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Kolumnen

Aberdeen AM: Lateinamerika hat mehr zu bieten als Brasilien

21.07.2010 - Disclaimer: Der nachfolgende Text ist eine Kolumne von Aberdeen Asset Managers. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!



Mexiko, Chile und Kolumbien als ausgewählte Frontiermärkte mit attraktiven Anlagechancen

Kommentar von Brett Diment, Senior Investmentmanager Schwellenländer

Ähnlich wie Fußballfans, die bei Lateinamerika vorwiegend an Brasilien denken, richten viele Investoren ihren Blick selten auf die übrigen südamerikanischen Länder. Zu dominant erscheint das Land am Zuckerhut in Bezug auf Wirtschaftsleistung, Größe und Bevölkerung. Stehen dort wichtige Ereignisse wie die Präsidentschaftswahlen in diesem Oktober oder die Fußball-WM im Jahr 2014 an, zieht Brasilien noch mehr Aufmerksamkeit auf sich. Dieser einseitige Fokus ist ein Fehler, wie schon das diesjährige WM-Turnier in Südafrika zeigte: Sogar das kleine Uruguay schnitt besser ab als die Ballkünstler von der Copacabana. „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, wusste der legendäre Nationaltrainer Sepp Herberger. Nachdem Brasilien in den letzten Jahren wirtschaftlich die Nase vorn hatte, könnten jetzt interessantere Anlagechancen in anderen Ländern Lateinamerikas warten.

Südamerikanische Länder als solide, kontinuierliche Wachstumsmotoren
Ein Grund ist die Transformation des Kontinents. Lateinamerika stand früher vor allem für schwache Regierungen, Hyperinflation sowie die Abhängigkeit von Rohstoffen und den USA. All dies hat sich inzwischen geändert. Als Reaktion auf die Krisen der Vergangenheit haben viele Regierungen in den letzten zehn Jahren ihre Haushalte ins Gleichgewicht und die Inflation unter Kontrolle gebracht, die wachsende Rohstoffnachfrage sorgte zudem in den ressourcenreicheren Staaten für Handelsbilanzüberschüsse. Auch Steuerreformen und eine vorsichtige Ausgabenpolitik machten die Volkswirtschaften stabiler und weniger abhängig vom Zufluss ausländischen Kapitals. Anders als in den USA, Großbritannien oder manchen Eurozone-Staaten, deren Haushaltsdefizite bei etwa zehn Prozent liegen, rangiert das Defizit in Brasilien, Chile, Mexiko und anderen Ländern Lateinamerikas zwischen 1,6 und 3,4 Prozent. Die Staatsverschuldung ist oft viel niedriger als in entwickelten Nationen, was die Anleihen lateinamerikanischer Länder überaus attraktiv macht, denn die Renditen sind meist höher als bei vergleichbaren Papieren aus Industrienationen.

Attraktive Anlagechancen in Mexiko
Nicht nur die Staaten, auch die Unternehmen aus Lateinamerika haben ihre Hausaufgaben in den letzten Jahren gemacht. Ihre Schuldenstände sind innerhalb der letzten Dekade gesunken, während die Profitabilität gestiegen ist. Viele Firmen haben zudem erkannt, dass Wettbewerbsfähigkeit nur durch die Grundsätze bester Unternehmensführung erreichbar ist. Ein Beispiel ist das mexikanische Finanzinstitut Banorte, dem zugute kommt, dass Bankdienstleistungen für Privatkunden auf seinem Heimatmarkt noch unterentwickelt sind. In Mexiko kommen auf 100.000 Einwohner lediglich zehn Bankfilialen und 30 Geldautomaten, während in den USA für die gleiche Einwohnerzahl 38 Filialen und 138 Geldautomaten zur Verfügung stehen. Banorte hat nicht nur ein starkes Geschäftsmodell, die Bank überstand dank konservativer Unternehmensführung und starker Kapitalausstattung auch die Finanzkrise relativ gut, sodass sie vom nächsten Aufschwung stark profitieren wird.

