und trifft auf einen Weltmarkt, der erst in Teilen erschlossen ist. Dieses Potenzial wollen wir nun auch vertriebsseitig mit eigenen Kräften erschließen. Evonik hat einen tollen Job gemacht und das Produkt hervorragend auf dem Weltmarkt positioniert. Ich bin mir aber sicher, dass wir mit unserer Erfahrung aus dem Vertrieb unserer Vielzahl an Produkten für den landwirtschaftlichen Sektor und im Wissen, dass Creamino bei uns nicht ein Produkt unter vielen ist, die sich uns bietenden Marktchancen sehr erfolgreich nutzen können.

www.4investors.de: Welche Wachstumsperspektiven sehen Sie bei diesem Produkt für 2019 und die Folgejahre?

Seibel:
Für 2019 sind wir noch konservativ. Zwei Effekte werden hier das Wachstum dämpfen: Durch den Wechsel zum Eigenvertrieb haben wir den Einmaleffekt, dass bisherige Vertriebspartner ihre Läger leerräumen und der Lageraufbau in unserer eigenen Vertriebskette erst später zu Umsatz wird. Zusätzlich gibt es eine kleine Verzögerung bei der Neukundengewinnung, weil wir hier erst zum Jahreswechsel 2019 richtig durchstarten können. Mitte 2019 geht dann unsere neue Produktion an den Start und wir werden die Kapazitäten damit verdreifachen.

www.4investors.de: Welche Margeneffekte bei Creamino erhoffen Sie sich von dieser deutlichen Zäsur beim Vertrieb des Produkts?

Seibel:
Aus Wettbewerbsgründen berichten wir keine Umsätze und Margen auf Produktebene. Ich hoffe hier auf Ihr Verständnis. Im Bereich Specialty Chemicals, zu dem Creamino zählt, haben wir allein vom ersten Halbjahr 2017 auf 2018 das EBITDA um 25,4 Prozent gesteigert und die entsprechende Marge um 2,2 Prozentpunkte auf 26,0 Prozent verbessert. Hier sehen wir durchaus weiteres Potenzial, wenn der Eigenvertrieb vollumfänglich greift.

www.4investors.de: Ist 2019 und 2020 durch die Vertriebsumstellung mit verstärkten Unsicherheiten bei AlzChem zu rechnen?

Seibel:
Nein, wir hatten ausreichend Vorlauf für diesen strategischen Schritt. Speziell 2019 haben wir sehr konservativ geplant, damit es keine Überraschungen gibt. Und man darf auch nicht vergessen: Creamino ist ein Produkt mit toller Perspektive, aber wir stehen gerade bei Specialty Chemicals auf einer sehr breiten und wachstumsstarken Basis von ganz unterschiedlichen Produkten.

www.4investors.de: Es bestehen bei AlzChem drastische Margenunterschiede im operativen Geschäft zwischen der Sparte Spezialchemie auf der einen Seite und den Basis- und Zwischenprodukten, die kaum Rendite abwerfen, auf der anderen Seite. Wie wollen Sie die Rentabilität dieses Sektors steigern?

Seibel:
Bei Specialty Chemicals sind in der Tat ganz ausgezeichnete Margen möglich. Nehmen Sie den letzten 6-Monatszeitraum mit einer EBITDA-Marge von 26 Prozent. Diese Rendite können wir bei Basics + Intermediates nicht erreichen. Das wissen wir und das akzeptieren wir. Zum einen setzen wir hier bei einem entsprechenden Produktmix sowie einer Entspannung auf der Preisseite an, bevorzugt bei der Beschaffung oder, wenn das nicht möglich ist, auch auf der Absatzseite. Zum anderen bieten sich auch bei Basics + Intermediates attraktive Opportunitäten, weshalb wir derzeit rund 7 Millionen Euro in den Ausbau unseres Nitril-Geschäfts mit seinen durchaus auskömmlichen Margen investieren.

Was noch viel wichtiger für das Gesamtbild ist: Wir sind ein Unternehmen, das sich über seine Verbundproduktion definiert, über die wir also unsere eigenen Vorprodukte herstellen und diese gleichzeitig auch an Dritte vermarkten. Unabhängig von der Marge ist es für uns von enormer strategischer Bedeutung und gleichzeitig ein entscheidender Wettbewerbsvorteil, dass wir die gesamte Wertschöpfung in unserem Haus haben.

www.4investors.de: Befürchten Sie für AlzChem negative Effekte aus den zunehmend schärfer werdenden internationalen Handelskonflikten und einer wachsenden Tendenz diverser Politiker, protektionistisch zu agieren?

Seibel:
Wir profitieren über das gesamte Produktspektrum hinweg von drei globalen Trends: Bevölkerungswachstum, gesundes Altern und Energieeffizienz. Sehr viele unserer Produkte bieten Lösungen zu Fragestellungen, die sich in diesen drei Feldern ergeben. Deshalb ist mir um die generelle Entwicklungsrichtung gar nicht bange. Aber uns stört es natürlich auch, dass die aktuellen Handelskonflikte sich zunehmend zu einer Belastung für die Weltkonjunktur entwickeln und das Wachstum bremsen. Für unser Unternehmen sind die Effekte aber derzeit noch sehr überschaubar und gut beherrschbar.

www.4investors.de: An der Börse gab es Kursverluste für die AlzChem Aktie, nachdem Sie die Zahlen für das Rumpfgeschäftsjahr 2018 vorgelegt haben. Zeitgleich sei man mit den Zahlen zufrieden, heißt es aus dem Unternehmen. Wie zufrieden sind Sie mit der Aktienkursentwicklung bisher?

Seibel:
Aktuell wird unsere gute Geschäftsentwicklung etwas überlagert von der Ankündigung der Großaktionäre, den Streubesitz zu erhöhen und Anteile abgeben zu wollen. Ich begrüße diese Entscheidung und denke, das ist für unsere Entwicklung am Kapitalmarkt richtig und wichtig, auch wenn es aktuell die Aktienkursentwicklung limitieren dürfte, zumindest bis die Transaktion abgeschlossen ist.

www.4investors.de: Ihre Großaktionäre wollen nun AlzChem Aktien platzieren, was mit einer geplanten Erhöhung des Streubesitzes begründet wurde. Kann man diese Maßnahme auch als Auftakt einer Art „IR-Offensive” verstehen?

Seibel:
„Offensive“ klingt mir zu sehr nach Kurzfristigkeit und Effekthascherei. Wir wollen unser Standing am Kapitalmarkt mit einer langfristigen Perspektive nachhaltig weiterentwickeln. Eine Börsennotierung ist für uns kein Selbstzweck, sondern soll uns neue finanzstrategische Möglichkeiten eröffnen. Und die Entwicklung soll natürlich auch allen unseren Aktionären Freude machen. Dazu sind ein größerer Freefloat und eine weiterhin aktive IR-Arbeit notwendig, damit wir auch für Fonds und institutionelle Anleger interessant sind.

www.4investors.de: Wann ist mit der Platzierung zu rechnen und um welche Größenordnung dürfte es sich ungefähr handeln?

Seibel:
Die Altaktionäre haben uns signalisiert, dass sie diesen Schritt kurzfristig gehen wollen. Ich rechne in den nächsten Wochen damit. Die genauen Daten kennen wir noch nicht. Aus der Sicht des Unternehmens AlzChem erscheint mir eine Größenordnung von einem Drittel des Kapitals im Freefloat als sehr gesunder Schritt, um unsere Entwicklung am Kapitalmarkt erfolgreich gestalten zu können. (Redakteur: Michael Barck)


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