Bank J. Safra Sarasin: Verfolgt die EZB noch das richtige Ziel?

Zentrum der geldpolitischen Macht: Das Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.

Zentrum der geldpolitischen Macht: Das Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.

Nachricht vom 26.01.2016 (www.4investors.de) - Ein formelles Inflationsziel hat die EZB gar nicht. Sie verklausuliert ihre Inflationsnorm dafür hinter einer komplizierten Formulierung, die ihre Vorstellung von Preisstabilität erklärt. Umso deutlicher macht Präsident Draghi allerdings, dass er alles zu tun beabsichtigt, dass die Inflationsraten wieder in Richtung 2% zurückkehren. Dabei scheint ihm jedes Mittel recht zu sein. Die Statuten der EZB begrenzen ihn nicht, sodass sich die Frage ergibt, ob der geldpolitische Kurs der EZB nicht zunehmend unerwünschte Nebenwirkungen hat und zu hohe Risiken birgt.

Es ist klar, dass die EZB ihre Inflationsprojektionen von Dezember herunter revidieren muss: Ein 40 prozentiger Rückgang des Ölpreises, eine schwächere Weltkonjunktur und auch eine überraschend niedrige Kerninflationsrate bei den letzten veröffentlichten Daten von Ende Dezember machen das unerlässlich. Fraglich ist aber, ob Zentralbanken darauf sofort mit einer expansiveren Geldpolitik reagieren müssen. Ja, sagen die einen, da auch die mittelfristigen Inflationserwartungen gesunken sind und man verhindern müsse, dass die offiziellen Inflationsziele unglaubwürdig werden. Nein, sagen andere, da die Inflationsziele sowie so zu hoch seien für das aktuelle und zukünftige Umfeld. Demographische Trends und ein hoher globaler Wettbewerb würden höhere Inflationsraten auch mittelfristig verhindern.

Die EZB argumentiert, dass man weder das aktuelle Unterschießen der Inflationserwartungen akzeptieren oder die Inflationsnorm absenken dürfe, da dies de facto eine Verschärfung der Geldpolitik zur Folge habe. Schließlich würden sich die Realzinsen aus der Differenz von aktuellen Nominalzinsen abzüglich der Inflationserwartungen ergeben. Die Geldpolitik hätte daher die Aufgabe, mit ihrer Geldpolitik alles zu tun, um die Inflationserwartungen wieder zu erhöhen. Am besten unverzüglich, sodass die Realzinsen sich erst gar nicht auf niedrigerem Niveau einpendeln. Dabei scheint der EZB jeder Mitteleinsatz recht zu sein. „There is no limit“, ließ Präsident Draghi auf der Pressekonferenz letzten Donnerstag wissen.

Das Mandat der EZB ist tatsächlich nicht konditioniert. Aber darf und sollte sie daher wirklich alles und in jedem Umfeld versuchen, ihre Preisstabilitätsdefinition zu erreichen? Oder müsste sie nicht auch die Kollateralschäden ihrer Geldpolitik mitberücksichtigen? Diese bestehen beispielsweise in einem niedrigeren Wechselkurs, der die inländische Kaufkraft von ausländischen Waren reduziert. Würde beispielsweise der Wechselkurs durch Devisenmarktinterventionen um 90% abgewertet, dann wäre die Inflationsrate in Euroland sicherlich höher. Aber heißt die Aussage, dass es beim Instrumenteneinsatz keine Grenze gibt, dass dies wirklich möglich ist?

Bei der Bilanzsumme stellt sich eine ähnliche Frage. Die EZB könnte durch den massiven Aufkauf von privaten Schuldtiteln, die Risikoprämien soweit senken und Liquidität soweit erhöhen, dass die Kreditvergabe noch stärker ansteigt – wahrscheinlich dann auch verstärkt nicht-rentable Projekte finanziert würden. Erkauft würde das mit hohen Risiken für ihre eigene Bilanz und damit letztlich für die europäische Finanzpolitik, die bei Zahlungsausfall für die Rekapitalisierung der EZB zuständig wäre.

Die Schweizerische Nationalbank hatte vor rund einem Jahr entschieden, dass sie nicht mehr alle Bilanzrisiken akzeptiert, um den Wechselkurs stabil und die Inflation im positiven Bereich zu halten. Die EZB scheint dies anders zu sehen und ihr Mandat scheint sie dabei nicht zu begrenzen. Wenn das aber so ist, dann braucht es eine öffentliche Diskussion, welche Kosten wir bereit sind zu tragen, damit die EZB ihre Definition von Preisstabilität erreicht. Zu vermuten wäre, dass die Steuerzahler, Importeure und Verbraucher nicht mit „there is no limit“ antworten würden.

