SendR: „Wir stehen erst am Anfang unserer Erfolgsstory“

Henning Thieß, Vorstand von SendR, im Interview mit der Redaktion von www.4investors.de. Bild und Copyright: SendR.

Henning Thieß, Vorstand von SendR, im Interview mit der Redaktion von www.4investors.de. Bild und Copyright: SendR.

Nachricht vom 16.02.2016 16.02.2016 (www.4investors.de) - Noch ist SendR vermutlich nur ausgewiesenen Experten ein Begriff. Wenn man den Plänen von Henning Thieß, Vorstand von SendR, zuhört, so könnte sich dies bald ändern. Thieß will mit seiner Gesellschaft weiter expandieren. Mit der Übernahme von Phonofile wurde der Anfang bereits gemacht. Im Interview mit der Redaktion von www.4investors.de erläutert der Manager seine weiteren Pläne. Dabei spielen iTunes, Spotify, YouTube oder auch Amazon Music eine wichtige Rolle.

www.4investors.de: SendR ist den meisten Investoren bisher kein Begriff. Erklären sie bitte in drei Sätzen, was sie machen.

Thieß:
Die SendR SE ist mit ihren Tochtergesellschaften einer der Pioniere im Bereich des digitalen Vertriebs von Musiktiteln. Mit einem Katalog von nunmehr über 170.000 Künstlern und mehr als 1.200.000 Titeln ist die SendR-Gruppe eines der führenden unabhängigen Clearing-Häuser für die digitale Auswertung von Musikrechten. Das Geschäftsmodell der SendR-Gruppe besteht somit aus dem Einkauf von Lizenzrechten von Independent Musik-Labels und dem anschließenden Weiterverkauf über ein breites Spektrum von Onlineportalen wie iTunes und Streaming-Plattformen wie Spotify.

www.4investors.de: Wieso kommunizieren die Rechteinhaber nicht direkt mit den Endkundenportalen, warum gibt es einen „Zwischenhändler“?

Thieß:
Wir sind seit vielen Jahren Partner bei über 450 Plattformen/Kanälen (wie bspw. iTunes, Spotify, Deezer, Amazon Music), die Musiktitel, Hörbücher, Musikvideos usw. an die Endkunden vertreiben. Es ist für die einzelnen Labels bzw. Künstler nicht möglich, den Zugang zu allen Portalen zu haben. Dieses können die einzelnen Plattformen ebenfalls nicht bewältigen, da sie ja mit jedem Künstler oder Label Einzelverträge schließen müssten. Daher gibt es uns als so genanntes Clearing-Haus seit 2003. Einfach dargestellt ist es technisch nicht möglich, das bspw. ein Künstler seine Musik direkt an den Endkunden anbietet. Dafür braucht es im digitalen Bereich die Plattformen wie iTunes, YouTube oder Spotify, die die gesamte Musikpalette bündeln. Wir wiederum bündeln einen Großteil der Independent Musik-Labels, die ca. 30 Prozent des gesamten Musikmarktes ausmachen, damit wiederum iTunes, YouTube oder Spotify überhaupt die Musikpalette anbieten kann bzw. darf.

www.4investors.de: Sie haben jüngst die Phonofile AS aus Nordeuropa übernommen. Beide Gesellschaften sollen auch künftig eigenständig agieren. Warum?

Thieß:
Jedes Land und damit auch die Bewohner haben unterschiedliche kulturelle Prägungen. So finden sie beispielsweise bei Spotify je Land unterschiedliche so genannte „Playlists“, die entsprechend nach den Wünschen bzw. Bedürfnissen ausgerichtet sind, die aus einem Land oder einer Region kommen. So ist es auch im Zusammenschluss mit der Phonofile AS notwendig, diese Bedürfnisse zu respektieren. Entsprechend werden die Gesellschaften weiterhin eigenständig agieren und die Musiktitel vertreiben - aber unter dem gemeinschaftlichen Dach der SendR SE, die entsprechende Mehrwerte für die Tochtergesellschaften zur Verfügung stellen kann.

www.4investors.de: Zusammen wollen sie mit der Phonofile AS neue Strategien planen. Wie sehen diese aus?

