Bank J. Safra Sarasin: Verlängerung des EZB-Kaufprogramms wahrscheinlich

06.09.2016, 15:36 Uhr - Autor: Kolumnist  Kolumnist auf Twitter  | 4nvestors auf: Twitter | Google News | Facebook

Öffentlich hat sich EZB-Präsident Draghi zuletzt sehr zurück gehalten. Man könnte fast den Eindruck bekommen, die EZB wolle keine unnötige Aufmerksamkeit auf ihre Sitzung am Donnerstag lenken. Dabei stehen wichtige Entscheidungen an. Technische Parameter des EZB-Kaufprogramms müssen verändert werden, wenn es weiter operationalisierbar sein soll. Zudem wird die EZB feststellen müssen, dass ihre bisherigen Inflations- und Wachstumsprognosen wieder etwas zu optimistisch gewesen sind.

Auf ihrer Sitzung am Donnerstag wird die EZB bei ihren Prognosen Anpassungsbedarf nach unten realisieren. Nicht dramatisch viel – auf wahrscheinlich 1,5% für das Wachstum und 1,2% für die Inflation im nächsten Jahr; aber dennoch genug, um nicht ganz zufrieden sein zu können. Dass die Inflationsentwicklung auf einem nachhaltigen Pfad in Richtung 2% ist, kann die EZB jedenfalls noch nicht feststellen. Zuletzt lag die Jahresrate bei 0,2% und auch die Inflationserwartungen an Finanzmärkten und in Umfragen bleiben viel zu niedrig. Was tun? Bislang hat die EZB betont, dass sie ihr Kaufprogramm solange fortsetzen wird bis sie die Inflationsentwicklung auf einem nachhaltigen Pfad hin zu ihrer Inflationsnorm sieht. Das spricht aus heutiger Sicht klar für eine Verlängerung des Programms über März 2017 hinaus. Sicherlich könnte man dies auch noch im Dezember beschließen. Die EZB riskierte dann aber eine hohe Volatilität an den Finanzmärkten, die sicherlich gerne etwas Planungssicherheit bezüglich der zu erwartenden Nachfrage von Zentralbankseite hätten. 80 Mia. Euro pro Monat mehr oder weniger Nachfrage nach Anleihen in der Währungsunion macht nicht nur einen kleinen Unterschied aus.

Wichtig zu klären wäre auch, wie das Kaufprogramm in Zukunft umgesetzt werden kann. Derzeit gehen vor allem der deutschen, finnischen, portugiesischen und irischen Zentralbank die verfügbaren Anleihen aus. Die EZB sollte daher schnell beschließen, welche zusätzlichen Anleihen erworben werden dürfen. Am einfachsten wäre es, wenn die EZB erlauben würde, Anleihen mit einer Rendite zu kaufen, die niedriger ist als ihr Einlagensatz von aktuell –0,4%. Zusätzlich könnte sie die Grenze hochsetzen, die das Eurosystem an einer bestimmten Emission und von einem einzelnen Schuldner hält. Käufe von Aktien hätten sicherlich auch einige Vorteile, aber für solch eine Maßnahme bräuchte die EZB wohl noch mehr Zeit. Das gleiche dürfte für tiefere Zinsen gelten, gegen die sich die öffentliche Stimmung immer stärker wendet. Das würde Draghi zwar wohl nicht von einer Zinssenkung abhalten, aber er würde sie idealerweise wohl etwas stärker verbal vorbereiten. Auf den aktuellen Wechselkursniveaus gehen wir aber nicht mehr von einer weiteren Verringerung der Zinsen aus. In jedem Fall dürfte Draghi die jüngsten Aufforderungen seines Direktoriumskollegen Cœuré wiederholen. Die unkonventionelle Geldpolitik bedarf der Unterstützung anderer Politikbereiche. Sonst besteht das Risiko, dass sie viel länger braucht, um erfolgreich zu sein. Aus temporär angedachten würden dann permanente geldpolitische Maßnahmen. Unerwünschte Risiken und Nebenwirkungen wären dann nicht mehr auszuschließen.

Disclaimer: Dieser Text ist eine Kolumne der Bank Sarasin. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!



Nachrichten und Informationen zur Bank Sarasin-Aktie

19.07.2017 - Schweizer Wirtschaft profitiert von europäischem Wachstum – Sarasin Kolumne
20.06.2017 - Europa funktioniert! – Bank Sarasin Kolumne
31.01.2017 - Italien ist wieder auf der politischen Achterbahn – Bank Sarasin Kolumne
17.01.2017 - Trump und die Börse: Die Flitterwochen sind schon vorbei – Bank Sarasin Kolumne
13.12.2016 - Jahresausblick 2017: Aussicht auf finanzpolitischen Rückenwind – Bank Sarasin Kolumne
20.09.2016 - Bank J. Safra Sarasin: Deutschland braucht Inflation und keine Mietpreisbremse
30.08.2016 - Bank J. Safra Sarasin: Wichtigeres als die nächste Zinserhöhung
09.08.2016 - Bank J. Safra Sarasin: US-Regulation wirkt wie eine Fed-Zinserhöhung
19.04.2016 - Bank J. Safra Sarasin: Hohe Sparquote ist keine Reaktion auf Negativzinsen
12.04.2016 - Bank J. Safra Sarasin: Negativzinsen werden immer normaler
02.02.2016 - Bank J. Safra Sarasin: Globale Zinsentwicklung – Niedrigzinsumfeld verlängert sich
23.12.2015 - Sarasin: Den Einfluss der Politik nicht unterschätzen – Gefahr zunehmender Regionalisierung
17.11.2015 - Bank J. Safra Sarasin: Die politischen Risiken bleiben hoch
25.08.2015 - Bank J. Safra Sarasin: China öffnet Türe für weitere Abwertungen
18.08.2015 - Bank J. Safra Sarasin: Chinas schwieriger Balanceakt
28.04.2015 - Bank J. Safra Sarasin: Finanzmärkte im Netz der Politik
18.03.2015 - Bank J. Safra Sarasin: Aufschwung von zyklischen Aktien ist nicht von Dauer
17.02.2015 - Bank J. Safra Sarasin: Euroland zurück auf dem Wachstumspfad
10.02.2015 - Bank J. Safra Sarasin - Dollarstärke: Konsens als Gefahr
03.02.2015 - Bank J. Safra Sarasin: Turbulenter Start ins Jahr für die Anleihen


All Right Reserved by minimalthemes - ©2018 Stoffels & Barck GbR