Disclaimer: Dieser Text ist eine Kolumne der Bank Sarasin. Der Inhalt der Kolumne wird von 4investors nicht verantwortet und muss daher nicht zwingend mit der Meinung der 4investors-Redaktion übereinstimmen. Jegliche Haftung und Ansprüche werden daher von 4investors ausdrücklich ausgeschlossen!


PfeilbuttonWie QSC-Chef Hermann Umsatz und Gewinn steigern will - jetzt im Exklusiv-Interview




+++ Exklusive Interviews und Analysen - gratis in Ihre Mailbox! +++

Tragen Sie sich jetzt für unseren kostenlosen 4investors Newsletter ein.


Bestätigungslink nicht per Mail bekommen? Bitte kontrollieren Sie Ihren Spamordner!

Der 4investors Newsletter erscheint unregelmäßig, i.d.R. 2 bis 6 Mal pro Monat. Wir geben ihre Mailadresse an keinen Dritten weiter! Sie können den kostenlosen 4investors Newsletter jederzeit problemlos wieder abbestellen.
comments powered by Disqus

News und Informationen zur Euro Aktie

13.07.2015 - Griechenland-Krise: Weißer Rauch aus Brüssel - DAX und Euro gewinnen deutlich

Aktie: Euro | WKN: 965275 | ISIN: EU0009652759 | Branche: Währung Europa - Wechselkurs EUR/US-Dollar




Weitere Nachrichten aus der 4investors-Redaktion

26.09.2016 - Decheng Technology: Klares Gewinnplus
26.09.2016 - Enterprise Holding: Vom Handel ausgesetzt
26.09.2016 - Staramba: Starke Umsatzentwicklung
26.09.2016 - Accentro Real Estate: Zukäufe in Berlin
26.09.2016 - Ergomed: Weitere Zukäufe werden geprüft
26.09.2016 - m4e: Engere Kooperation mit Edel
26.09.2016 - Berentzen: Aurelius ist raus
26.09.2016 - Enterprise Holdings: Es wird noch schlimmer!
26.09.2016 - RHI: Borgas übernimmt
26.09.2016 - Bauer: Veränderung im Vorstand


Chartanalysen

26.09.2016 - Paion Aktie: Was kommt jetzt?
26.09.2016 - Daimler Aktie: Alles wartet auf dieses eine Signal
26.09.2016 - QSC Aktie: Alles entscheidende Tage?
26.09.2016 - Medigene Aktie vor dem Befreiungsschlag?
26.09.2016 - Wirecard Aktie: Es wird ernst!
23.09.2016 - Daimler Aktie: Das könnte gut ausgehen!
23.09.2016 - Adva Aktie: Achtung, Kaufsignal – oder doch nicht?
23.09.2016 - Paion Aktie: Ist der Durchbruch gelungen?
23.09.2016 - Deutsche Bank Aktie: Kaufen, wenn die Kanonen richtig donnern?
22.09.2016 - Nordex Aktie und die Angst vor dem Verkaufssignal


Analystenschätzungen

26.09.2016 - Lanxess: Kauf sorgt für klare Vorteile
26.09.2016 - BASF: Weiter eine Verkaufsempfehlung
26.09.2016 - adidas: Gute Kunde aus USA
26.09.2016 - Deutsche Telekom: Viele Impulsmöglichkeiten
26.09.2016 - Volkswagen: Kein wirklich positives Fazit
26.09.2016 - Lanxess: Kaufempfehlung entfällt
26.09.2016 - Bayer: Aktie erhält neues Kursziel
26.09.2016 - BASF: Asien bleibt kompliziert
26.09.2016 - K+S: Mieser Wochenstart
23.09.2016 - Drillisch: Hohe Bewertung - Verkaufsempfehlung


Kolumnen

26.09.2016 - UBS – Microsoft Aktie: Aufwärtskeil deutet auf weitere Verluste
26.09.2016 -
26.09.2016 - UBS – DAX Prognose: Gewinnmitnahmen nach guter Börsenwoche
23.09.2016 - Infineon Aktie: Neues Jahreshoch eröffnet weiteres Aufwärtspotenzial
23.09.2016 - UBS – DAX: Kraftvoller Ausbruch über 10.500-Punkte-Widerstand
22.09.2016 - UBS – ThyssenKrupp Aktie: Kurzfristig überwiegen die Abwärtsrisiken
22.09.2016 - UBS – DAX: Erneut an 10.500-Punkte-Marke gescheitert
20.09.2016 - Bank J. Safra Sarasin: Deutschland braucht Inflation und keine Mietpreisbremse
20.09.2016 - Commerzbank: Mexikanischer Peso - Ein Spiegelbild der US-Wahlumfragen
20.09.2016 - National-Bank: Impulse für die US-Bauwirtschaft?

Werbung

All Right Reserved by minimalthemes - ©2014 Stoffels & Barck GbR