Thieß:
Wie bereits in der Vergangenheit geht es uns darum, stetig und nachhaltig bei weiterhin hoher Profitabilität zu wachsen. Dieses bringt einerseits Vorteile für unsere Künstler bzw. Labels, da sie durch unser Wachstum weltweit in jeder Region über uns vertrieben werden. Andererseits gibt es – wie in fast jedem Unternehmen – eine so genannte Fixkostendegression. Das bedeutet, dass jeder Cent, der bei uns eingespielt wird, auch fast vollständig in das Ergebnis einfließt – und das wiederum erfreut unsere Aktionäre. Zusammen mit der Phonofile AS decken wir nunmehr die gesamte Palette des Vertriebs weltweit ab. Die Strategie aus der künftigen Zusammenarbeit besteht somit darin, die jeweils vertriebenen Künstler bzw. Labels in den regionalen Marktnischen zu vertreiben, die bisher von dem jeweiligen Unternehmen noch nicht vollständig abgedeckt waren. So können insbesondere die originären Lizenzgeber der Phonofile AS nunmehr davon profitieren, dass in der SendR SE mehr Vertriebsmöglichkeiten genutzt werden können und sich damit aus demselben Lizenzkatalog mehr Umsatz und Gewinn realisieren lässt.

www.4investors.de: Welche Pläne gibt es hinsichtlich der internationalen Expansion?

Thieß:
Wie bereits gesagt, die internationale Expansion ist das Wichtigste eines Unternehmens im Musikbereich, damit unsere Künstler bzw. Labels zufrieden sind und wiederum kein Label mehr den Bedarf sehen sollte, neben uns andere Lizenzpartner involvieren zu müssen.

www.4investors.de: Welchen Marktanteil haben sie derzeit in Europa?

Thieß:
Es gibt zurzeit noch keine Markterhebungen, wer aus welchem Land wie viel zum Download bzw. Streaming von Musiktiteln im Independent-Bereich beisteuert. Wir wissen jedoch, dass wir mit wenigen weiteren Marktteilnehmer, den Markt kann man als Oligopol betrachten, zu den Marktführern Europas gehören.

www.4investors.de: Sie haben jüngst ihren Aktionsradius auf China, Südkorea und Indonesien ausgeweitet. Was kann man von dort erwarten? Welchen Umsatzanteil wird diese Region 2016 bringen?

Thieß:
Wir erwirtschaften aktuell rund 65 Prozent unserer Erlöse in Europa und 30 Prozent in Amerika. Somit ist der asiatische Markt mit rund 5 Prozent der Umsätze für uns noch in der Entwicklungsphase. Entsprechend liegt in unserer Wachstumsstrategie natürlich ein erhöhtes Interesse in der Marktdurchdringung dieses Marktes. Durch unsere Kooperationen und Satelliten sowie dem Zusammenschluss mit der Phonofile AS können wir diesen Markt nunmehr umfassender bearbeiten. Wir gehen daher davon aus, dass kurzfristig (noch nicht in 2016) die Region 15 Prozent zu unseren Umsatzerlösen beisteuern sollte.

www.4investors.de: Gibt es weitere Akquisitionspläne in der Schublade?

Thieß:
Wir stehen erst am Anfang unserer Erfolgsstory. Wir wachsen seit Jahren organisch um mehr als 15 Prozent pro Jahr, sind stets hochprofitabel und haben keine Schulden. Sie werden entsprechend verstehen, dass wir weitere Akquisitionen tätigen möchten, um anorganisch noch schneller wachsen zu können. Bereits seit 1985 befindet sich der Markt der Musik-Labels im Wandel. Auf Grund starker M+A-Aktivitäten ging die Anzahl der so genannten „Majors“ (Warner, Sony und Universal) von mehreren Dutzend auf nunmehr 3 zurück. Eine entsprechende Tendenz wird es in der Zukunft auch im Independent-Musikmarkt geben – und hier möchten wir natürlich ganz oben stehen. Die Details diesbezüglich muss ich verständlicherweise noch geheim halten.

www.4investors.de: Ihr zweiter Vorstand Oke Göttlich ist zugleich Präsident des FC St. Pauli und beim Verband unabhängiger Musikunternehmen tätig. Kann man alle diese Posten gleichzeitig problemlos ausführen?