Dieser Aufschwung dürfte kommen. Prognosen zufolge soll im Jahr 2011 die Wirtschaft in Chile um 5,1 Prozent und in Mexiko um 3,6 Prozent wachsen, während Großbritannien und der Eurozone Wachstumsraten von nur 2,3 und 1,5 Prozent vorausgesagt werden. Dabei ist Lateinamerika längst mehr als eine Wette auf Rohstoffe, ebenso bedeutsam ist der Anstieg des Binnenkonsums. Getragen wird er von den schnell wachsenden und im Schnitt sehr jungen Bevölkerungen, deren größter Teil in den nächsten Jahren ins Arbeitsleben eintreten wird. Dieser große demografische Vorteil ist noch beeindruckender, wenn man ihn mit der Lage in den Industrienationen vergleicht, deren Wachstum durch alternde Bevölkerungen eingeschränkt wird. In Japan beispielsweise haben über 20 Prozent der Menschen das 65. Lebensjahr überschritten, in den USA, Großbritannien und der Eurozone liegt dieser Wert bei 15 Prozent. Die Gruppe der Älteren wird dort weiter zunehmen, während etwa in Chile, Kolumbien und Mexiko der Anteil der Rentner im einstelligen Bereich liegt.

Positive Entwicklung bei Dividendenausschüttung lateinamerikanischer Aktien
Die Mischung aus seriöserer Finanz- und Wirtschaftspolitik, Qualitätsverbesserungen der Firmen und günstiger Demografie kommt besonders Banken, lokalen Einzelhandelsunternehmen oder Konsumartikelherstellern zugute. Lateinamerikanische Aktien überzeugen aber nicht nur durch gute Wachstumsaussichten, auch die Dividendenkultur entwickelt sich positiv. Ein Beispiel dafür ist Kimberley Clark de Mexico, ein führender Hersteller von Haushalts- und Hygienepapierprodukten in Mexiko. Dank des starken Cash-flow kann das Unternehmen eine Dividendenrendite von 4,7 Prozent anbieten. Die Dividenden in Lateinamerika sind zuletzt schneller gestiegen als in vielen anderen Schwellenmärkten und in den entwickelten Nationen. Dies muss zwar nicht unbedingt so bleiben, weil in einer unsicheren Welt überschüssiges Geld von Schwellenländer-Firmen mitunter eher gehortet oder investiert wird. Dennoch bieten Investitionen in Lateinamerika nicht nur gute Chancen auf Kapitalzuwachs, sondern auch auf regelmäßige, hohe Ausschüttungseinnahmen.

Umsichtige Länder- und Aktienselektion weiterhin wichtig
Natürlich gibt es in Lateinamerika auch Staaten, die sich nicht auf die Marktkräfte verlassen wollen. In Venezuela etwa hält der kürzlich wiedergewählte Präsident Hugo Chavez weiterhin an seiner populistischen, auf den riesigen Ölressourcen des Landes aufbauenden Politik fest, während ein großer Teil der Bevölkerung in Arbeitslosigkeit verharrt. Inspiriert von Chavez und gestützt auf die hohen Rohstoffpreise betreiben andere lateinamerikanische Länder wie Bolivien eine ähnliche Politik, die auch Verstaatlichungen umfasst. Kurzfristig ist dies populär, langfristig machen solche Maßnahmen die unausweichlichen wirtschaftlichen Anpassungen sehr viel schwerer. In anderen, marktfreundlicheren Staaten müssen die Regierungen aufpassen, dass ihre Volkswirtschaften nicht überhitzen und sich Anlageblasen bilden. Auf lange Sicht ist der Zufluss ausländischen Kapitals aber positiv, weil er die Liquidität an den Märkten erhöht und günstigere Finanzierungsquellen bereitstellt, vor allem in den großen, Rohstoffe exportierenden Ländern mit besserem Zugang zum internationalen Finanzmarkt. Für manche Investoren mag Lateinamerika noch nicht die erste Wahl bei der Geldanlage sein, doch seine relative Stärke und seine anhaltend positive Entwicklung sollten nicht übersehen werden. Das gilt vor allem für jene Länder, die noch im Schatten Brasiliens stehen.
( extern )

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