Thieß:
Zunächst möchte ich klarstellen, dass ich mit Fußball leider und zum Glück keinerlei emotionale Nähe verspüre. Von daher kann man ruhig davon ausgehen, dass es gerade in Bezug auf jenes Mandat zu einer sehr nüchternen und objektiven Bewertung kam und diese fortlaufend aktualisiert wird. Generell ist in der Medienszene Präsenz und Networking ein wichtiger Bestandteil der Vermarktung. Oke Göttlich ist daher nicht nur Präsident des FC St. Pauli, sondern – wie auch ich - Mandatsträger bei weiteren Organisationen im Medienbereich. Dieses ist nicht kontraproduktiv, sondern vielmehr förderlich für Kooperationen und Markteintritte in Nischen.

www.4investors.de: Mit Erik Brataas von Phonofile wird SendR ein weiteres Mitglied im Direktorat bekommen. Was wird seine Aufgabe sein?

Thieß:
Wie auch bisher, hat jeder Direktor der SE sein eigenes Aufgabengebiet. Ich bearbeite vornehmlich die organisatorischen, technischen und rechtlichen Aspekte, während sich Oke Göttlich für die Kundenakquise hauptverantwortlich zeichnet. Mit Erik Brataas wird die Akquise nunmehr über zwei Direktoren ausgeführt, die damit ihre jeweiligen länderspezifischen Kontakte besser bearbeiten können.

www.4investors.de: Sie kaufen Lizenzen von unabhängigen Labels ein und geben diese an die Branchengrößen weiter. Was bleibt dabei bei ihnen hängen?

Thieß:
Grundsätzlich kann man sagen, dass wir etwas mehr als 20 Prozent für den Vertrieb, die digitale Aufarbeitung, Speicherung, Abrechnung, etc. von dem einbehalten, was der Künstler bzw. das Label als Vergütung erhält. Diese Marge ist im Vergleich zum physischen Vertrieb (CD, Vinyl) geringer, dafür tragen wir aber auch keine finanziellen Risiken insbesondere für Lagerhaltung und -bewirtschaftung, sowie aus Vorinvestitionen (bspw. der Produktion von CDs oder Ähnlichem), da wir nur die digitalen Lizenzen vertreiben. Ggf. geringe Nachfrage nach einzelnen Musiktiteln tangiert uns daher nicht substanziell, während die physischen Vertriebe auf den CD-Bergen sitzen bleiben und den Bestand abschreiben müssen.

www.4investors.de: Sind sie ein Übernahmekandidat?

Thieß:
Da können sie von ausgehen, aber Spaß beiseite: Bereits vor der Übernahme der Phonofile AS haben wir einige Anfragen erhalten, diese aber bisher immer abgelehnt, da wir erst am Anfang des Rollouts unserer Strategie und der Marktentwicklung im digitalen Musikmarkt stehen. Warum sollten mein Kollege und ich daher auf dem jetzigen Niveau die Mehrheit abgeben?

www.4investors.de: Im Sommer 2015 war ihr Unternehmen ins Gerede gekommen, da Newsletter ihre Aktien pushten. Sie haben damals betont, dies nicht veranlasst zu haben. Gleichzeitig haben sie mit der BaFin kooperiert. Ist diese Sache inzwischen erledigt?

Thieß:
Das war wirklich keine schöne Sache, da man versucht hat, mit unserer Aktie zu spielen. Wir haben darauf sofort reagiert und einen Wertpapierprospekt erstellen lassen, der Ende November 2015 von der BaFin gebilligt wurde, um die Seriosität unseres Unternehmens zu manifestieren. (Redakteur: Johannes Stoffels)


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